Köpfe und Charaktermasken

Der Nigerianer Wole Soyinka legt erneut 800 kompakte Seiten Erinnerungsliteratur vor: «Brich auf in früher Dämmerung» bietet Wissen über Afrika aus erster Hand.

Martin Zähringer
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Dank Wole Soyinka kann man auch hier über seine Heimat Nigeria sehr viel wissen. Nicht sattsam verbreitetes Expertenwissen westlicher Prägung, sondern vom Wissen über Afrika aus erster Hand. Und mit Witz – der anglophone Kosmopolit Soyinka meinte einst zu den kulturkonservativen Negritude-Debatten: «Ein Tiger verkündet nicht seine Tigritude, ein Tiger springt.»

Soyinka ist ein Autor, der springt. In die grosse Welt des Geistes und der Politik, mit einem messerscharfen Blick und einer glasklaren Rhetorik bewaffnet. Er scheut sich nicht, seiner demotivierten Theatertruppe mittels eines Orisha-Rituals auf die Sprünge zu helfen. Dem Götterkult der Yoruba verdankt sich auch die Gliederung zu Beginn des Werks, wobei die Beziehung zu seinem persönlichen Gott Ogun eher symbolisch zu verstehen ist. Ogun steht für die alte Kultur der Yoruba, die angesichts der tragischen politischen Lage des Staates Nigeria oft noch engere Identifikationsmöglichkeiten bietet als die nationale Staatsidee. Auf der Matrix seiner hochentwickelten Sprache würdigt Soyinka auch die Matrix der Kulte – mit all ihren sprachlichen Vergegenwärtigungen im Alltag – als eigenes Erbe.

Die Yoruba-Maske

Die Ironie ist einer der mächtigsten Züge, die den Leser bei der Stange halten. Das wird in jener Farce über den Rückführungsversuch der bedeutenden, aber verschollenen Yoruba-Plastik Ori Olokun deutlich. Der immer zu einem Spass aufgelegte Pierre Verger, in Brasilien sesshafter Ethnologe, hatte einmal zu später Partystunde geäussert, das verschollene Stück selbst nach Brasilien geschmuggelt zu haben. Die anschliessende Suche nach diesem zentralen Prunkstück der Yoruba-Nation hat durchaus etwas von der fanatischen Ernsthaftigkeit eines überdrehten Nationalisten. Schliesslich soll die Maske per Diebstahl wieder in den Besitz der Yoruba gebracht werden. Die Staatsaktion geht grandios daneben, aber Soyinka dreht es mühelos so, als sei es ihm von Anfang an nur um eine gute Story gegangen. Zumindest ist es eine geworden.

Er schildert auch andere militante Manöver wie seinen Überfall auf eine Radiostation mit einem Revolver im feinen Ton der Selbstironie, obwohl ihm das erstmals Haft eingebracht hatte. Nach 29 Monaten Isolationshaft wegen Parteinahme für die Igbo im Biafra-Krieg wusste er dann, wie ernst man ihn nahm.

Chronique scandaleuse

Diktatoren verstehen keinen Spass, Sani Abacha hat Soyinka ins Exil getrieben und sogar dort verfolgt. Im abschliessenden Requiem für den ermordeten Kenula Sarowiwa und seine acht Kameraden setzt Soyinka den Schlusspunkt eines unverzagten Zoon Politikon. Und bei seiner Begegnung mit Shimon Peres zeigt er noch einmal, wie man «mit dem langen Löffel kommt, wenn der Teufel zum Essen lädt». Er äussert sich erstaunt darüber, «wie es die Abachas dieser Welt wagen können, Führerschaft zu erstreben, und sei es auch nur in einem Rudel Hyänen». Und setzt dann Peres subtil auseinander, dass die israelische Demokratie Nigeria helfen könne, indem sie für die Opposition in Abachas Sicherheitsnetzwerk eindringe, das von israelischen Firmen installiert wurde.

Das sind die sanften Töne der Diplomatie. Dem politischen Feind aus der nigerianischen Diktatur aber widmet Wole Soyinka die schärfste und unerbittlichste Polemik. Sie wäre schon demaskierend genug, ist aber zusätzlich angereichert durch eine faktengesättigte, genaue Beobachtung und investigative Schilderung der politischen Intrigen und Komplotte. Hier schreibt ein Grossmeister der Sprache und Aktivist der Opposition die chronique scandaleuse eines durchweg verkommenen Staatswesens.

Wole Soyinka: Brich auf in früher Dämmerung. Erinnerungen. Aus dem Englischen von Inge Uffelmann. Ammann, Zürich 2008, Fr. 58.50

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