Beziehungen: Warum wir über Zweckgemeinschaft und Tauschgeschäft reden sollten

In ihrer Kolumne «Liebes Leben, wir müssen reden» schreibt Social-Media-Redaktorin Maria Brehmer über alles, was das Leben schöner macht – und manchmal auch schwieriger. Heute: Ja, die Realität ist unsexy, doch nur wenn wir sie mit einbeziehen, machen wir eine Beziehung zukunftsfähig.

Maria Brehmer
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«Wenn wir uns verlieben, denken wir nicht im Traum daran, dass die junge Liebe irgendwann einmal schwierig werden könnte.»

«Wenn wir uns verlieben, denken wir nicht im Traum daran, dass die junge Liebe irgendwann einmal schwierig werden könnte.»

Sandra Ardizzone

Müsste ich den grössten Irrglauben der westlichen Welt benennen, würde dieser das Rennen machen: Liebe muss immer romantisch sein.

Unsere Vorstellung, dass sich zwei Menschen finden und bis ans Ende ihrer Tage durch eine rosarote Brille auf ihr perfektes Leben lugen, hat mit der Realität wenig zu tun. Das wissen wir eigentlich, denn jeder und jede von uns hat schon erlebt, dass Liebe schmerzlich sein kann. Doch an unserer romantischen Seele nagt dennoch unbeirrt die Überzeugung, dass es irgendwie nicht gut ist, wenn es nicht gut ist. Dass es eigentlich besser sein sollte.

Geschlechtskrankheiten und Seitensprünge

Wenn wir uns verlieben, denken wir nicht im Traum daran, dass die junge Liebe irgendwann einmal schwierig werden könnte. Dass der Lieblingsmensch vielleicht schnarcht und uns das irgendwann unheimlich auf die Nerven gehen wird. Oder dass man über unangenehme Dinge wie Finanzen, Geschlechtskrankheiten oder Seitensprünge wird reden müssen. Das ist gut so, denn eine desillusionierte und hoffnungslose Sicht auf die Zukunft hilft uns kaum, wenn es darum geht, sich auf einen Menschen einzulassen. Offenheit und Unvoreingenommenheit braucht es besonders zu Beginn einer Beziehung, damit wir uns überhaupt richtig kennen und lieben lernen können.

Die Sehnsucht nach der immer romantischen Liebe beseelt uns über die Verliebtheitsphase hinaus. Sie beflügelt Filmemacher, Autorinnen – und unsere Vorstellungskraft. Wie verheissungsvoll die Aussicht, auf Rosen gebettet durchs Liebesleben zu schweben!

Tatsache jedoch ist, dass wir um einiges gelassener wären in Sachen Beziehung, wäre uns von Anfang an bewusst, dass die Sache mit dem Schnarchen, Vergleichbarem oder Schwerwiegenderem ziemlich sicher irgendwann eintreffen wird. Wären wir realistischer, stellten wir weniger grosse Ansprüche an unsere Beziehung und an unsere Partnerinnen und Partner – Ansprüche, die unserem Glück letztlich im Weg stehen.

Es geht auch ohne Spathetti al dente

Wir würden nicht mehr davon ausgehen, dass unsere Beziehung nur dann perfekt ist, wenn der Liebste regelmässig Rosen heimbringt. Oder so und so oft «Ich liebe dich» sagt. Oder die Spaghetti immer al dente hinbekommt.

Doch die Realität erscheint uns einfach nicht sexy genug. Die Vorstellung, dass eine Langzeitbeziehung immer auch Zweckgemeinschaft, Tauschgeschäft und Arrangement ist, gehört irgendwo vor 1950 verstaut. Doch nur wenn wir die Realität mit einplanen, hat die Liebe Bestand.

Kommt eine Phase, in der die romantische Liebe hinten anstehen muss, ist man für eine Zeit lang eben etwas pragmatischer zusammen. Plant, packt an, handelt aus. Das ist nicht das Ende einer Beziehung. Im Gegenteil: Hat man der Realität die nötige Aufmerksamkeit geschenkt, macht sie ungefragt Platz für die romantische Liebe.