Die Sprachstilistin
Wird «Schwurbeln» das Unwort des Jahres?

In ihrer neuesten Kolumne denkt unsere Autorin Odilia Hiller über das kommende Unwort des Jahres nach – und wagt einen Blick in die Vergangenheit.

Odilia Hiller
Odilia Hiller
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Der Aktualität wegen sollte das Unwort des Jahres mit Corona zu tun haben.

Der Aktualität wegen sollte das Unwort des Jahres mit Corona zu tun haben.

Bild: Imago

Seit 1977 wählt eine Jury das deutsche Wort des Jahres. Eine andere Jury bestimmt das Unwort. In der Schweiz findet das Gleiche seit 2003 statt, seit 2017 gar in allen vier Landessprachen und orchestriert von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).

Der Blick in die Annalen ist unterhaltsam. Am augenfälligsten: Der Unterschied zwischen Wort und Unwort ist zuweilen schwer erkennbar – und oft etwas moralinsauer. So hiess das deutsche Wort des Jahres 2019 ­Respektrente, das Unwort Klimahysterie. Was am einen besser als am anderen sein soll, ausser der Gut-Böse-Achse, erschliesst sich kaum.

Vielleicht zeigt sich hier, dass die deutschen Jurys, die sich einst spinnefeind waren, sich noch immer nicht besonders gut abstimmen?

Die Moralkeule schwingt mit

Überaus sympathisch hingegen der «Satz des Jahres 2020»: Hass ist keine Meinung. Solches müsste man direkt an den Satz des Jahres 2019 hängen und auf Plakaten verteilen: Bitte hört auf die Wissenschaft. Letzteres war, lang ist’s her, aufs Klima gemünzt. In beiden Fällen wohl zum Ärger der Wutbürgerinnen und Wutbürger (Wort des Jahres 2010). Sie begleiten uns schon lange.

Das Jahr 2020 war, kaum überraschend, das Jahr der Coronawörter: Coronapandemie machte in Deutschland das Rennen, Coronadiktatur wurde zum Unwort erklärt. Auch hier ist die schwingende Moralkeule deutlich zu erkennen. Reden wir eigentlich über das Wort oder den Inhalt?

Le coronagraben (frz.) gibt es wirklich

Hierzulande gilt für 2020 das Gleiche in Grün: Corona allenthalben, und man rätselt, ob man es mit dem Wort oder Unwort des Jahres zu tun hat. Systemrelevant (Deutsch), corona­graben (Französisch!), pandemia (Italienisch) und mascrina (Räto­romanisch)?

Alles Wörter des Jahres, kein Unwort dabei. Das finden zumindest die Jurys.

Die bemerkenswer­teste Karriere legt systemrelevant hin: 2013 war es noch Unwort des Jahres ...

Womit sich zeigt: Das Wort des Jahres muss nicht schön oder grusig sein. Es muss den Zeitgeist repräsentieren.

Was uns zu unserem Favoriten für das Jahr 2021 führt, den wir hiermit nominieren: Coronaschwurbler. Oder, wer es gleichberechtigt mag: Coronaschwurblerin und -schwurb­ler. Alternativ ginge: das Corona­geschwurbel.

Was herauskommt, ist selten mehr als Gelaber

Ob es Wort oder Unwort des Jahres wird, ist gleichgültig. Wir alle sind mittlerweile, ob es uns gefällt oder nicht, am Geschwurbel beteiligt. Nicht nur die Leugner und Skeptikerinnen.

Wir sind genötigt, uns zu Corona zu äussern, beruflich oder privat, und sei es im Small Talk. Was dabei heraus­kommt, ist selten mehr als Gelaber, Geschwätz, Redundanz und Schwadronieren – der Albtraum jeder Sprachstilistin. Geschwurbel eben.

Deshalb: Fassen wir uns im Zwei­felsfall kurz. Sonst sind wir am Ende noch komplett lost (Jugendwort 2020).

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