Kolumne

Bildschirmlesen kann
Verstehen gefährden

Gemäss einer Studie ist Lesen auf gedrucktem Papier für Lernende förderlicher als auf Bildschirmen. Vor allem das Buch sollte im Zeitalter der Digitalisierung nicht auf dem Müllhaufen der Geschichte landen.

Gottlieb F. Höpli
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Gottlieb F. Höpli

Gottlieb F. Höpli

Als Ernest Hemingway gebeten wurde, eine Geschichte in sechs Wörtern zu erzählen, antwortete er mit dem folgenden Beispiel: «For sale: Baby shoes. Never worn.» (Zu verkaufen: Baby-Schuhe. Nie getragen.) Herzzerreissend. Aber nur für den, der zu lesen weiss. Hinter den alltäglichen Wörtern verbirgt sich die Geschichte eines ungeborenen oder vielleicht totgeborenen Kindes. Verbirgt sich die Verzweiflung der Eltern, welche die Erinnerung an das tote Kind nicht mehr ertragen – vielleicht sind sie auch arm und zum Verkauf gezwungen.

In die Dimensionen hinter den sechs banalen Wörtern einzudringen, das nennen Leseforscher «tiefes Lesen». Es ist eine unschätzbare Qualität – und ein Kulturgut, das im Zeitalter der Digitalisierung in Gefahr ist. Darauf weist die Erklärung von 130 europäischen Wissenschaftern hin, die sich disziplinenübergreifend – als Neurolinguisten, Sprach-, Lese- und Lernforschern und Sozialwissenschafter – in einer grossangelegten vierjährigen Forschungsinitiative namens E-READ mit der Zukunft des Lesens im Zeitalter der Digitalisierung befasst haben. Ihre «Erklärung von Stavanger» verdient die Beachtung jedes Einzelnen, der sich beruflich mit Fragen des Lesens und Lernens auseinandersetzt.

Die Erklärung von Stavanger ist die differenziert dargelegte Erkenntnis, dass Bildschirme und bedrucktes Papier nicht gleichwertig sind. Was angesichts der rasend schnell vorangetriebenen Digitalisierung bedeutet: Es besteht Grund zur Sorge um das Lesen gedruckter Texte. Dieser Druck, der ja auch ein kommerzieller Druck zur möglichst schnellen und möglichst vollständigen Digitalisierung ist, muss hinterfragt werden. Die gängigen Floskeln vom Rückstand in der Digitalisierung gegenüber den Anderen, Schnelleren, Besseren, wie sie von der Politik gerne übernommen werden, sind manchmal blosses Nachplappern der Digitalisierungs-Lobbyisten, die sich mit immer neuer Hard- und Software eine goldene Nase verdienen.

Es droht der Verlust des «tiefen Lesens»

Die Forschergemeinschaft aus 34 Ländern hält fest, dass digitale Texte zwar «ausgezeichnete Möglichkeiten bieten, die Textpräsentation auf individuelle Präferenzen und Bedürfnisse abzustimmen» (zum Beispiel im Unterricht). Leser neigten allerdings beim Lesen digitaler Texte «eher zu übersteigertem Vertrauen in ihre Verständnisfähigkeiten als beim Lesen gedruckter Texte». Überfliegen und geringere Konzentration auf den Inhalt sind die Folge. Es droht der Verlust des «tiefen Lesens», vor allem bei längeren Texten. Das Verständnis des Gelesenen sinkt.

Bedrucktes Papier, vor allem das Buch, sind dem Verständnis, der Konzentration, dem Aufbau eines Wortschatzes und dem Gedächtnis förderlicher als der Bildschirm, schreiben die Forscher. Das hat damit zu tun, dass der Mensch nicht nur mit den Augen und dem Hirn, sondern mit dem ganzen Körper liest. Die Eigenschaften des Körpers bestimmen mit, was wir lernen, wissen und tun können. «Dieser Faktor wird von Lesern, Erziehern und sogar Forschern unterschätzt», heisst es in der Stavanger-Erklärung.

Wichtig sei deshalb, dass Schüler und Studierende immer wieder zur Lektüre gedruckter Bücher motiviert würden. Lehrer und Erzieher müssten wissen, dass «der rasche und wahllose Ersatz von Druckwerken, Papier und Stift durch digitale Technologien im Primarbereich nicht folgenlos bleibt». Er könne zur Verzögerung in der Entwicklung des kindlichen Leseverständnisses und des kritischen Denkens führen. Könnte das «flachere» Bildschirmlesen nicht sogar zum Standardmodus des Lesens werden? Mithin Anfälligkeit für Fake News, Einseitigkeit und Vorurteile fördern?, fragen die Leseforscher.

Vielleicht haben Leute wie der Direktor der ETH-Bibliothek, der alle Bücher digitalisieren und aus der Bibliothek entfernen will, zu viel am Bildschirm gelesen. Was zur Gefahr führt, dass sie ihrer Aufgabe nicht mehr völlig gewachsen sind.