Königlich residieren

Schlosshotels Die Demokratie hat den Vorteil, dass ganz normale Bürger Schlösser bewohnen können. Nun hat nicht jeder das Geld für den Kauf eines Châteaus, aber für eine Nacht im Schlosshotel reicht es vielleicht. Sogar Junge können edel nächtigen – in einer Jugendherberge in historischen Gemäuern. Inka Grabowsky

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Das Château d'Isenbourg bei Colmar inmitten von Rebbergen spricht wohl eher eine betuchte Clientèle an. (Bild: pd)

Das Château d'Isenbourg bei Colmar inmitten von Rebbergen spricht wohl eher eine betuchte Clientèle an. (Bild: pd)

Schon die Auffahrt stimmt die Besucher auf das Erlebnis ein. Wer die kleine Strasse durch die Weinberge oberhalb von Rouffach im Elsass bis zum Château d'Isenbourg hinauffährt, fühlt sich im wahrsten Sinn des Worts erhaben. Das typisch französische Schlösschen mit einer Geschichte bis ins 12. Jahrhundert zurück bietet einen Ausblick bis zum Schwarzwald. Die 41 Zimmer sind im Stil von Louis XV. möbliert – entsprechend königlich kommt man sich als Bewohnerin vor.

Ein Spa gehört natürlich auch zum Luxushotel. Wer noch nie eine Massage mit heisser Schokoladenmasse probiert hat, hat hier die Gelegenheit dazu. Allein der Duft des Kakaos macht Appetit… Den stillen wir im edlen Restaurant, wo sich offenkundig die halbe Welt trifft: deutsche Paare, die etwas zu feiern haben, Asiaten auf Europatrip, Amerikaner auf Geschäftsreise und Russen mit Hang zum Luxusleben. Es scheint, dass im Château d'Isenbourg nur die Kellner Französisch sprechen.

Château Golden Gate

Auch in der Schweiz finden sich solche Inseln der Seligkeit. Über 900 Burgen und Schlösser gibt es im Land. Dazu kommen noch einige «Neo-Schlösser», die extra für den Tourismus geschaffen wurden. Am Vierwaldstättersee gibt es zum Beispiel seit rund dreissig Jahren das Resort «Schlosshotel Swiss Chalet». Die Schlösser auf dem Gelände sind zu schön, um echt zu sein, bieten aber eine perfekte Show. Eines der Hotels trägt den Titel «Château Golden Gate». Es ist nicht schwer zu erraten, wer sich da angesprochen fühlen soll.

Unter der Dachmarke «Swiss Historic Hotels» haben sich über vierzig historisch bedeutsame Häuser mit dem Motto «Kein Staub, aber Patina» zusammengeschlossen. Alte Gasthäuser sind darunter, klassische Grands Hotels, aber eben auch das eine oder andere Schloss.

Das Schloss Sins in Graubünden etwa wirbt für sich mit der sympathischen Frage: «Ist es ein Schloss? Ja, sagen der Schlossgarten und Seerosenteich. Unbedingt, sagen der Turm und die Drachen im Dachgebälk. Es ist ein einfaches, grosszügiges Haus – eine Zeitinsel, sagen wir Gastgeber.» Daraus ergibt sich eine rudimentäre Definition von Schloss: Es hat mindestens ein Türmchen, eine Art Park und eine lange Geschichte.

Zitas Schloss

Ideales Beispiel dafür ist das Schloss Wartegg in Rorschacherberg. 1557 erbaut, mal vom bischöflich-konstanzischen Vogt, mal von Herzögen und kurz sogar von einer echten Kaiserin bewohnt, dann von Industriellen gekauft, ist seit 1994 ein Hotel. Die neuen Besitzer, das Ehepaar Christoph und Angelika Mijnssen, hatten ein überschaubares Haus für die eigenen Bedürfnisse gesucht. Ein Gebäude in Seenähe mit zwei Werkstätten, einem Seminarraum und Platz für ein oder zwei Ferienwohnungen hätten sie haben wollen, erzählt Christoph Mijnssen. «Das Schloss war eigentlich viel zu gross, und es war in einem erbärmlichen baulichen Zustand, aber die Atmosphäre im Haus und vor allem im Park hat uns nicht mehr losgelassen.» Hätten Mijnssens nicht gekauft, wäre das Gebäude vermutlich in Stockwerkeigentum aufgeteilt worden. Der Park hätte seinen Charakter verloren. «Vor diesem Schicksal wollten wir das Schloss bewahren», sagt er. Deshalb entstand die Idee vom naturorientierten Schlosshotel am Bodensee für Ferien- und Seminargäste und mit grossem Pro-Specie-Rara-Küchengarten. Was soll man aber auch aus einem alten Schloss machen, wenn nicht ein Hotel? Für private Zwecke sind die Gebäude meist zu gross. Selbstverständlich lässt sich ideal ein Museum einrichten. Da dessen Einnahmen aber meist kaum die Unterhaltskosten decken, bleibt diese Verwendung ebenso ein Privileg des Staates wie die Einrichtung von Standesämtern. Ob Schloss Schadau in Thun, Schloss Grüningen, Schloss Bümpliz oder Schloss Pratteln: Für eine standesgemässe Eheschliessung werden Schlösser gerne berücksichtigt. Ein Hotel aber macht eindeutig das Beste aus der vorhandenen Infrastruktur: Vom Ballsaal bis zur grossen Küche kann alles weiter genutzt werden.

Das Angebot, die Ferien in einem Schloss zu verbringen, zieht offenkundig viele Touristen an. Genaue Zahlen kennt auch die Marketingorganisation Schweiz Tourismus nicht, aber immerhin hat die national repräsentative Gästebefragung 2010 ergeben, dass 28 Prozent der Übernachtungsgäste in den Ferien historische und kulturelle Sehenswürdigkeiten besuchen wollen. Es dürfte eine Mischung aus Kindheitstraum, historischem Interesse und ein wenig Voyeurismus sein, die die edlen Domizile attraktiv macht.

Wem ein Besuch oder eine Übernachtung nicht reicht, der kann sich ein Schloss als Ferienhaus mieten. Dafür gibt es inzwischen verschiedene professionelle Vermittler. Schlossbesitzer melden sich zum Beispiel beim internationalen Ferienhaus-Anbieter Belvilla mit Sitz in den Niederlanden. Stimmt ihr Angebot, findet man ihr Anwesen bald mit Bild und Ausstattungsinformationen auf der Internetplattform. Die Kunden können in Online-Katalogen die für sie angemessene Pracht aussuchen.

Ein teures Erbe

So hat beispielsweise die Familie Marcello im Seitenflügel ihres Schlosses im Hinterland von Venedig eine 315 Quadratmeter grosse Ferienwohnung mit allem Komfort eingerichtet. Im Hauptteil des Gebäudekomplexes aus dem 16. Jahrhundert ist ein Museum untergebracht, ausserdem wohnen die Eigentümer dort. Eine Woche schlägt mit rund 4000 Euro zu Buche. Das hilft beim Erhalt des Familienerbes.

Zum Leidwesen vieler Schlossbesitzer sind Gäste oft nicht mehr nur mit der schönen Hülle zu begeistern. Wer in einem Schloss residiert, will auf nichts verzichten. Selbst wenn man weder Wellness-Areal noch Gourmetrestaurant einbaut, so braucht es für einen Hotelbetrieb doch Heizung, Schallisolierung, Brandschutz und moderne Badezimmer. Auf Schloss Wartegg beispielsweise haben die Besitzer 12 Millionen Franken in Sanierung und Umbau investieren müssen. Aufwendungen wie diese machen Übernachtungen nicht zu Billigangeboten.

Es sei denn, man begibt sich nach Dachsen zum Schloss Laufen am Rheinfall. In der dortigen Jugendherberge ist eine Übernachtung schon für Fr. 34.50 zu haben – inklusive Frühstück!