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Glosse

Die kastrierte Schlucht

Scharfgezeichnet
Melissa Müller

Gelbe Riesenschnecken aus Plastik kriechen zurzeit durch die Gassen von Bad Ragaz. Sie empfangen die Besucher der Skulpturenausstellung Bad Ragartz. Bei der letzten Triennale figurierten als Kunstmaskottchen blaue Schafe im Nobelkurort. Ausgeheckt haben das die Veranstalter, der Arzt Rolf Hohmeister und seine Frau Esther. «Wir wollen all jene erreichen, die sonst keine Chance haben, der Kunst nahe zu sein», erklärte der Kunstmäzen kürzlich in einer Illustrierten. Kunst für Arme, quasi.

Und es kommt noch besser im Heidiland. Ab morgen wird die berühmte Taminaschlucht «kunstvoll» beleuchtet: Blümchen, Feuer, Wasser und andere bunte Effekte werden an die 80 Meter hohen Felsenwände projiziert. Die an sich schon dramatische, düstere Schlucht kann für 25 Franken als 3D-Spektakel bewundert werden.

Braucht es das? Das dekorative Kastrieren der wilden Naturschönheit passt irgendwie zum englischen Rasen und den streng angeordneten Blumen­rabatten im Seniorenparadies Bad Ragaz. Dem Publikum gefällt’s. Apropos Publikum: Vor einem Jahr logierte hier Mädchenschwarm Justin Bieber. Der kanadische Superstar fuhr mit seinem Golfcaddie durchs Dorf wie eine Riesenschnecke. Er blödelte herum, machte Faxen und griff laut «Blick» missmutig zum Golfschläger. Vermutlich langweilte er sich schrecklich, weil gerade keine 3D-Schau an der Felswand angesagt war.

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