Kinderloses Freiheitsgefühl

Eigene Kinder gehören für die meisten Menschen zu einem erfüllten Leben. Das muss nicht sein, findet die St. Galler Autorin Regula Simon. Sie bricht mit einem Tabu – und beschreibt in ihrem Buch die erfreulichen Aspekte der Kinderlosigkeit.

Melissa Müller
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Regula Simon will Frauen ohne Kinder den Rücken stärken. (Bild: Hanspeter Schiess)

Regula Simon will Frauen ohne Kinder den Rücken stärken. (Bild: Hanspeter Schiess)

«Warum hast du keine Kinder?» Regula Simon hat diese lästige Frage schon oft gehört. «Weil ich immer gut verhütet habe», pflegt sie zu antworten. Die St.Gallerin hat ein Buch geschrieben: «Kinderlos bleiben? Auch OK», lautet der Titel. «Ich möchte allen Frauen Mut machen, die kinderlos bleiben», erklärt die zierliche, aber resolute 48Jährige mit den wilden Locken. Auf ihrer Webseite kinderfreilos.ch vernetzt sie kinderlose Frauen. In ihrer gemütlichen Altbauwohnung im St.Galler Quartier Riethüsli hängen Dutzende Fotos von Segelschiffen. Die Primarlehrerin hat eine Seefahrtschule absolviert und als Matrosin den Atlantik überquert. Gitarre und Klavier stehen in der Stube mit den vielen Pflanzen und Aktskizzen.

Eine kreative Frau mit vielen verschiedenen Interessen. «Gib jedem Tag die Chance, der beste deines Lebens zu werden», steht auf einer Postkarte an ihrer Eingangstür. Die Freelance-Lehrerin hält sich mit Stellvertretungen über Wasser; sie brauche nicht viel zum Leben, Zeit sei ihr wichtiger als Geld. «Für mich war früher immer klar, dass ich eines Tages Kinder haben würde», sagt Regula Simon und nimmt einen Schluck Ingwertee. «Das hat noch Zeit», sagte sie sich aber stets und bereiste die Welt. Sie suchte nie gezielt nach einem Mann, der ihr ein Kind macht. Kurz nach 40 traf sie dann ihre grosse Liebe. «Mein Lebenspartner hat meiner Unentschiedenheit in der Kinderfrage ein klares und schmerzloses Ende gemacht: Er will schlichtweg keine. » Ihr selbst waren Kinder nicht wichtig genug, als dass sie ihn darum verlassen hätte. «Ich geniesse unsere Zweierbeziehung ohne Kind, das dauernd Aufmerksamkeit braucht.»

Ein Kind verändert die Freundschaft

Kinderlosigkeit ist in der Schweiz ein relativ verbreitetes Phänomen; 19 Prozent der Frauen und 21 Prozent der Männer zwischen 50 und 80 Jahren haben keine leiblichen oder adoptierten Kinder. Neben Frauen und Männern, die bewusst kein Kind wollen, gibt es auch solche, bei denen die Kinderlosigkeit durch äussere Umstände, wie das Fehlen eines passenden Partners, Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Familie und Karriere, Krankheit oder Unfruchtbarkeit bedingt ist.

Viele Frauen erleben in ihrem gebärfähigen Alter irgendwann Ende 30 eine nervenaufreibende Zeit der Entscheidung für oder gegen Kinder, die durch Reaktionen aus dem Umfeld noch unangenehmer wird. An sie richtet Regula Simon ihr Buch. «Auch für ein Leben ohne Kind sollte man sich bewusst entscheiden. Und etwas daraus machen», rät sie. Dadurch entstehe eine innere Freiheit, andere Pläne und Wünsche zu verwirklichen. Freundschaften zwischen Eltern und Nicht-Eltern sind meist schwierig, wenn die Kinder noch klein sind. Wenn eine Freundin Regula Simon freudestrahlend anvertraute, sie sei schwanger, erfüllte sie dies oft mit einer gewissen Traurigkeit. Mehrmals habe sie erlebt, dass Freundschaften versandeten, wenn Freundinnen Mütter geworden waren. Darum hat sie sogenannte OK-Frauen-Treffen ins Leben gerufen, in denen sie kinderlose Frauen miteinander ins Gespräch bringt. Mit «OK-Frau» meint sie eine Ohne-Kind-Frau und gleichzeitig Okay-Frau – eine Frau, die ihren Frieden mit ihrer Kinderlosigkeit hat und sie weder als Makel noch als tristes Schicksal erlebt.

Fünf «OK-Frauen» treffen sich im «Ultimo bacio» in St.Gallen zu einem Drink. Keine unter ihnen will mit ihrem richtigen Namen in der Zeitung stehen. Daniela (alle Namen geändert, Anm. d. Red.), 31, hat zwei Fehlgeburten hinter sich. Sie beschäftigt sich mit der Möglichkeit einer künstlichen Befruchtung, aber auch mit Adoption. «Ein Leben ohne Kinder kann und will ich mir nicht vorstellen», sagt die junge Lehrerin. «Warum nimmst du es nicht einfach an?», fragt Tamara, 48. In ihrer sozialpädagogischen Arbeit als Familientherapeutin sehe sie viele Schattenseiten: Alleinerziehende, verarmte Mütter, sozial benachteiligte Kinder, überlastete Familien. Privat kenne sie mehrere Mütter mit Burn-out. «In unserer Gesellschaft fehlen kinderlose Frauen, die ganz bei sich sind. Die als Tanten oder Gotti positive Vorbilder sind.»

Sie selber hatte verschiedenen Partnerschaften, die Pille nahm sie nie. Obwohl sie es darauf ankommen liess, wurde sie nicht schwanger. «Die Natur hat ein anderes Leben für mich bestimmt», sagt sie gelassen. Denn sie hatte nie diesen inneren Drang: Jetzt brauche ich ein Baby zum Glück. Nun geniesst sie Freiheiten, um die manche Mütter sie beneiden: Reisen und Malen, finanzielle Unabhängigkeit.

Auch Petra, 52, machte die Natur einen Strich durch die Rechnung. «Ich hätte gern Kinder gehabt. Aber nicht um jeden Preis», sagt die geschiedene Geschäftsfrau mit der auffälligen Perlenkette. «Ohne Kinder drehst du dich ja nur um dich selber», sagte ihr einmal eine Bekannte. «Aber natürlich. Um was soll ich mich denn sonst drehen?», gab sie zurück.

Suche nach Frauen mit anderen Lebensentwürfen

Der gesellschaftliche Druck in der Kinderfrage ist gross. Männern wird eher zugestanden, dass sie sich entfalten und ihre Kinderlosigkeit gut verkraften können. Hat Frau hingegen keinen Nachwuchs in die Welt gesetzt, wird sie von vielen bemitleidet. Nach dem Motto «Bist du keine Mutter, bist du keine richtige Frau». In einer Lebenskrise kämpfte Petra mit Selbstzweifeln. «Ich habe nichts erreicht. Keine Familie, kein Kind», klagte sie einem Freund. «Das stimmt doch nicht. Du hast sehr wohl viel erreicht», tröstete er sie. Petra bekleidet eine Führungsfunktion. Und sie engagiert sich sozial: Als Mentorin coacht sie junge Arbeitslose. «Energy goes where the attention flows», erklärt die quirlige Frau ihre positive Lebenseinstellung – «Energie fliesst dorthin, wohin man die Aufmerksamkeit lenkt». In Bibliotheken hat sie nach Biographien kinderloser Frauen gesucht. «Ich suchte nach Frauen mit anderen Lebensentwürfen. Ich fand keine!»

Eine Lücke, die Regula Simon mit ihrem Buch schliessen will. Darin kommen zwölf Frauen über 60 zu Wort, die keine Kinder geboren haben. Viele hatten Zweifel daran, Beruf und Familie vereinbaren zu können – und zogen die Konsequenzen daraus. Entgegen der Unterstellung, etwas gegen Kinder zu haben, kümmerten sich die meisten der Befragten oft und gern um fremde Kinder. Das Klischee will auch heute noch, dass die Frau vor Liebe schier überfliesst und in den leuchtenden Augen ihrer Kinder das pure Glück findet – während die Kinderlose egoistisch die Karriereleiter hochklettert. Spätestens mit 65 Jahren sitzt sie dann einsam in ihrer Stube und trauert verpassten Chancen hinterher. «Das wirst du noch bereuen, wenn du später einsam bist und dich niemand besucht im Altersheim», sagen die Leute. «Das ist totaler Quatsch», sagt Regula Simon. Wer seine sozialen Kontakte pflege, bleibe auch im Alter in bester Gesellschaft. Blutsverwandtschaft schütze nicht vor dem Alleinsein. Sie kenne Geschwister, die einen Einsatzplan erstellten, um ihre betagte Mutter im Altersheim zu besuchen. Ein Humbug sei auch die Behauptung, man müsse sich fortpflanzen, um den Fortbestand der Menschheit – beziehungsweise der Schweiz–zu sichern. «Global gesehen ist die Überbevölkerung ein riesiges Problem », widerspricht Regula Simon. Sie wünsche sich, dass der Lebensentwurf der Frauen ohne Kind gegenüber demjenigen der Mütter als ebenbürtig betrachtet würde. In ihrem Buch fragt sie ihre Gesprächspartnerinnen jeweils nach einem Ratschlag für andere Frauen, die sich mit der Vorstellung, kinderlos zu bleiben, schwer tun. «Trau dich, das zu tun, was du willst; du musst dich um gar nichts kümmern, du bist niemandem Rechenschaft schuldig», sagt eine. «Nur dir selbst. Nein, nicht einmal dir selbst gegenüber. Du hast keine andere Aufgabe, als dein Leben zu leben.»