Der eigentliche Lärm beginnt im Kopf

Laute Schritte und sonstiger Lärm der Nachbarn regen viele auf. Doch es gibt auch die andere Seite. Bekenntnisse eines Trampeltiers.

Susanne Holz
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Falls Sie zu den Freunden der leichten Lektüre gehören, wissen Sie vermutlich, dass es in unserer Zeitung jüngst zwei Kolumnen gab zum schwergewichtigen Thema Lärmbelästigung und laute Schritte. Da war die Rede von Fersengängern und Trampeltieren – in sehr höflicher und einsichtiger Form.

Selbst ein Trampeltier, mache ich mich nun an dritter Stelle daran, dieselben zu verteidigen. Denn wir Trampeltiere sind meist ehrliche und etwas kindliche Wesen, die selten in böser Absicht des Weges kommen. Sonst würden wir schleichen. Nicht jeder kommt als Ballerina auf die Welt. Meine Mutter meinte immer: «Ich mag keine Menschen, die sich anschleichen wie Katzen.» (Meine Mutter mag auch keine Katzen.)

Dass nicht alle Menschen die gleichen Vorlieben wie meine Mutter haben, was ein unbekümmertes Auftreten betrifft, das merkte ich zum ersten Mal als Studentin in einem Altbauhaus in Konstanz. Ich war brav, feierte nicht, hörte keine Musik, trank nur ab und zu Kaffee mit den ähnlich ruhigen Mitbewohnerinnen. Der Mieterin unter mir vermieste ich trotzdem die Nachmittage – mit meinem lauten Gang. Die Klagen kamen oft und regelmässig.

Wir fanden das damals so skurril, dass wir uns kaum darüber aufregten. Ich machte mir ein paar Gedanken über meine Weiblichkeit und freute mich über die Männlichkeit in meinem Wesen. Ein lauter Gang, super. Bislang war man gerne als hysterisch und/oder hilflos abgestempelt worden, nun hatte man wenigstens einen tatkräftigen Gang.

Mit dem Älterwerden und speziell mit den eigenen Kindern reagierte man dann leider nicht mehr ganz so gelassen auf das ewige Genörgel wegen lauter Schritte, lauter Kinder, etc. Dicke Teppiche sollte man legen und den Kindern jede Fröhlichkeit austreiben, um es den Nachbarn recht zu machen. Mein Zweijähriger räumte damals gerne Bücherregale aus und wieder ein. Auch das verursachte gewisse Geräusche. Weshalb ich ihn lieb bat, es nicht mehr zu tun. Da schaute er mich mit grossen und verschreckten Augen an und meinte aufrichtig und treu: «Dodi Bücher bezahlen.»

Dieser Satz knallte. Schon Zweijährigen ist also klar,auf was es in unserer Gesellschaft ankommt: leisezutreten und immer alles zu bezahlen. Das Problem ist, dass die Nachbarn nie die süssen Kinder dazu sehen, wenn sie spielen, sie hören sie nur. Und meine These nach einem halben Leben: Der eigentliche Lärm beginnt im Kopf. Wer in sich ruht, denn stören keine Schritte.

Susanne Holz.

Susanne Holz.