«Auf ein Wort»-Kolumne
Chrätte werden immer gebraucht

In seiner aktuellen Kolumne erklärt unser Mundartexperte Niklaus Bigler, was der Unterschied zwischen «Chratte »und «Zeine »ist.

Niklaus Bigler
Niklaus Bigler
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Eine typische Chratte wird mit zwei Schlaufen am Gurt befestigt.

Eine typische Chratte wird mit zwei Schlaufen am Gurt befestigt.

Bild: Keystone

Im Schwarzwald und in der deutschen Schweiz gibt es die Redensart: Me chönnt fast meine, e Chratte weer e Zeine. Das sagte man zu einem, der seine Verhältnisse und Möglichkeiten überschätzt, Luftschlösser baut oder sich überheblich benimmt.

Den Unterschied zwischen einem Chratte und einer Zeine zu kennen, galt quasi als Massstab für eine richtige Beurteilung der Lage. Beides sind geflochtene runde Weidenkörbe, aber im Wesentlichen ist der Chratte kleiner und tiefer als die eher flache Zeine. Man benützt ihn bis heute als Beerichratte oder bei der Kirschenernte als Chriesi­chratte. Weil er mit zwei Schlaufen am Gurt des Pflückers befestigt ist, muss man ihn auch oben auf der Leiter nicht halten.

Früher nahm man aufs Feld die Zwischenverpflegung in einem Chratte mit; dieser hatte zum Tragen in der Mitte einen geflochtenen Bogen. Auf dem Acker brauchte man manchmal den Steichratte, um Steine einzusammeln; diese Art bestand dann auch oft aus Drahtgeflecht.

Eine andere Art von Steichratte wurde im Hochwasserschutz eingesetzt: mit Steinen gefülltes Flechtwerk verstärkte das Flussufer. Und an der Wand hinter dem Esstisch hing einst an vielen Orten der Löffelchratte als Behälter für die Essbestecke.

Wird ein Mensch zum Chratte, so ist es in der Regel nicht so ernst gemeint. Da gibt es etwa den Giitchratte, den Frässchratte und den neugierigen Gwunderchratte. Die Redensart de Chratte leere bedeutet das Gleiche wie de Chropf leere; man lässt den lange angestauten Ärger ungeschminkt heraus. Zum Schluss noch eine Frage: Was ist wohl ein Tüttichratte? – So sagt oder sagte man in Davos dem Büstenhalter.

Niklaus Bigler war Redaktor beim Schweizerdeutschen Wörterbuch (idiotikon.ch).

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