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Kolumne

Demut auf Nägeln

Mit Eisennägeln unter den Füssen betet dieser gläubige Mensch für das Wohlergehen seiner Familie. Ganz schön demütig! Eine Kolumne über Hochmut und Demut.
Susanne Holz
Beten für die Familie – in verschärfter Form. (Bild: Sanjeev Gupta/Keystone (Bhopal, Indien, 24. April 2019))

Beten für die Familie – in verschärfter Form. (Bild: Sanjeev Gupta/Keystone (Bhopal, Indien, 24. April 2019))

Gutes muss man sich verdienen, das fällt nicht einfach so vom Himmel. Wer so denkt, ist demütig. Demut ist das Gegenteil von Hochmut. Wer hochmütig ist, denkt: Der Himmel gehört mir. Dieser gläubige Mensch in Bhopal, Indien, nahm diesen Mittwoch barfuss auf Nägeln an einer Prozession zu Ehren der Gottheit Kali teil, um für das Wohlergehen seiner Familie zu bitten. Demut, eisenhart, so könnte man sagen.

Aufgeklärte Menschen finden so etwas furchtbar. Der Mensch, dieses doch eigentlich intelligente Wesen, als ängstlicher Sklave seines Glaubens? Nein, danke. Andererseits weiss auch jeder aufgeklärte Mensch: Der Grat zwischen Demut und Hochmut ist schmal. Fühlt man sich als Herr der Welt, hat man sie bereits missbraucht. Man muss nicht gleich auf Nägeln gehen, um ein guter Mensch zu sein – aber ein paar Gedanken über den eigenen ökologischen Fussabdruck können heutzutage beispielsweise auch nicht schaden.

Und manchmal kommt die Demut auch einfach wie ein Schicksal ums Eck – ob aufgeklärt oder nicht. Selbst habe ich noch nie auf eisernen Nägeln gelitten, das Glück halte ich aber keineswegs für selbstverständlich. Um den ökologischen Fussabdruck muss ich mir nicht so viele Sorgen machen – mein Kontostand verhindert allzu Kapriziöses. Doch ein schlechtes Gewissen packt mich immer wieder, manchmal als flüchtiges Gefühl, manchmal eisenhart.

Als ich kürzlich in meinen Ferien um 10 Uhr noch im Bett lag und meine Tochter mit mir Inliner fahren wollte, versetzte mich dieses Gewissen in die Senkrechte – so schnell, dass ein kleiner Zeh mit der Bettkante kollidierte. Ein scharfer Schmerz. Egal, das kindliche Wohlergehen stand im Vordergrund. Mit lädiertem Zeh ging es in die Inliner – entfernt fühlte sich das vielleicht sogar an wie ein Gehen auf Nägeln. Aber nur entfernt – Vorsicht Hochmut ...

Wieder zu Hause und aus den Inlinern raus, war der Zeh lila-dunkelblau und ich humpelte zwei Tage lang. Ich war ziemlich am Schimpfen über die Ungerechtigkeit der Welt. Doch wenn ich jetzt dieses Bild aus Indien betrachte, sage ich mir: Das war eine Lektion in Demut.

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