5 Erkenntnisse, die zeigen, dass Kinder vielleicht doch nicht so unansteckend sind

Laut Daniel Koch ist es untypisch, dass Kinder bis zu einem gewissen Alter das Coronavirus weitergeben. Die Meinungen sind auch in Forschungskreisen geteilt. Eine australische Epidemiologin beispielsweise ist anderer Meinung als Koch.

Drucken
Teilen
In Deutschland sind Schulen bereits wieder geöffnet. (Bild: EPA)

In Deutschland sind Schulen bereits wieder geöffnet. (Bild: EPA)

(abu/watson.ch) Wie sehr sind Kinder von der Krankheit Covid-19 betroffen und wie stark können sie das Coronavirus weiterverbreiten? Experten sind sich offenbar immer noch uneinig. In der Schweiz hat Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit gerade gesagt, dass Grosseltern ihre Enkel wieder umarmen dürfen, nur langer Kontakt sollte vermieden werden. Zudem sollen ab dem 11. Mai die Schulen wieder öffnen.

Eine Massnahme, von der die australische Epidemiologin Zoë Hyde stark abrät. Sie präsentiert auf Twitter Erkenntnisse aus sieben unterschiedlichen Studien die sich mit dem Thema des Sars-cov-2-Virus bei Kindern befassen und warnt Regierungen davor, Schulen bereits wieder zu öffnen.

«In diesem Thread präsentiere ich Beweise, warum Schulen weiterhin geschlossen bleiben sollten. Zusammenfassung: Kinder können andere Personen infizieren. Bei gewissen Kindern verläuft die Krankheit schwer. Eine Öffnung von Schulen ist ein grosses Risiko für die Gesellschaft.»

Das sind ihre wichtigsten Erkenntnisse.

1. Auch bei Kindern kann die Krankheit schwer verlaufen

Als erstes zitiert Hyde eine Studie der US-Amerikanischen «Centers for Disease Control and Prevention» (CDC). Die Studie bestätigt, dass Kinder (per Definition: Personen, die jünger sind als 18 Jahre) grundsätzlich weniger stark von Covid-19 betroffen sind. Von den untersuchten, laborbestätigten Fällen bei Kindern zeigten nur 73 Prozent die Symptome Husten, Fieber und Atemprobleme (bei erwachsenen Patienten sind es 93 Prozent). Letztere kommen bei Kindern aber deutlich weniger oft vor als bei Erwachsenen.

Das bedeute aber nicht, dass die Krankheit nicht auch bei Kindern schwer verlaufen kann. 5,7 Prozent der positiv getesteten Kinder, bei denen der Hospitalisierungsstatus bekannt war, mussten zwischenzeitlich ins Spital. Besonders stark waren Säuglinge betroffen. 62 Prozent der positiv getesteten Kinder unter einem Jahr und mit bekanntem Hospitalisierungsstatus mussten ins Spital – ein kleiner Teil davon gar auf die Intensivstation. Die Hospitalisierungsrate bei Kindern im Alter von einem bis 17 Jahren war deutlich geringer.

Die Autoren der Studie schreiben auch, dass Social Distancing und präventive Massnahmen auch bei Kindern weiterhin wichtig bleiben.

2. Kinder könnten US-Gesundheitssystem überlasten

Eine Studie des «Journal of Public Health Management and Practice», will den Effekt aufzeigen, den Kinder auf das US-Gesundheitssystem haben könnten. Die Studie erschien am 16. April und nahm den 6. April als Stichtag. Damals ging man von rund 176'000 infizierten Kindern (inklusive Dunkelziffer) in den USA aus. 74 davon mussten in Kinderspitälern auf die Intensivstation verlegt werden.

Geht man davon aus, dass sich nur rund fünf Prozent der Kinder in den USA mit Covid-19 anstecken werden (das sind 3,7 Millionen), dann projizieren die Autoren, dass 10'000 Kinder Spitalpflege benötigen. Über 1000 davon müssten auf die Intensivstation. Die Wissenschafter glauben deshalb, dass Kinderspitäler in den USA überlastet werden können, auch wenn die Krankheit bei Kindern generell milder verläuft als bei Erwachsenen.

3. Langzeitschäden sind möglich

Zoë Hyde warnt zudem davor, dass die Langzeitfolgen von Covid-19 noch nicht bekannt seien. Einige Patienten, die sich erholen tragen möglicherweise bleibende Gesundheitsschäden davon. Das scheint bei Erwachsenen wahrscheinlicher, aber auch Kinder können betroffen sein.

Die Epidemiologin zitiert eine Studie von «The Lancet». Dabei wurden Daten von 36 positiv getesteten chinesischen Kindern ausgewertet. Bei elf davon (31%) wurden nach der Genesung erhöhte Herzenzym-Werte festgestellt, was auch bei milden Verläufen eine Schädigung der Herzmuskelzellen anzeigen kann.

Andere Experten vermuten allerdings, dass die Behandlung mit dem Medikament Interferon für die erhöhten Werte verantwortlich ist.

4. Kinder können das Virus verbreiten – auch ohne Symptome

Das Coronavirus verbreitete sich auch deshalb so rasch, weil auch Menschen ohne Symptome es weitergeben können. Am ansteckendsten seien diese Menschen bis zwei Tage vor dem Auftreten der ersten Symptome, wie diese Studie herausgefunden hat. Deshalb sei es auch laut Hyde so wichtig, dass man aktive Fälle mit vielen Tests finde.

Eine weitere Studie belegt, dass ein positiv getestetes, sechsmonatiges Kind Viruszellen in seinem Zimmer im Kinderspital stark verbreitet hat – vermutlich durch weinen und sabbern. Die gute Nachricht dabei ist, dass sich keiner der Mitarbeitenden im betroffenen Zimmer angesteckt hat.

Das muss aber nicht bedeuten, dass Kinder nicht ansteckend seien, oder dass sie sich selbst nicht anstecken. Dass bislang wenige Kinder positiv auf das Coronavirus getestet wurden, führt Hyde darauf zurück, dass bei Kindern auch wenig getestet werde.

In Island testete eine Studie rund sechs Prozent der Bevölkerung auf das Coronavirus. Dabei wurden bei Kindern, die unter zehn Jahre alt sind, weniger positive Tests festgestellt als bei Erwachsenen. Bei Kindern über zehn Jahren wurden dagegen ähnliche Infektionsraten wie bei den Erwachsenen festgestellt. In Australien gebe es an einer Schule zudem mindestens einen bestätigten Fall von einem Kind, das sich bei einem Mitschüler angesteckt habe.

5. Schulen sind Kontaktherde

Wenig überraschend sind Kinder in Schulen vielen Kontakten mit ihren Mitschülern ausgesetzt. Eine Studie, die eine Primarschule in Lyon untersuchte, fand heraus, dass ein Kind in einer Primarschule täglich rund 323 Kontakte mit bis zu 47 anderen Schülern hatte. Die Kinder kamen dabei auf rund 176 Minuten reine Interaktionszeit pro Tag.

Wissenschaftler seien zudem zur Erkenntnis gekommen, dass es kein Husten oder Niessen brauche, um das Virus zu verbreiten. Es reiche bereits zu sprechen, damit Tröpfchen entstehen, die eine Weiterverbreitung von Viren ermöglichen. Wenn Kinder also tatsächlich auch vom Sars-cov-2-Virus betroffen sind und es weiterverbreiten können – wenn auch beides weniger stark als bei erwachsenen Menschen – könnte laut Zoë Hyde eine Öffnung der Schulen die Verbreitung des Virus wieder beschleunigen.