Die Sprachstilistin
An die Unverstandenen und Geplagten: Warum es sich lohnt, aufrichtig zu sein

In ihrer aktuellen Kolumne denkt unsere Autorin Odilia Hiller darüber nach, weshalb wir häufig nicht ehrlich sind mit unseren Mitmenschen.

Odilia Hiller
Odilia Hiller
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Viele Menschen verbergen ihre wahren Gefühle, weil sie sich fürchten, als verletzlich wahrgenommen zu werden.

Viele Menschen verbergen ihre wahren Gefühle, weil sie sich fürchten, als verletzlich wahrgenommen zu werden.

Bild: Fotolia

Heute – vielleicht, weil es regnet, während dieser Text entsteht – wird es hier etwas nachdenklich. Sprache, das wichtigste Mittel, um uns untereinander zu verständigen, wird oft missbraucht, um andere zu verletzen, zu erniedrigen oder anzugreifen.

Wie in Familien und im Privaten – aber mittlerweile auch im Internet – zum verbalen Zweihänder gegriffen wird, um das Gegenüber klein zu machen und sich selber etwas grösser, ist nicht neu, aber auch nicht gut. Vielleicht ist es sogar eine Folge von etwas, was ich für fast noch verheerender halte.

Viel zu viele fühlen sich unverstanden, sagen aber nie, was sie denken

Sprache wird oft gar nicht gebraucht. Viel zu viele fühlen sich unverstanden, ungehört, missachtet. Das sind aber oft die Gleichen, welche gar nie sagen, was sie wirklich denken oder fühlen. Schon gar nicht bei uns, im Land der vorgehaltenen Hand, des Sarkasmus und der Grundhaltung, dass es unsere Pflicht ist, möglichst für uns zu behalten, was uns beschäftigt.

Woher das Misstrauen und die Überzeugung kommen, dass man niemals, aber auch gar nie, etwas preisgeben sollte, was möglicherweise auf eine sogenannte Schwäche hindeuten könnte, treibt mich um. Auch, wie verbreitet es noch immer ist.

Denn das Phänomen beschränkt sich bei weitem nicht auf jene Generationen und Kulturen, wo Kinder ausgeschimpft und verprügelt werden, sobald sie so etwas wie einen eigenen Willen zeigen.

Wann werden wir zum Schweigen gebracht?

Wann in unserem Leben lernen wir, dass es uns womöglich teuer zu stehen kommt, wenn wir aufrichtig sind?

Ich glaube mittlerweile auch, dass Frauen, denen oft klischeegemäss zugeschrieben wird, sensibel und gefühlsgesteuert zu sein, sich kein Haar ehrlicher zu ihren Wünschen, Bedürfnissen und Überzeugungen äussern als Männer. Wir alle verschwenden erstaunlich viel Energie darauf, andere verbal in die Irre zu führen. Und wir wenden erschütternd wenig Ressourcen auf, daran etwas zu ändern.

Sprache wird so zum Schutzschild, meist kombiniert mit ganz viel Nichtssagen. Damit manövrieren wir uns mehr schlecht als recht durch den Alltag.

Dieser lässt den meisten sowieso wenig Raum, auf der Suche nach den richtigen, weil wahren Worten nach innen zu horchen. Konsequenzen haben wir kurzfristig nicht zu befürchten von diesem Theater.

Die anderen machen es auch so. Wir spielen nach den Regeln.

Für die Katz und schädlich

Langfristig, da bin ich mir sicher, bringt das nichts. Es ist für die Katz, nicht aufrichtig zu sein. Und überdies schädlich. Es erzeugt Unzufriedene, Kranke und Geplagte.

Und es bereitet den Boden für neue Ängste: Was, wenn ich auffliege? Was, wenn jemand merkt, dass mir gar nicht alles so leicht fällt? Dass dieses «Mir geht es top, alles super, ganz gross» keiner näheren Prüfung standhält?

Ich habe mich deshalb entschieden, öfter aufrichtig zu sein. Das braucht etwas Mut und viel Feingefühl. Kann man aber lernen. Klar ist, dass es in der Summe weniger Opfer fordert. Und mehr echten Austausch bewirkt.

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