Kino der Angst

Lars von Trier leidet an Angstzuständen. In seinem neuen Film Melancholia kehrt er sein Innerstes nach aussen. Schatten der Melancholie legen sich auch über das Publikum. Philippe Reichen

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«Melancholia ist ein Film über meine eigene Krankheit», sagt Lars von Trier. (Bild: ap/Lionel Cironneau)

«Melancholia ist ein Film über meine eigene Krankheit», sagt Lars von Trier. (Bild: ap/Lionel Cironneau)

Lars von Triers Filme müssen für einen Psychoanalytiker das sein, was Picasso-Gemälde für den Kunsthistoriker sind: Spielarten des Unbewussten, des Verdrängten. Wild wuchernde Symbolik, die entziffert, ausgelegt und interpretiert werden soll – mal so, mal anders, mal gar nicht, nie endgültig. Der 55jährige Däne, verheiratet und Vater von vier Kindern, kehrt im Film «Melancholia» seine Seele nach aussen – einmal mehr.

Die Braut betreibt Sabotage

Justine (Kirsten Dunst) und Michael (Alexander Skarsgrd) sind auf dem Weg zu ihrem Hochzeitsfest. Als ihre Stretchlimousine in einer Kurve stecken bleibt, scheint das Problem rasch behoben. Doch die Szene ist der Anfang einer Kette seltsamer, an Justines Seelenzustand gekoppelter Vorfälle.

Bald ist klar: Sie betreibt Sabotage. Sie tut alles, ein rauschendes Hochzeitsfest zu verhindern. Justine, eigentlich eine bildschöne Frau und perfekte Braut, weigert sich, im Mittelpunkt zu stehen. Sie ängstigt sich, die bewundernden Blicke der Gäste zu spüren, Gratulationen entgegenzunehmen, mit den Leuten zu reden. Ihr Lächeln ist Fassade.

Die Spirale dreht nach unten

Stattdessen verheddert sie sich in seltsamen Aktionen: Sie reisst während des Fests ein Stück Hochzeitskleid ab; flüchtet kurz auf den Golfplatz, wo sie aufs Green pinkelt; gönnt sich zwischendurch ein warmes Bad; geht aufs Zimmer ihrer Mutter (Charlotte Rampling), von der sie sich ein hilfreiches Gespräch erhofft und stattdessen die kalte Schulter gezeigt bekommt. Auch bei ihrem Vater (John Hurt) blitzt Justine ab. Dieser befasst sich lieber mit anderen Frauen als mit seiner Tochter.

Kurzum: Justine will ihren Hochzeitstag zum Absturz bringen. Die Spirale dreht nach unten. Sie wird zur Gefangenen ihres eigenen Handelns. Je mehr Affronts sie sich leistet, desto schwieriger wird die Rückkehr in die Normalität.

Michael, ihr Bräutigam, wirkt gefasst, weil er das konfrontative Verhalten seiner Braut offenbar kennt. Er versucht Justine auf andere Gedanken zu bringen, zeigt ihr ein Foto eines Landstücks mit Obstbäumen, das er für sie gekauft hat.

Auch Justines Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) versucht permanent zu retten, was zu retten ist. Immer wieder zerrt sie ihre Schwester in den Mittelpunkt des Fests zurück. Bis auch Claire resigniert: Sie bringt kein Licht in die nachtschwarze Seele der Schwester. Claires Mann John (Kiefer Sutherland) ist stinksauer.

«Bilder für die Krankheit»

Seinen letzten Film «Antichrist» hat Lars von Trier inmitten depressiver Zustände gedreht. Das war im Jahr 2009. «Bei <Melancholia> ging es mir schon so weit wieder gut, dass ich in der Lage war, Bilder für die Krankheit zu finden. Ein grosser Teil des Films handelt von meiner eigenen Melancholie», sagte Lars von Trier jüngst einem «Spiegel»-Journalisten. Wie verhält sich ein Melancholiker? Wie und was fühlt er?

Die Beschreibung des Tiefenpsychologen Alfred Adler, er war Zeitgenosse Sigmund Freuds, ist heute noch nachvollziehbar. Adler sah im Melancholiker «den ausgesprochen zögernden Menschen, der sich nicht zutraut, Schwierigkeiten zu überwinden und vorwärtszukommen, sondern mit grösster Vorsicht seine weiteren Schritte einleitet, lieber stehen bleibt und umkehrt, als etwas zu riskieren.» Er sei durch seine eigenen Sorgen so sehr bedrückt, dass sein Blick nur nach rückwärts oder nach innen gerichtet sei.

Dabei bleibt es bei Lars von Trier offenbar nicht. Die Melancholie kippt in die Depression. Der Körper friere ein, so der Däne. Dazu kommen Zwangsstörungen: Die permanente Angst vor Krebs als Beispiel. Der 55-Jährige erlebt sich als Bibliothekarin, deren Bücher alle in einem bestimmten Winkel stehen müssen. Dieses Innenleben verarbeitet er in seinen Filmen.

Selbstexekution in Cannes

Wenn man Lars von Triers öffentliche Auftritte beobachtet und mit Justines Verhalten vergleicht, sind Parallelen offensichtlich. Am diesjährigen Filmfestival von Cannes könnte er, umringt von seinen Schauspielerinnen und Schauspielern, den Moment geniessen und sich feiern lassen. Die Journalisten mögen seinen Film und schmeicheln von Trier. Doch Panik ergreift den Dänen. Seine Hände zittern. Er ruiniert seinen Auftritt mit unsinnigen Sprüchen wie: «Ich verstehe Hitler» oder «Okay, ich bin ein Nazi» (auf YouTube zu sehen). Sein Auftritt gleicht einer Art öffentlichen Selbstexekution. In Cannes gilt von Trier seither als «Persona non grata».

«So einen dummen Auftritt kann man sich nicht ausdenken», urteilt der Däne heute. Und auch sein «Fuck»-Tattoo auf den Fingern seiner rechten Hand, die er in Cannes noch jedem Fotografen vor die Linse hielt, scheint ihn kaum mehr wirklich zu überzeugen. Er will sagen: Wer melancholisch ist, muss provozieren. Gelegentliche Abstürze gehören mit in die Systematik der Melancholie.

Verführung der Sinne

Für Lars von Trier gilt wie für andere Künstler: Er soll an seinem Werk und weniger an seinen Äusserungen gemessen werden. «Melancholia» trifft einen, und dies im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn im Film der riesige Planet namens Melancholia auf die Erde zurast, ist das eine Metapher, die ganz direkt auf das Publikum abzielt. Und wenn von Trier dann noch wiederholt eine Sequenz aus Richard Wagners Vorspiel zur Oper «Tristan und Isolde» einspielt, ist die Verführung der Sinne perfekt.

Das düstere Licht des Planeten, der Seelenzustand der Melancholie, deckt einen zu. Man muss Justine nicht in oder an sich selbst entdecken. Aber die Angst vor dem Kontrollverlust, vor dem irrationalen Handeln, lähmt.

Die Filmwelt ist gewarnt

«Melancholia» bleibt kein Drama, sondern entwickelt sich zum Katastrophenfilm. Der Film hat etwas Opernhaftes. Die Bilder sind stark und verführerisch, auch dank der formidablen schauspielerischen Leistung von Kirsten Dunst. Die Szene, in der sie sich mitten in der Nacht nackt im Schein des auf sie zurasenden Planeten sonnt, ist an Laszivität kaum zu überbieten.

Insgesamt ist «Melancholia» ein sinnliches Epos und weit weniger radikal als vergangene Werke von Lars von Trier, weniger kompulsiv jedenfalls als «Antichrist» (2009), wo sich Charlotte Gainsbourg die Klitoris zerschneidet, auch als «Dogville», wo von Trier seinen Rachephantasien freien Lauf lässt, und «Idioten» (1998), in dem der Däne seinen Hang zum Tabubruch vorexerziert.

Die Filmwelt ist gewarnt: Von Trier spricht bereits über sein nächstes Projekt: Er arbeitet an einem Film namens «Nymphomaniac» – halb Pornographie, halb Philosophie.

Ab morgen in den Kinos

Noch lächelt die Braut: Justine (Kirsten Dunst) und Michael (Alexander Skarsgrd) auf dem Weg zum Hochzeitsfest. (Bild: Frenetic Films)

Noch lächelt die Braut: Justine (Kirsten Dunst) und Michael (Alexander Skarsgrd) auf dem Weg zum Hochzeitsfest. (Bild: Frenetic Films)