Kolumne

Feldpost: Kameradschaft und andere gute Partnerschaften

Rekrutin Chiara Zgraggen schreibt in der «Feldpost» über Kameradschaft und gute Beziehungen im Militär - und warum diese in nächtlichen Übungen unabdingbar sind.

Chiara Zgraggen
Drucken
Teilen
Rekrutin und Journalistin Chiara Zgraggen schreibt über ihren Alltag in der Rekrutenschule.

Rekrutin und Journalistin Chiara Zgraggen schreibt über ihren Alltag in der Rekrutenschule.

Kälte und Dunkelheit umgibt uns. Aller Blicke sind auf unseren Kameraden gerichtet – er, der soeben von einem Scharfschützen getroffen wurde. Augenblicklich wird er notfallmässig behandelt und vom Schlachtfeld weggebracht – unter dem anhaltenden Kugelhagel der gegnerischen Seite. Was wie eine Geschichte aus einem Kriegsgebiet oder einem Film klingt, ist für meine Kameraden und mich zur Realität mutiert. Jedoch ohne ernsthafte Verletzungen oder echte Scharfschützen.

Ungeachtet dessen, dass wir uns in einer erfundenen Geschichte bewegen, ist Kameradschaft auch innerhalb der Fiktion von ungeahnter Wichtigkeit. Kameradschaft lässt sich gewissermassen mit einer guten Beziehung vergleichen. In einer funktionierenden Partnerschaft herrscht hundertprozentiges Vertrauen und Loyalität. Und auch wenn der Partner einen schlechten Tag hat – er wird so gut wie möglich aufgemuntert. Die eigenen Bedürfnisse stellt man zu Gunsten des anderen hintenan.

Genau dies gilt auch für eine gute Kameradschaft – welche innerhalb meines Zuges herrscht. Hiermit kann sich jeder glücklich schätzen, denn das gute Klima innerhalb des Militärs erleichtert jedem Rekruten die Zeit in der Armee ungemein. Das Zusammengehörigkeitsgefühl trägt den Rekruten durch härtere Tage. Doch zurück aufs Schlachtfeld. Im Zuge einer Nachtübung führt uns das Kader in eine Situation ein, welche einem Kriegsschauplatz ähnelt. Ein Teil des Kasernenareals ist besetzt, ein anderer in die Luft gesprengt, ein weiterer von Minen übersät. Klar ist: Jetzt wird Krieg gespielt. In den vergangenen Wochen wurden wir mit Infanterie-, Sanitäts- und weiteren Übungen genau darauf vorbereitet.

Die eingangs beschriebene Situation lässt mich erschaudern, denn was hier in der Schweizer Armee bloss künstlich gespielt wird, spiegelt die Realität in Kriegsgebieten wieder. Doch die Bilder werden zur Realität, mit vollem Elan und Einsatz versuchen wir, den Kameraden in Sicherheit zu bringen. Auch beim Schauplatzwechsel kehren wir nicht in die «heile Welt» zurück. Auf Patrouille verschieben wir, die Fühler und Augen auf alle Seiten hin gestreckt. Hinter jedem Busch erwarten wir einen Scharfschützen. Waren wir an diesem Tag noch eher undiszipliniert, hat sich zu Beginn der Übung ein Schalter umgelegt. Weshalb, entzieht sich noch heute meiner Kenntnis. Wir sind mitten in der Situation, keiner getraut sich mehr, Blödsinn anzustellen oder gar zu sprechen. Beeindruckt von unserem Handeln stürzen wir uns direkt in die nächste Aufgabe: Auf einem Feld befinden sich fünf verwundete Kameraden. Ihre qualvollen Schreie erzeugen Hühnerhaut. Wie in Trance wissen wir genau, wie die erste Hilfe und der Transport zu bewerkstelligen sind.

Dieser Zustand hält den ganzen Abend über an. Der Höhepunkt und sogleich grösster wahrer Gefahrenherd steht uns aber noch bevor: Das Schiessen in der Dunkelheit, während wir in Formation immer wieder hinter den Kameraden durchrennen müssen. Sie halten dies für fahrlässig? Wäre es auch, wären wir nicht wieder und wieder genau auf diese Übung vorbereitet worden. Dank unserer Disziplin, welche wir an diesem Abend an den Tag gelegt haben, herrscht jedoch genug Vertrauen und Sicherheit in die Kameraden und sich selbst, um auch diese gefährliche Situation zu überstehen. Und exakt mittels derartigen Übungen wächst die Kameradschaft heran wie eine Beziehung – dank Vertrauen, guten Erlebnissen und Zusammenhalt. Rekrut Zgraggen meldet sich ab!

Chiara Zgraggen (21) absolviert von Januar bis Mai die Sanitätsrekrutenschule in Airolo. Im Zweiwochenrhythmus schreibt sie an dieser Stelle über die Erfahrungen während der Militärzeit.

Feldpost: Diese RS-Kolumnen sind bereits erschienen

Chiara Zgraggen (21) absolviert von Januar bis Mai 2019 die Sanitätsrekrutenschule in Airolo. Im Zweiwochenrhythmus schreibt sie über die Erfahrungen während der Militärzeit. Hier finden Sie alle bereits erschienen Kolumnen im Überblick.