«Klettern kann jeder…»

Deutschland Die unberührte Natur der Sächsischen Schweiz hat nicht nur Brad Pitt und Kate Winslet bezaubert, die hier für den «Vorleser» von Stephen Daldry drehten. Das Elbsandsteingebirge mit seinen bizarren, freistehenden Felsformationen gilt auch als Geburtsort der Freikletterer. Sybil Jacoby

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«Cliffhanger» im Elbsandstein – und ein schwindelerregender Blick auf die Elbe. (Bild: Frank Richter)

«Cliffhanger» im Elbsandstein – und ein schwindelerregender Blick auf die Elbe. (Bild: Frank Richter)

Bernd Arnold lächelt verschmitzt: «Klettern kann jeder – doch bei einigen dauert's länger.» Dem drahtigen Mann traut man jede Bergtour zu, doch sein Alter hätte keiner erraten: 60. Er soll uns in die Geheimnisse des Freikletterns einführen, und zwar im ältesten ausseralpinen Klettergebiet Deutschlands: im Elbsandsteingebirge der Sächsischen Schweiz, einst DDR-Grenzgebiet zu Tschechien.

Etwas unschlüssig stehen wir herum; die hoch emporragenden Sandsteinfelsen in bizarren Formen sind atemberaubend und tragen so furchterregende Namen wie Höllenhund, Teufelsspitze oder Grosse Herkulessäule. Beruhigend, dass uns auch seine Frau Christine, eine geübte Bergsteigerin, zur Seite steht. Wir sollen unsere Feuertaufe bei einem Schnupperkurs auf den Papststein bei Bad Schandau bestehen, wie der Routinier gelassen sagt, der im Winter die halbe Welt erklettert, Südamerika, Afrika, den Himalaja, Nordkorea.

Gestern noch waren wir unbeschwert zu siebt durchs mittelalterliche Pirna pedalt – auf der «Roten Sieben», wie das auffallende Gefährt heisst. Das idyllische Städtchen soll dem berühmten Vedutenmaler Canaletto so gut gefallen haben, dass er es auf mehr Ansichten verewigt hat als Dresden. Pirna gilt als «Tor zur Sächsischen Schweiz» – so wird der deutsche Teil des Elbsandsteingebirges in Sachsen bezeichnet, südöstlich von Dresden beiderseits der Elbe gelegen. 1990 wurde der 93 Quadratkilometer grosse Nationalpark geschaffen.

Der Tatendrang der Turner

Dass wir gerade hier unsere Geschicklichkeit beweisen sollen, hat seinen Grund. Die Sächsische Schweiz gilt als Paradies des Freikletterns. Zu verdanken hat sie dies tollkühnen Turnern in Bad Schandau, die den Felsen Falkenstein 1864 bezwangen. Ab etwa 1890 entwickelte sich das Freiklettern, heute «Free Climbing». Zur Fortbewegung dürfen nur der Fels und der eigene Körper genutzt werden. Seil und technische Hilfsmittel dienen nur zur Sicherung.

Zurück auf den harten Boden der Tatsachen. «Klettern ist keine Sache der Kraft», sagt unser Meister, «sondern der Verlagerung – wie beim Treppensteigen. «Die Hände dienen dazu, das Gleichgewicht zu behalten.» Keine Hexerei also. Eine trügerische Erleichterung, als er das Wort Traversierung in den Mund nimmt. Aber wie sonst sollten wir vom rechten zum linken freistehenden Felsen gelangen? Geklettert wird übrigens mit Vorliebe ohne Schuhe und mit nackten Händen, denn barfuss bietet der zerklüftete Stein besseren Halt.

Rechts von uns turnen muskulöse, junge Männer mit gebräuntem Oberkörper um den Felsen; die einen ziehen wie Äffchen davon, die anderen leiden Qualen. Welche Pein, wenn die Kollegen bereits vom Gipfel grüssen und man selbst noch in der Wand klebt . . .

Körperbeherrschung

Klettern ist auch eine Sache der Konzentration, wie Bernd Arnold an einem grösseren Gesteinsbrocken zeigt: Sich auf den rechten Fuss fokussieren, die rechte Hand auf die Felskante legen,

die geeignete «Delle» zum Absetzen des Fusses ins Auge fassen, Fuss plazieren, sich hochziehen, links, rechts, links, in einem gemächlichen Tempo. Der Körper bleibt nah am Felsen. «Ruhig bleiben, gleichmässig atmen.» Dann wird's anspruchsvoller: rechter Fuss, linker Fuss, Gewicht verschieben, Bein darunter hervorziehen, hochheben und Fuss sicher aufsetzen.

Nach ein paar Übungsrunden gilt's ernst: Klettergewand anziehen, den Hüftgurt festzurren, die «Kuhglocken» anziehen – so nennt er die Karabiner. Aug' in Auge mit der Wand kapituliert die Autorin des Artikels feige – oder weise?

Die Arnolds klettern nacheinander geschmeidig wie Gemsen die Felswand empor, sichern, und dann ist die Reihe an den Kameraden. Es ist gar nicht so einfach, mit den Fingern gute Griffe zu ertasten.

Und dann fehlt die Kraft, sich breitbeinig in einem «Kamin» abzustützen, das Gleichgewicht auf ein Bein zu verlagern, die nächste Stelle anzupeilen und sich hoch zu stemmen. Abends wird die Besteigung im alten Berggasthaus gebührend gefeiert, und unser Blick schweift über die weite Ebene Sachsens und Böhmens, wo die Sonne rotglühend untergeht.

Wie ein Sekretär

1100 Kletterfelsen gibt es in der Sächsischen Schweiz, 16 000 Routen. Und sie kraxeln alle: Männer wie Frauen, Junge, Ältere, viele bereits als Kind. Sie alle verspüren den Ehrgeiz in sich, haben einen ausgeprägten Willen, suchen die Herausforderung. Es hat etwas Verrücktes an sich. Bernd Arnold bringt's auf den Punkt: «Klettern ist wie ein Sekretär mit vielen Schubladen – jeder kann sich sein Fach aussuchen.

» Und er erzählt von Wagemutigen, die am liebsten allein und ohne Seil immer neue Gipfel bezwingen wollen, Ästheten, die an der Körperbeherrschung ihre Freude haben, und Teamplayer, die im Gemeinschaftssport mit Gleichgesinnten ihren Ausgleich suchen. «Der Berg führt uns an die Grenzen, in jeder Hinsicht. Man kann nicht eben mal am Feierabend kurz zum Klettern gehen. Kondition braucht es, die richtige Einschätzung der Tagesform, gewiss auch Erfahrung. Klettern ist aber auch ein Denkvorgang, ein Zwiegespräch mit sich selbst.»

Hier gibt es weniger Sicherungsknoten als in anderen Klettergebieten Deutschlands. Ein Sturz kann sehr tief und unangenehm auf Absätzen oder im Blockgelände enden. Daran denken wir, als wir tags darauf Veit Kiffer treffen – im Rollstuhl. Der junge Mann war vor seinem Sportunfall – ein Absturz beim Klettern «aus Unachtsamkeit», wie er sagt – jahrelang als begeisterter Bergsteiger im Elbsandstein unterwegs und kennt die Gegend und ihre Möglichkeiten für Menschen mit Handicap gut.

«Ich wollte nach der Reha wieder eine neue Aufgabe», erzählt er während eines Waldspaziergangs. Nun hat er für die «Gemeinschaft für Barrierefreie Reiseziele in Deutschland» für seine Heimat Wanderungen mit dem Rollstuhl und Tourenvorschläge für Handbike-Fahrer ausgearbeitet. Hartnäckigkeit und Willenskraft sind Veit auch jetzt zugute gekommen.

Der Marktplatz von Pirna. (Bild: Frank Füssel)

Der Marktplatz von Pirna. (Bild: Frank Füssel)

Elbe-Radweg mit Dampfschiff. (Bild: Silvio Dittrich)

Elbe-Radweg mit Dampfschiff. (Bild: Silvio Dittrich)