Kommentar

Die Öl-Zeit ist noch lange nicht vorbei

In der Schweiz haben wir den Eindruck, dass sich alles in Richtung Nachhaltigkeit bewegt. Weltweit läuft der Trend jedoch genau in die Gegenrichtung. Der einzige Weg, um unser Verhalten zu ändern, dürfte eine massive Energiesteuer auf fossile Energieträger sein.

Reto Lipp
Drucken
Teilen
Reto Lipp

Reto Lipp

Die Heuchelei in Sachen Klimaschutz ist wirklich bemerkenswert. Wir wissen, dass wir wegkommen müssen von fossilen Brennstoffen. Wir wissen, dass wir, um die Klimaziele zu erreichen, weniger auf Öl und Gas setzen müssen. Aber derzeit passiert weltweit exakt das Gegenteil – auch wenn gerne und häufig über grüne Initiativen und Nachhaltigkeit geschrieben wird. In den nächsten Jahren wird so viel Öl und Gas produziert wie noch nie zuvor. Allein der Öl- und Gas-Multi Exxon Mobil, eine der führenden Ölgesellschaften, wird laut «Economist» 2025 rund ein Viertel mehr Öl und Gas produzieren als noch 2017.

Und man glaube nicht, dass die Rechnung bei den anderen Ölgiganten anders aussieht. Wir in der Schweiz haben öfters mal den Eindruck, dass sich alles in Richtung Nachhaltigkeit bewegt. Ansatzweise ist das der Fall, aber eben nur ansatzweise – weltweit läuft der Trend genau in die Gegenrichtung. Gemäss Exxon Mobil wird die globale Nachfrage nach Öl und Gas bis 2030 um 13 Prozent steigen. Das ist der Grund, warum praktisch alle Ölfirmen ihren Output massiv erhöhen und neue Ölfelder suchen und in Betrieb nehmen. Es wird sehr viel investiert in neue Ölfelder und in Fracking-Technologien. Eigentlich müssten wir die Öl- und Gasproduktion bis 2030 um 20 Prozent reduzieren und bis 2050 sogar um 55 Prozent, damit wir die Klimaerwärmung auf plus 1,5 Grad limitieren könnten. Der Trend läuft in die Gegenrichtung.

Jetzt kann man natürlich diese Ölfirmen verteufeln, was grüne Aktivisten gerne tun, doch die Ölfirmen reagieren nur auf Anreize aus der Politik und der Wirtschaft. Und diese Anreize spielen immer noch für die fossilen Energieträger. Niemand will die grossen Ölgesellschaften stürzen sehen, zu viele Anlage-, sprich Pensionskassen-Gelder sind in diesen Firmen investiert. Selbst nachhaltige Anlageansätze investieren teilweise in Ölfirmen. Und natürlich würde sich das Geschäft der Ölgesellschaften nur dann dramatisch verändern, wenn etwas bei unserem Konsumverhalten passieren würde. Tut es aber nicht. Aller Klimademonstrationen zum Trotz. Es wird weiter unlimitiert geflogen. Wenn man allein die Wachstumsprognosen des Flughafens Kloten ansieht, könnte einem angst und bange werden. Demonstrieren ist gut, löst aber das Problem nicht. Ich würde gerne eine Initiative sehen, mit der sich Tausende Jugendliche (gerne auch Erwachsene) verpflichten würden, beispielsweise ein Jahr lang nicht zu fliegen. Oder auf 50 Prozent der Autofahrten zu verzichten. Ein solches ­Versprechen wäre mehr wert als eine samstägliche Klimademonstration.

Bis jetzt habe ich dazu noch nichts gehört, ausser dass der Staat irgendetwas tun sollte. Ich gebe zu, das Verhalten zu ändern, ist wahnsinnig schwierig. Und ja, es ist so einfach zu sagen, die anderen machen ja auch nichts. Der einzige Weg, um unser Verhalten zu ändern, dürfte eine massive Energiesteuer (CO2-Abgabe oder wie man das auch immer nennen will) auf fossile Energieträger sein. Wie schwierig es politisch allerdings ist, eine solche Energiesteuer einzuführen, erlebt gerade Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der aufgrund eines derartigen Vorhabens eine Revolte im eigenen Land ausgelöst hat. Die Energiesteuer war übrigens Teil seines Wahlprogramms. Niemand scheint das zur Kenntnis genommen zu haben.

Eine Energiesteuer müsste so konzipiert sein, dass die Einnahmen wieder an die Bürger zurückgeleitet werden. Allerdings werden jene, die auf das Auto angewiesen sind, weil sie in abgelegenen Regionen leben, auch damit ein Problem haben. Wenn man sieht, wie mutlos die Politik agiert – weil wir unser Verhalten auch als Stimmbürger und Wähler nicht ändern wollen und können – und wie schwierig die Einführung einer solchen Ökosteuer ist, dann kann man nur pessimistisch werden. Das Einzige, was bleibt, ist die Hoffnung auf irgendeine mirakulöse technische Erfindung, die das Problem für uns aus der Welt schafft, ohne dass wir unseren bequemen Lebensstil ändern müssen. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.