Kolumne

Gegentribüne: Das war für den FC St.Gallen die Woche der Entscheidung – langfristig und vielleicht auch kurzfristig

Nur zwei Tage lagen zwischen einer der besten und einer der schwächeren Darbietungen des FC St.Gallen in der Coronazeit. Der Grund lag vielleicht just darin: «Nur zwei Tage.» So ist es beruhigend für alle, dass mit den Vertragsverlängerungen für Alain Sutter und Peter Zeidler für längere Zeit eine solide Basis geschaffen werden konnte.

Fredi Kurth
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Die Reise ins Berner Oberland endete für die St.Galler – im Bild rechts Victor Ruiz und Jeremy Guillemenot – enttäuschend.

Die Reise ins Berner Oberland endete für die St.Galler – im Bild rechts Victor Ruiz und Jeremy Guillemenot – enttäuschend.

Peter Schneider / KEYSTONE

«In der Ruhe liegt die Kraft», ist ein Satz, den Peter Zeidlers Landsfrau Angela Merkel gerne zitiert. In stürmischen Zeiten mag diese Losung auch die Führung des FC St.Gallen geleitet haben, indem Matthias Hüppi, Alain Sutter und Peter Zeidler übereinkamen, die Verträge bis 2025 zu verlängern.

Fredi Kurth

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Bild: Urs Bucher

Das heisst, die Anpassung für den Präsidenten muss erst noch durch die Generalversammlung genehmigt werden – eine Formsache. In der Ruhe erfährt nun jenes Modell weitere Entwicklung, das im Fussball nur an wenigen Orten funktioniert: Mit wenig Geld überdurchschnittlich grossen Erfolg zu haben.

Transferkontakte zu Red Bull Salzburg

Die Übereinkunft bedeutet, dass der älteste Fussball-Club des Landes auch in Zukunft kaum einmal viel Geld ausgeben wird, um teure Spieler in den Kybunpark zu locken. Der Finanzstrom soll eher in die andere Richtung fliessen, mit der Abgabe von Talenten oder vielmehr von schon bewährten jungen Leuten im Fanionteam.

Dass solches Bestreben nicht einfach ist, zeigt der fast gleichzeitig bekannt gewordene Abgang eines hoffnungsvollen jungen Fussballers zu Red Bull Salzburg. Zu diesem Verein hatten schon via Jasper van der Werff und Majeed Ashimeru Kontakte bestanden. Für den 16-jährigen Federico Leandro Crenscenti dürfte höchstens eine Ausbildungsentschädigung abfallen, wie das einst für Tranquillo Barnetta der Fall war.

Gegen den Trend

Ein solcher Verlust passt nicht ganz zur aktuellen Tendenz, wonach Begabungen beim FC St.Gallen feingeschliffen und unmittelbar in der Super League wertvolle Erfahrung machen können. Dem jungen Mann und seiner elterlichen Obrigkeit sei die Freude über die Avancen des renommierten Vereins unbenommen.

Der Bildungsweg dort ist ebenso lehr- und aussichtsreich wie jener bei Future Champs Ostschweiz. Nur: Eine Garantie für Ruhm und grosse Schlagzeilen ist es nicht. Wir kennen die Beispiele, das bekannteste vielleicht jenes von Davide Chiumiento, der schon im Alter von 15 Jahren von St.Gallen zu Juventus Turin wechselte.

Wer früh bei einem grossen Namen der Fussballwelt anheuert, hat auf jeden Fall die Gewissheit, als bestens geschulter Profi auf dem Spielermarkt zu erscheinen. Und falls es nicht zur strahlenden Karriere reicht, finden manche durch die Hintertür wieder zurück in ihr Heimatland, wenn auch eher bei einem Dritt- als dem Ursprungsverein.

Der FC St.Gallen profitiert auch

Von diesem Kreislauf profitiert der FC St.Gallen auch. Just im aktuellen Kader sind einige Spieler aus renommierten Organisationen fix engagiert oder verliehen: Axel Bakayoko (Red Star/Fr via Inter Mailand), Ermedin Demirovic (Hamburger SV/Leipzig/Alaves), Lorenzo Gonzalez (Servette/Manchester City), Jérémy Guillemenot (Servette/Barcelona), Miro Muheim (FC Zürich/Chelsea) und Jordi Quintillà (Lleida/Barcelona).

Sportchef Alain Sutter sagt:

«Wenn ein Nachwuchsmann das Gefühl hat, er möchte bei einem anderen Verein als bei uns seine Ausbildung erfahren, versuche ich nie, ihn zum Verbleib zu überreden.»

Er kann dies inzwischen gelassen aus einer sicheren Position sagen, im Bewusstsein um die effiziente Nachwuchsförderung im FC St.Gallen – mit der Ruhe, in der die Kraft liegt.

Die Ruhe, die Kraft, die Mitte

Alain Sutter ist die Ruhe, Peter Zeidler ist die Kraft. Und Matthias Hüppi? Etwas schräg zu sagen, er sei Angela Merkel. Besser: Er ist die moderierende Mitte zwischen den beiden, mit der nötigen Weitsicht und doch enormer Energie ausgestattet.

St.Gallens Präsident Matthias Hueppi, links, und Sportchef Alain Sutter während des Spiels gegen Thun

St.Gallens Präsident Matthias Hueppi, links, und Sportchef Alain Sutter während des Spiels gegen Thun

Peter Schneider / KEYSTONE

Aber es sind nicht bloss die sich ergänzenden Charaktere, die das Trio auszeichnen, sondern es ist, nicht ganz zu verachten, von ausgesprochen fachlicher Qualität. Die Vertragsverlängerungen sind nicht zuletzt aus diesem Gefühl der Stärke entstanden, die Botschaft ist aktuell wichtiger als die Zahlen, die dahinterstecken.

Der erste Mehrjahresplan ist schon aufgegangen

Denn: Ein Mehrjahresplan erfüllt sich im Fussball so selten wie einst der Fünfjahresplan im kommunistischen Ostblock. Dort erfüllte er sich nie, im Fussball funktioniert derlei fast nie - oder früher. Als Sutter und Zeidler im Sommer 2018 ihre gemeinsame Arbeit begannen, sagte der Trainer:

«Wir haben drei Jahre Zeit.»

Zunächst war ein Auf und Ab die einzige Konstante. Doch schon im zweiten, fast von einem Tag auf den andern, erreichte die Mannschaft ein Niveau, wie es nur dem Meisterteam von 2000 gelungen war.

An Nachahmern dürfte es nicht fehlen

Planung im Fussball ist also schwierig. Vorsichtshalber bekennt sich die Führung auch im Falle eines Abstiegs zur Fortsetzung der Zusammenarbeit. Aber viel mehr noch ist man beim FC St.Gallen von einer Weiterentwicklung der jungen Mannschaft, auch bei unvermeidlichen Abgängen, überzeugt. Es ist bei allem Risiko eines der spannendsten Projekte überhaupt im Schweizer Fussball.

An Nachahmern und wahrscheinlich verstärkter Konkurrenz wird es nicht fehlen. Wobei die Kopie eher auf dem Fussballfeld entstehen dürfte – am augenfälligsten im Moment bei Servette Genf mit ähnlicher Spielidee – als in den Finanzabteilungen. Dort wird momentan versucht, mit Investoren bessere Zeiten heraufzubeschwören – siehe Grasshoppers, siehe Lausanne, siehe FC Basel.

Leonidas Stergiou und seine Mannschaftskollegen müssen öfters in Nachmitttagsspielen antreten als YB.

Leonidas Stergiou und seine Mannschaftskollegen müssen öfters in Nachmitttagsspielen antreten als YB.

Peter Schneider / KEYSTONE

Gegen Basel wieder frischer?

Was die kurzfristige Meisterschaftsentscheidung betrifft, ist der FC St.Gallen auch nach der Niederlage in Thun immer noch im Rennen. Möglich ist aber, dass rückblickend die Runde vom Wochenende vorentscheidend gewesen sein könnte. YB beendete die Serie der schwachen Darbietungen auf auswärtigem Terrain, während St.Gallen in der Wärme des Berner Oberlandes die Frische fehlte, um die starke Defensive des FC Thun aufzuweichen, wie das noch im Startfurioso im Hinspiel gelungen war. Gegen Basel am Mittwoch, wenn nicht mehr die Sonne vom Himmel brennt, sollte St. Gallen bereit sein, wenigstens phasenweise den Gegner in Verlegenheit zu bringen.

Aufgefallen

Noch eine Unregelmässigkeit ist mir im Zusammenhang mit den Spielansetzungen aufgefallen (neben dem Fakt, dass YB um neun Ruhetage gegenüber St.Gallen bevorteilt ist). Die meisten Begegnungen in der Corona-Phase finden am Abend statt. In sechs der 13 Runden sind jeweils drei Partien am Sonntagnachmittag und zwei am Samstagabend angesetzt (am Sonntag waren es wegen des Coronafalls ausnahmsweise vier, für eine Verschiebung von FCZ gegen YB um einen Tag hatte der Verband aber kein Musikgehör).

Dass es von der Belastung her nicht dasselbe ist, ob das Spiel am Nachmittag um 16 Uhr oder an einem in diesem Sommer eher kühlen Abend ausgetragen wird, versteht sich von selbst. Auch da hat es der Computer mit dem FC St.Gallen nicht gut gemeint: Er hat vier Spiele für den Nachmittag ausgespuckt und nur zwei für den Abend. Das ist gut möglich, wenn es am Wochenende drei Nachmittagsspiele und nur zwei Abendspiele gibt.

Die Sache mit den Abendspielen

Nun ja, dann folgt eben wieder der Blick auf den Meister und ohalätz: Die nicht mehr so jungen Young Boys müssen nur zwei Partien am Sonntagnachmittag austragen, erst noch zwei Heimspiele gegen Lugano und Luzern. Das ist selbstverständlich alles rein zufällig, weil gemäss Verbandsauskunft die Vorgaben für den Programmierer so komplex sind und keine anderen Lösungen ermöglichen. Nur nebenbei: Solche Ungleichheiten festzustellen, ist journalistische Pflicht. Wer solches verschweigt, wird unglaubwürdig.

Ein schönes Bild am Sonntag auf der Thuner Tribüne: Dort hatte sich nämlich die Familie Hefti installiert, zumindest jener Teil, der nicht unten auf dem Rasen im Einsatz war, die Eltern Bea und Carlo und die sonst ebenfalls in der höchsten Liga Fussball spielende Tochter Simea. Natürlich haben sie Silvan und Nias gutes Gelingen gewünscht. Aber, wer sollte gewinnen? Ich denke, es sollte wenn schon eher Nias, der Jüngere, sein. Bei ihm geht es darum, nächste Saison mit Thun wieder in der Super League zu spielen. Abstiegskampf ist Existenzkampf. Silvan hingegen kann im Titelrennen ein Kürprogramm bieten. Obwohl auf derselben Seite spielend, gerieten sich die beiden nicht allzu oft ins Gehege.

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