«Jung & Alt»-Kolumne
Mein «komisches Verhältnis» zum Tätowieren

In der «Jung & Alt»-Kolumne schreibt unser Autor Ludwig Hasler, 77, alternierend mit Samantha Zaugg, Journalistin, 28. Diese Woche erklärt Hasler, was Tätowierungen mit Höflichkeit zu tun haben.

Ludwig Hasler
Ludwig Hasler
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Die Motive der Tätowierungen kommen auf die Haut fast wie auf eine Plakatsäule.

Die Motive der Tätowierungen kommen auf die Haut fast wie auf eine Plakatsäule.

Ralph Ribi

Liebe Samantha

Nein, selber bin ich sicher nicht tätowiert. Mir reichen die Musterungen, die das Alter von selbst auf die Haut zeichnet. Mir fehlte schon jede Lust, mich periodisch straffen zu lassen, nur damit alte Tattoos nicht so abgetakelt aussehen. Abgetakelt bin ich momentan selber. Covid-­Viren fallen neuerdings wahllos über alle her, jetzt sogar über mich. So schreibe ich diesen Brief im Bett, 39 Fieber – und bitte präventiv um Freispruch. Bin schuldunfähig.

Zur Sache. Tattoos sind mir wirklich fremd. Was hast du davon, wenn du dir eine Schlange an den Hals brennen lässt? Einen interessanteren Hals? Wozu? Zum Herzeigen? Mit welcher Botschaft? Dass du gefährlich bist? Du siehst, ich verstehe es wirklich nicht. Obwohl ich weiss, in früheren und ferneren Kulturen gab es nicht selten Tätowierungen. Sogar unser aller Ötzi sieht recht angebrannt aus. Doch so viel ich weiss, markierten damals die Zeichen meist Zugehörigkeit – zum Stamm, zur Religion. Bevor man Uniformen hatte. Heute drängen sie mir individuelle Besonderheiten oder Proteste auf.

Obwohl – die Bilder, die Geschichten, die sie auf ihrer Haut erzählen, sind gar nicht ihre eigenen, sie handeln von Tieren, Sagen, Filmen, oder was weiss ich. All diese Motive kommen auf die Haut fast wie auf eine Plakatsäule. Man gibt die Produktion seiner Erscheinung auswärts, kauft sie ein, wie andere Accessoires, Uhr, ­Handtasche, Ohrringe. So eine Art Outsourcen der Intimität. Kann man machen, klar. Nicht mein ­Geschmack.

Stecke ich damit in der Kurve, wo du das «komische Verhältnis» meiner Generation zu Tätowierungen ausmachst? Also lass ich mich auf dein Exempel ein: Meine Bankberaterin hat neu Piercing im Gesicht, Tattoo an den Händen. Zweifle ich deswegen an ihrer Kompetenz? Nein, glaub ich zumindest, Sachverstand traue ich ihr genau so viel zu wie ihrem Kollegen ohne Tattoo. Sie hat ja nicht ihr Hirn stechen lassen.

Ich frag mich nur, was sie mir damit sagen will. Nichts? Hilft es ihr zu sein, wie sie ist, quasi authentisch? Wie es auf mich wirkt, ist ihr egal? Zählt darauf, dass ich nicht auf den Lippenring starre? Oder sollte ich? Alles eine Frage der Haltung, nicht der Kompetenz. Die Bank gehört nicht ihr, ist keine Punk-Bank. Die Frau hat eine Rolle, der Witz der Rolle ist, dass sie mehr vertritt als sich selbst, nämlich die Firma. Was glaubhafter würde, hielte sie zurück mit privaten Aufdringlichkeiten.

Früher lief das unter «Höflichkeit». Höflich ist, wer andere mit seinen Privatheiten verschont. Höflichkeit ist «Befreiung von Authentizität» ­(Richard Sennett). Mag sein, wir übertrieben das früher – und legten alles Persönliche an der Garderobe ab. Müssen wir darum gleich ins Gegenteil kippen?

Ludwig

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