Querdenker
Eine unvergessene Halbzeit mit «Monsieur Xamax» im Klublokal des SC Brühl

Eine Begegnung mit Gilbert Facchinetti, dem langjährigen und erfolgreichen Xamax-Präsidenten, zeigte unserem Kolumnisten: Erfolg in Beruf und Sport ist nicht alles.

René Bühler
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Unser Kolumnist René Bühler.

Unser Kolumnist René Bühler.

Benjamin Manser

Im Dezember 2012 empfing der SC Brühl das höherklassige Lausanne-Sport im Schweizer Cup. Ich erinnere mich dabei nicht in erster Linie an die 1:3-Niederlage der Brühler, sondern vielmehr an die Begegnung mit Gilbert Facchinetti, dem ehemaligen Präsidenten und Ehrenpräsidenten von Neuchâtel Xamax, dessen Enkel Mickaël damals beim FC Lausanne-Sport spielte.

Der gelernte Metzger und spätere Bauunternehmer Gilbert Facchinetti war das Herzstück von Xamax. Sein Leiden bei einer Niederlage seines Vereins war kaum mitanzusehen, seine Freude über die zwei gewonnenen Meisterschaften und die zwei Viertelfinal-Teilnahmen im Europacup in den 1980er-Jahren mit Trainer Gilbert Gress und Spielern wie Uli Stielike oder Heinz Hermann bleibt unvergessen. Gilbert Facchinetti war «Monsieur Le Président», er selbst verkörperte Neuchâtel Xamax. Der Untergang und Konkurs des Vereins im Januar 2012 war für ihn, als würde man ihm sein Herz aus dem Leib reissen. Bei unserem Treffen war dieser Konkurs erst einige Monate her und darauf angesprochen meinte er nur, dass er nicht darüber reden könne – «ça ne me fait pas du bien…», das tue ihm nicht gut.

Im Klublokal gefiel es ihm besser

Vom Cupspiel im Paul-Grüninger-Stadion hat Gilbert Facchinetti nicht viel gesehen. Im warmen Klublokal des SC Brühl und bei einem Glas Wein gefiel es ihm deutlich besser. Ich sprach ihn in der Pause an und er bat mich zu sich an den Tisch. Als die zweite Halbzeit angepfiffen wurde, gingen die Zuschauer wieder ans Spiel, nur wir zwei blieben sitzen. Er erzählte mir, dass sein Enkel Mickaël mehrheitlich bei ihm und seiner Frau aufgewachsen ist, weil drei seiner fünf Kinder durch Unfall, Krankheit und Suizid nicht mehr am Leben sind.

Ich traf einen herzlichen, aber traurigen Mann, dem so vieles im Leben geglückt war, der aber unglaublich unter dem Verlust seiner Kinder litt. Gilbert Facchinetti liess mich verstehen, dass der berufliche Erfolg nur dann einen Wert hat, wenn auch das persönliche Glück intakt ist. Ich habe die zweite Halbzeit des Spieles verpasst, dafür eine der interessantesten, aber wohl auch traurigsten Persönlichkeiten des Schweizer Klubfussballs kennen gelernt.

Zusammenhalt der Familie im Vordergrund

Es war an jenem Tag bitterkalt und definitiv kein Fussballwetter. Ich war am Cupspiel, um nach der Partie mit Lausannes Trainer Laurent Roussey in französischer Sprache ein Interview zu führen. Nach etwa 20 Minuten am Tisch mit «Monsieur Xamax» gab ich ihm ganz zurückhaltend zu verstehen, dass ich nun ans Spiel gehen sollte. Er empfand aber den Moment als richtig, um zu reden und loszulassen. Auf meine Frage, ob er denn wirklich in seiner 24-jährigen Präsidentschaft nur Handschlagverträge gemacht habe, antwortete er mit einem kurzen «oui», um aber gleich wieder über seinen Enkel zu sprechen, der von seiner Frau so verwöhnt werde. In den letzten Jahren seines Lebens waren für ihn nicht mehr die sportlichen Erfolge im Vordergrund, sondern nur noch der Zusammenhalt seiner Familie. Das Interview mit Roussey habe ich nach dem Spiel geführt, aber den Verlauf der zweiten Halbzeit in den Fragen etwas ausgeblendet.

Vor zwei Jahren ist Gilbert Facchinetti im Alter von 82 Jahren verstorben. Es war ihm gegönnt, dass er nach dem Konkurs des Vereins auch die Wiederauferstehung des neu gegründeten Neuchâtel Xamax miterleben durfte. Allerdings hatte er zu diesem Zeitpunkt längst verstanden, dass der Fussball eben auch für ihn nur die schönste Nebensache der Welt war und das private Glück wichtiger gewesen wäre.