Kolumne

«Jung & Alt»: Ist denn dieses Alter nüchtern zu ertragen?

In der «Jung & Alt»-Kolumne schreibt unser Autor Ludwig Hasler alternierend mit Samantha Zaugg, Journalistin, 26. Diese Woche erklärt er, weshalb ältere Leute gerne ab und zu einen Wein geniessen.

Ludwig Hasler
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Ludwig Hasler ist Philosoph und Publizist.

Ludwig Hasler
ist Philosoph und Publizist.

Bild: zvg

Liebe Samantha

Was das mit dem Wein soll? Na ja, ich wollte anstossen auf unser Gespräch. Typisch alt, findest du. Je älter, umso interessierter an Wein. Seit du es sagst, fällt mir auf: Wo ich bin, ist auch Wein, in der Küche, im Restaurant, als Geschenk. Auch in Romanen, die ich lese, werden Flaschen geleert, gern hinein in die Verzweiflung.

Ist das die Spur? Das Alter als zunehmendes Verzweiflungsdrama? Es sei «nichts für Weicheier», sagte Marianne Faithfull, eine regelrechte Verlustgeschichte. Bei mir begann es beim Gehör, die übrigen Sinne geben auch schon nach, Vitalkräfte sowieso.

Dafür kriegen wir die Seelenruhe? Ja? Glückwunsch! Manche aber fragen sich: Ist das nüchtern zu ertragen? Zu körperlichen Ausfällen kommen oft soziale, am Ende die Tristesse der Vereinsamung. In Statistiken schlagen Depression und Alkoholismus ab 65 aus, besonders verbreitet das «Pegel-Trinken», das macht nicht betrunken, bloss leicht betäubt, aber konstant, wirkt wie ein Schleier vor der eigenen Realität. Ist bei mir nicht so weit.

Wozu brauchen manche Jugendliche ihr Bier? Zum Durstlöschen? Welchen Durst? Den nach mehr Leben, nach Rausch, Entgrenzung? Das wäre ein Thema, Samantha: Wie brechen wir– Junge, Alte – aus dem Alltag aus? Später mal.

Das mit dem Wein läuft wohl harmloser. Oft als soziales Ritual. Wer zusammen trinkt, beisst sich nicht. Brachte ich darum eine Flasche mit zum Gespräch? Zur Auflockerung der Unterschiede? Ich bin nicht so unkompliziert aufgewachsen. Und ihr Jungen tickt manchmal schon auffällig anders. Entspannter, scheint mir, irgendwie freier, auch ohne Wein. Vermutlich weckt genau diese Freiheit bei manchen Alten die Sorgen, die dich befremden. Ich höre sie auch.

Als eine Enkelin ein Jahr durch Europa tourte, im VW-Bus, mit allerlei Gelegenheitsjobs beschäftigt, da ging es gleich los mit der Sorgenmacherei: Passt sie auch auf? Isst sie ordentlich? Kann sie sich das überhaupt leisten? Verspielt sie den Anschluss im Beruf? Gratis mitgeliefert: unser Besserwissen. Wir Alten haben es ja geschafft, wir haben das Leben bestanden. Ergo wissen wir, wie man es macht. Und nun sehen wir, ihr macht manches anders. Also Stirnrunzeln – hmm, wenn das bloss nicht schiefgeht!

Es sind die falschen Sorgen, da stimme ich dir zu. Die richtigen jedoch– Sorgen über den Zustand der Welt – wären halt lästig. Am Zustand der Welt sind wir Alten direkt beteiligt, jedenfalls mehr als ihr. Und da dieser Zustand, gelinde gesagt, durchzogen aussieht, steht unser Besserwissen auf wackligen Füssen. Brauchen wir etwa darum Wein? Doch, wenn ihr unsere Agenda der Sorgen nun auswechselt, könnten wir aufatmen: mit Glück, junge Leute!

Aber spielen wir Alten in eurem Stück überhaupt noch eine Rolle?

Ludwig