«Jung & Alt»-Kolumne
Fleisch und Tod und Sprache

In der «Jung & Alt»-Kolumne schreibt unsere Autorin Samantha Zaugg alternierend mit Ludwig Hasler, Philosoph und Publizist, 76. Diese Woche erklärt Zaugg, wieso lebende Tiere manchmal anders heissen als tote.

Samantha Zaugg
Samantha Zaugg
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Aubergine heisst immer Aubergine, egal ob man sie streichelt oder isst. Hier sehen sie ein Bild der grössten Aubergine der Alpennordseite, Hand der Autorin als Grössenvergleich.

Aubergine heisst immer Aubergine, egal ob man sie streichelt oder isst. Hier sehen sie ein Bild der grössten Aubergine der Alpennordseite, Hand der Autorin als Grössenvergleich.

Bild: Samantha Zaugg

Lieber Ludwig

Wenns ums Thema Tiere essen geht, sind viele Themenfelder involviert. Landwirtschaft, Ernährung, Klima, Ethik, das volle Programm. Kann ich überall nicht so richtig mitreden. Bin keine Metzgerin, Landwirtin, Philosophin, Ernährungs- oder Klimawissenschafterin.

Mein Ding ist es, mit Sprache zu hantieren. Da kann ich etwas beitragen. Denn wenn es um Fleisch geht, passiert auch etwas auf der sprachlichen Ebene. Das beginnt schon, wenn man sagt «Tiere essen» statt «Fleisch essen». Gut, lass mal nachschlagen, was «Fleisch» in diesem Sinn überhaupt bedeutet. Der Duden sagt: Fleisch ist das essbare Muskelgewebe von Tieren. Aber er hat da etwas vergessen: tot. Das Tier muss tot sein. Der Begriff «Fleisch» ist in diesem Fall nichts anderes als eine Abstraktion. Fleisch ist eigentlich ein Tier. Also ein Stück eines Tiers. Ein Stück von einem toten Tier, das wir essen wollen. Sobald es tot ist, spricht man von Fleisch.

Eine weitere Beobachtung: Lebende Tiere heissen manchmal anders als tote Tiere. Vor allem in Fremdsprachen sieht man das gut. Auf Englisch zum Beispiel. Lebendes Schwein heisst «pig», totes Schwein heisst «pork». Oder auf Spanisch. Lebender Fisch «pez», toter Fisch «pescado». Auf Deutsch funktioniert das ein bisschen anders, aber beim Huhn sieht mans. Lebendes Huhn heisst «Huhn», totes Huhn «Hähnchen» oder «Güggeli».

Die Wörterbücher haben auch hier eine Begründung parat. Das eine bezieht sich auf den zoologischen Begriff, das andere auf den kulinarischen. Aber auch hier ging etwas vergessen: Gemüse und Früchte existieren auch kulinarisch und zoologisch beziehungsweise botanisch. Aber da macht man keinen Unterschied. Zucchetti heisst immer Zucchetti. Apfel auch, und Zwiebel auch. Sonderfall Kartoffeln, die heissen manchmal anders, zum Beispiel Rösti. Aber das ist etwas anderes, da geht’s um Verarbeitung und Zubereitung. Kartoffel zu Rösti verhält sich gleich wie Fleisch zu Wurst.

Warum machen wir beim Fleisch diese sprachliche Abstraktion? Nichts leichter als das: Fleisch hat mit Tod zu tun. Gleichzeitig mit Essen. Gehört zusammen, daran wollen wir beim Essen aber nicht erinnert werden, also Abstraktion durch Sprache. Ich staune, wie gut das funktioniert.

So gut sogar, dass wir überhaupt ein ambivalentes Verhältnis zu Tieren haben. Die einen produzieren wir, um sie zu verspeisen. Die anderen lassen wir in unserem Bett schlafen, geben ihnen Namen und kaufen ihnen Spielsachen. Und da würde ich für einmal behaupten: Alte und junge Menschen sind genau gleich. Beide verhalten sich komplett irrational, sobald es um Tiere, insbesondere um Haus­tiere geht.

Stimmst du mir zu? Und wenn wir schon dabei sind: Was hältst du vom Konzept Haustier?

Samantha

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