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Kolumne

Auch Lucien Favre ist mehr als nur Coach

Ein Gastbeitrag von Bildungsexperte Carl Bossard zur Frage des Wissens in den Schulen.
Carl Bossard
Carl Bossard (Bild: Markus von Rotz; Stans, 30. November 2018)

Carl Bossard (Bild: Markus von Rotz; Stans, 30. November 2018)

Lucien Favre ist erfolgreicher Fussballtrainer, beseelt von einer Idee und leidenschaftlich verliebt in seine Aufgabe, fachlich versiert, auf Augenhöhe seiner Spieler und doch ganz Patron. Für ihren Trainer gehen die Dortmunder Profis durchs Feuer. Im Haifischbecken der deutschen Bundesliga liegt Borussia Dortmund an der Spitze. Wo immer Lucien Favre wirkt, hat er Erfolg. Kern ist seine intensive Arbeit mit jedem einzelnen Spieler – durch persönliches Vorzeigen und systematisches Üben, durch Animieren und Inspirieren, durch Vermitteln von fussballerischem Wissen und Können. Der Trainer als Fussball-Lehrer: eine pädagogische Aufgabe!

Wie anders tönen heutige Stelleninserate für Lehrpersonen. Eine Luzerner Stadtgemeinde sucht aktuell einen «Coach und Lernbegleiter», der sich ausdrücklich «nicht als Wissensvermittler» sieht. Hat denn die Schule nicht auch Grundkenntnisse zu vermitteln?, denkt man sich. Und wenn es kein Wissen mehr zu vermitteln gibt, können dann Lehrerinnen und Lehrer noch Kompetenzen entwickeln? Aus einem solchen Stellenbeschrieb spricht ein gefährliches Desinteresse an Lerninhalten, wie wenn Wissen in der Schule der Wissensgesellschaft zu vernachlässigen wäre. Dank Digitalisierung ist es ja jederzeit und überall abrufbar. Doch wer keine historische Ahnung hat, dem hilft auch Wikipedia nicht. Wie soll man sich ohne Wissen im 20. Jahrhundert, in diesem «Zeitalter der Extreme», zurechtfinden?

Das Inserat klingt wie eine Selbst-Aufgabe pädagogischen Lehrens. Wie anders als über das Üben von Inhalten sollen Kinder denn Lernstrategien und damit Kompetenzen des Wissenserwerbs lernen? Sie lassen sich doch nur anhand von Kenntnissen erreichen, durch nichts anderes. Das Wissen der Hand geht einher mit dem Wissen des Kopfes. Darum formulierte Johann Heinrich Pestalozzi seinen pädagogischen Dreiklang von Kopf-Herz-Hand. Er wusste, dass Schule und Unterricht diese Trias miteinander entwickeln müssen, nämlich die Geschicklichkeit der beweglichen Hand zusammen mit dem Scharfsinn im Kopf und den Gefühlen im Herzen. Wissen hat es heute schwer, wenigstens in der Schule. Doch Menschen bilden sich an Inhalten, an «Stoffen». Der geistige Horizont weitet sich an Aufgaben und Aspekten der Welt, die zum Objekt der forschenden Neugier und dann – über das Wissen – des Verstehens werden. Erkenntnis- und damit Bildungsprozesse entzünden sich an konkreten Wissensbeständen. Man muss etwas kennen, um etwas Neues zu erkennen.

Nur in Verbindung mit Inhalten lernen wir, wie man klare Kriterien herausarbeitet, Strukturen aufbaut, begriffliche Raster findet, präzise Fragen stellt und die Neugier wie den Zweifel kultiviert. Im Diskurs erwerben wir auch jene intellektuellen Fähigkeiten, auf die es heute zwingend ankommt: kreative Intelligenz, skeptische Kompetenz, logische Kombination. Das sind unverzichtbare Qualitäten, ohne die man im Datenmeer des Internets ertrinkt. Alle diese Grössen sind gebunden an das, was man früher materiale Bildung nannte, also Wissenskontexte. Kompetenz ist eben nicht ohne Inhalte denkbar. Damit Schülerinnen und Schüler zu kreativem und problemlösendem Denken kommen, müssen sie ein bestimmtes Mass an Faktenwissen erworben haben. Allein zu wissen, wo etwas steht und wie eine Information abzurufen ist, genügt nicht. Können braucht systematisch aufgebautes und verstandenes Strukturwissen. Damit Schüler Informationen weiterverarbeiten können, müssen die Wissenskontexte im Kopf sein – und nicht nur in digitalen Geräten.

Lucien Favres Profi-Equipe ist taktisch bestens geschult. Ihr taktisches Denken basiert auf Wissen. Der Fussball-Lehrer vermittelt es: in intensiven Übungssequenzen. Dieses Wissen muss in den Kopf der Spieler und dort automatisiert werden. Warum in der Schule nicht auch von Lucien Favre lernen? Favre weiss, dass Können Wissen braucht, und er weiss, dass beides nur unter Anleitung und mit Anstrengung erworben werden kann. Darum nimmt er Einfluss; er bestimmt die Ziele, vermittelt die nötige Wissensbasis, gibt Feedback, sorgt für den Erwerb der notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten und organisiert ausreichende Übungssequenzen. Die Effektivität seines methodischen Vorgehens zeigt sich auf dem Feld. Borussia Dortmund ist unter ihm «aus einer Baustelle» das deutsche Spitzenteam par excellence geworden. Auf die Lehrperson und die Qualität ihres Wirkens kommt es an!

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