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Kommentar

Hinschauen, wenn Macht missbraucht wird

In den letzten Wochen und Monaten haben zahlreiche Fälle von Missbrauch in der Wirtschaft Schlagzeilen geliefert. Ausgerechnet in der rechtschaffenen Schweiz. Eine Suche nach Gründen.
Martin Oswald
  • Ein paar regionale Baufirmen treffen über Jahre Absprachen, um Kunden zu hohe Preise zu verrechnen und sich so persönlich zu bereichern. So passiert im Baukartell-Skandal von Graubünden.
  • Das Management eines nationalen Unternehmens gibt gegenüber den Behörden falsche Kosten an und erschleicht sich 78 Millionen an Subventionen. So passiert bei der Postauto AG.
  • Ein erfolgreicher Bankenchef mit hohen Sympathiewerten verdient sich mit den Übernahmen von Firmen zusätzlich eine goldene Nase und der Verwaltungsrat winkt alles durch. So geschehen im Fall Pierin Vincenz bei der Raiffeisenbank.
  • Ein Professor für Corporate Governance amtet als Bankenpräsident und verschliesst die Augen genau dann, wenn Governance sträflich missachtet wird. So geschehen durch HSG-Professor und Raiffeisen-Präsident Johannes Rüegg-Stürm.
Martin Oswald, Leiter Online (Bild: Ralph Ribi)

Martin Oswald, Leiter Online (Bild: Ralph Ribi)

Diese Fälle lesen sich wie die in einer Bananenrepublik, wo jeder macht was er will. Doch sie haben sich in der Schweiz zugetragen. Ausgerechnet in einem Land, dem aus aller Welt Attribute wie Rechtschaffenheit, Genauigkeit und Anstand zugeschrieben werden und das im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International hinter Neuseeland und Dänemark Rang drei belegt. Die Schweiz, welche durch ihre direkte Demokratie die Mächtigen verpflichtet, dem Volk und nicht dem System oder sich selber zu dienen.

Wer versagt hier? Das System oder der Mensch?

Unternehmen brauchen eine kritischen und sachkundigen Verwaltungsrat, um Missbrauch zu verhindern – hier muss also das System stimmen. Gerade starke Führungsfiguren verlangen nach ebenso starken und kompetenten Kontrollorganen. Im Fall der Raiffeisenbank stimmte diese Balance nicht. Der Trend hin zu immer grösseren Firmen mit komplexeren Strukturen machen diese Aufgabe anspruchsvoller. Laiengremien haben darum ausgedient.

Im Fall des Bündner Baukartells wäre die Kontrolle Aufgabe der Regierung gewesen. Hier versagte das System, weil Vetternwirtschaft kombiniert mit einem mangelnden Rechtsverständnis Überhand gewann. Der Bürger hat es in der Hand, an der Wahlurne korrigierend einzugreifen.

Im Kern eines jeden Missbrauchs steht der Faktor Mensch mit seinen Trieben.

Der «typische Manager» lechzt nach Anerkennung, strebt nach Macht, will mehr verdienen als andere. Auch im Missbrauchsfall der Postauto AG spielten monetäre Anreize eine gewichtige Rolle. Ein Insider erklärte gegenüber dieser Zeitung: «Boni waren ein Motivator. Sie sind wie das Rüebli vor der Nase des Esels.» Ein Pierin Vincenz war mit seiner Raiffeisenbank auf dem Bankenplatz Schweiz gleich bedeutsam wie die Chefs von Credit Suisse und UBS. Dennoch verdiente er wesentlich weniger als seine Kollegen.

An Boni ist genauso wenig falsch, wie am Streben nach Erfolg und Anerkennung. Doch genau hier braucht es ein funktionierendes Kontrollsystem und eine transparente Firmenkultur. Leitlinien mit dem Titel «Corporate Governance» haben heute die meisten Unternehmen. Doch auch hier kommt dem Faktor Mensch die entscheidende Bedeutung zu.

Jede Richtlinie ist nur so gut, wie die Menschen, welche nach ihnen handeln.

Korruptions-Experten sagen, dass nur die Spitze des Eisbergs bekannt wird. Im Bereich der Korruption wird von einer Dunkelziffer von bis zu 98 Prozent ausgegangen. Wenn all diese stossenden Fälle, die wir kennen, lediglich einen kleinen Prozentsatz ausmachen, dann ist davon auszugehen, dass noch sehr viel mehr Missbrauch betrieben wird.

Das Credo „was ich nicht weiß, macht mich nicht heiss“ hat etwas Beruhigendes. Es lebt sich leichter, wenn man nicht alles weiss. Aber akzeptieren wir diesen blinden Fleck in Wirtschaft und Politik?

Hinschauen und Fehlverhalten ansprechen beginnt nicht erst bei Konzernleitungen und Verwaltungsräten, sondern schon ganz unten an der Basis des Systems - bei jeder Mitarbeiterin, jedem Mitarbeiter, bei jeder Bürgerin, jedem Bürger.

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