«Jung & Alt»-Kolumne
Nein, ich mach hier nicht auf Lebensberater

In der «Jung & Alt»-Kolumne schreibt unser Autor Ludwig Hasler, 76, alternierend mit Samantha Zaugg, Journalistin, 26. Diese Woche erklärt Hasler, weshalb Senioren häufig als belehrend wahrgenommen werden.

Ludwig Hasler
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Einige Jugendliche sind auch in der Natur am Smartphone.

Einige Jugendliche sind auch in der Natur am Smartphone.

Keystone

Liebe Samantha

Ich hab gegoogelt: «Smartphones sind das neue Rauchen» ist unter Suchtforschern beliebt – in doppelter Bedeutung: Einerseits vertreibt der Handygebrauch herkömmliche Süchte; griffen wir nach Zigaretten und Bier, um Unsicherheiten zu überspielen, so schaut ihr heute lustige Youtube-Videos. Anderseits macht das Online-Leben selber süchtig, manche krank, die meisten gestresst. So weit ist der Fall klar.

Dich nerven die Tipps, die du von mir, von Lesern ungebeten erhältst, harmlose Anregungen aus der analogen Welt, geh in den Wald, mach was von Hand und so. Für dich der ultimative Beleg: Wir Alten haben halt doch keinen Schimmer, worum es heute geht. Das denke ich manchmal selber. Wie aber kommst du darauf, ich mache hier auf Lebensberater? Ich müsste klar seniler werden, um dir meine Kindheitsbeschäftigung als Therapie verkaufen zu wollen. Nein, mit dem Bachstauen wollte ich bloss anschaulich machen, wie anders ich aufwuchs. Kurze Erzählung einer Sozialisation von gestern.

Passiert mir nicht selten. Ich erzähl von früher – und aufgefasst wird das als Belehrung oder als Kritik an heutigen Üblichkeiten. Mag mit mir zu tun haben, ist aber, glaub ich, typisch für das, was harzt im Gespräch zwischen Jung und Alt. Rührt nicht aus mangelndem Goodwill oder vorsätzlichem Misstrauen. Ist eher ein «strukturelles» Geholper.

Uns Alten bleibt eine komische Stellung im Leben. Wir räumen die Bühne, ziehen uns zurück – nein, nicht wie einst aufs Stöckli, um weiter zu wirken, was die Kräfte hergeben und ihr Jungen duldet. Nein, wir ziehen uns von der Bühne zurück in den Zuschauerraum, werden von Akteuren zu Beobachtern. Da die Beobachterrolle (nebst Enkelhüten) unsere letzte ist, nehmen wir sie ernst – und gleichen, was wir von euch aufgeführt bekommen, mit unseren Bühnenerfahrungen ab. Erzeugt das automatisch Besserwisserei?

In früheren Gesellschaften waren die Alten die Schlausten. Hoch im Kurs dank ihrer gereiften «Weisheit», die «Erfahrung» mit «Triebstille» kombinierte. Je älter, desto freier von Gier, sexuell wie pekuniär, also gelassener, wahrheitsgeneigter. Und: je älter, desto erfahrener, kundiger, wissender. Beides rutscht grad weg. Triebstille? Wir leben stets länger, also her mit dem «Zweiten Frühling», bitte en suite. Erfahrung? Wir leben dynamisch, also gilt: Immer mehr verändert sich immer schneller, also veraltet auch immer mehr immer schneller – vor allem: unsere (analoge) Erfahrung.

Heisst das: Was wir Alten so erzählen, mag seinen poetischen Unterhaltungswert haben – zum Meistern aktueller Lagen aber taugt es nicht? Ich reiche dir die Frage, Samantha. Woran denkst du, wenn du «Erfahrung» hörst? Kannst du dir vorstellen, was unsere Erfahrung euch bringt?

Ludwig

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