Nordkorea
Kim und die Bombe: Auch Basteln kann abschrecken

Welche Technologie die Steinzeitkommunisten wirklich haben, wissen wir nicht. Aber ihre Absichten sind klar

Christoph Bopp
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Das Bild soll Nordkoreas Führer Kim Jong Un zeigen, wie er den Start einer Langstreckenrakete verfolgt. Das schrieb wenigstens seine Propagandaabteilung.

Das Bild soll Nordkoreas Führer Kim Jong Un zeigen, wie er den Start einer Langstreckenrakete verfolgt. Das schrieb wenigstens seine Propagandaabteilung.

Reuters

Eigentlich haben Atomwaffen mehr mit Psychologie zu tun als mit Technologie. Wer die Bombe hat – oder glaubhaft mit ihr drohen kann, – ist mehr oder weniger unangreifbar. Hätte Gaddafi sein Nuklearprogramm nicht aufgegeben, wäre er heute noch am Ruder – das Argument klingt nicht ganz unglaubwürdig.

Nordkoreas Leader Kim Jong Un hat dazu noch das Problem, den Fortbestand der Dynastie gegen das eigene Volk verteidigen zu müssen.

Wie der Kim-Clan politisch tickt, ist zwar nicht immer ganz einsichtig, aber der Ausgang des Koreakrieges 1953 dürfte dem Patriarchen Kim Il Sung klargemacht haben, dass er sich nicht auf die Hilfe anderer verlassen konnte.

Stalin stachelte ihn zwar mit Waffenlieferungen zum Überfall auf den Süden an, liess ihn dann aber hängen; das kommunistische China rettete ihm nach dem Vormarsch der Alliierten zwar die Macht, aber zu mehr als den Status quo ante wollten ihm die Chinesen nicht verhelfen.

Der Status als Atommacht ist deshalb für die Politik aller Kims unverzichtbar. Und das dauernde Drohen mit den neuesten Errungenschaften auf dem Gebiet der Atomwaffentechnologie und der Trägersysteme mehr als ein grössenwahnsinniger Tick, sondern Kern und Rückhalt ihrer Aussenpolitik.

Die Anlage Yongbyon aus der Satellitenperspektive.
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Experten gehen davon aus, dass aus altem Bestand noch 30 bis 50 Kilogramm Plutonium in Nordkorea vorhanden sind.
Im Oktober 2006 führte Nordkorea drei unterirdische Atombombentests durch.
Die "Atomwaffenfabrik" wurde in den 1960er-Jahre gebaut.
Kim Jong Il, der Vater des heutigen Diktators Kim Jong Un, verfügte 2007 die Schliessung der Anlage. Im Gegenzug erhielt er internationale Wirtschaftshilfe. Das Bild zeigt die Sprengung eines Kühlturms im Jahr 2008.
Die Atomwaffenfabrik Yongbyon in Nordkorea

Die Anlage Yongbyon aus der Satellitenperspektive.

Keystone

Was führt Kim im Schild?

Das nordkoreanische Regime hat die Welt jüngst wieder überrascht mit dem Test einer Weltraumrakete. Das Ding, welches die Rakete vom Wochenende, in den Weltraum transportieren sollte, wog maximal 200 Kilogramm. Ein «anständiger» Satellit, den man auch zu etwas brauchen kann, müsste aber mindestens 800 Kilogramm wiegen.

In Sachen Weltraumtechnologie sind die Nordkoreaner offenbar noch nicht dabei. Aber der Test diente – da sind sich die Experten einig – nicht unbedingt oder nicht nur zu diesem Zweck.

Die Raketentechnologie wäre offenbar gut genug, um amerikanische Städte bedrohen zu können. Die Meinungen, wie gut die Nordkoreaner in der Raketentechnologie sind, gehen auseinander. Aber auch wenn sie nicht immer treffen, worauf sie zielen, gefährlich ist die Sache so oder so. Abschreckung reicht. An einen erfolgreichen Erstschlag denkt wohl nicht einmal Kim Jong Un.

Am 6. Januar dieses Jahres prahlte Kim Jong Un, sein Land hätte eine Wasserstoffbombe gezündet. Die Welt war mehr als skeptisch. Man billigt Nordkorea zwar mittlerweile zu, erfolgreich Nukleartests durchgeführt zu haben, aber was waren sie wert? Jeremy Bernstein, theoretischer Physiker und Buchautor über Atomwaffentechnologie (Nuclear Iran, 2014), schrieb für die aktuelle Ausgabe von «The New York Review of Books» einen Essay.

Was ist das Zeug wert?

Vier Tests haben die Nordkoreaner bisher durchgeführt. Der erste, 2006, produzierte eine Explosion mit einem TNT-Äquivalent von ungefähr einer Kilotonne. Die Bombe von Hiroshima schätzt man auf etwa 15 Kilotonnen. 2009, beim zweiten Test, brachten es die Nordkoreaner auf rund 4 Kilotonnen, 2013 waren es dann 7 Kilotonnen und der jüngste Test, so vermutet Bernstein, andere haben höhere Zahlen, belief sich auf rund zehn Kilotonnen. Gegenüber modernen Nuklearsprengköpfen ist das nicht gerade viel. Aber es zeigt, schreibt Bernstein, dass sich die Nordkoreaner verbessern.

Was hat es jetzt mit Kim Jong Uns Ankündigung auf sich? Eine klassische Wasserstoffbombe, einen thermonuklearen Sprengsatz, kann er nicht gemeint haben. Die Sprengkraft müsste sich in der Grössenordnung von mehreren Megatonnen bewegen.

«Normale» Atombomben spalten schwere Elemente (Uran oder Plutonium), thermonukleare Sprengsätze nutzen die Energie einer Spaltbombe, um die Temperaturen und Drücke zu erreichen, die nötig sind, um leichte Elemente (Wasserstoffisotope) zu fusionieren.

Die ersten drei Tests, vermutet Bernstein, waren Plutonium-Explosionen. Plutonium haben die Nordkoreaner nachweislich. Sie produzieren es mit sogenannten «Magnox»-Reaktoren, eine eigentlich veraltete Technologie, aus Natururan. Magnox-Reaktoren brauchen Grafit als Moderator, das ist leichter erhältlich als Schweres Wasser. Und die Bauweise ist so, dass die Brennstäbe leicht ausgewechselt, und das Plutonium dann gewonnen werden kann. Benutzt man das Brennmaterial zu lange, sammeln sich unerwünschte Isotope an, die das Plutonium weniger waffengeeignet machen.

Spalten – Fusionieren – Spalten

«Was die Nordkoreaner genau getestet haben, werden wir vielleicht nie erfahren», zitiert Bernstein seinen Kollegen Siegfried Hecker, dem man 2010 zu seiner Überraschung eine hochmoderne Zentrifugen-Anlage zur Urananreicherung in Yongbyon gezeigt hat. «Aber sie testen jetzt schon über zehn Jahre, also kann man nichts mehr mit Sicherheit ausschliessen.»

Bernstein und Hecker tippen darauf, dass es sich beim Test um eine «geboostete Spaltungsbombe» gehandelt haben könnte. Eine Spaltexplosion initiiert eine Fusion einer kleinen Menge von Wasserstoffisotopen, deren energiereiche Neutronen dann noch mehr Spaltungsenergie frei setzen. Deuterium (Wasserstoff mit einem Neutron im Kern) lässt sich aus Wasser gewinnen. Tritium (Wasserstoff mit zwei Neutronen im Kern) ist schwieriger zu produzieren und hat eine Halbwertszeit von 12,32 Jahren. Aber die Nordkoreaner könnten eine Anlage haben, die dazu dient. Deuterium und Tritium verschmelzen zu Helium (plus ein freies Neutron) – wie auf der Sonne.

Auch wenn vielleicht die zweite Stufe nicht gezündet hat am 6. Januar, was die doch geringe Explosionskraft erklären würde, dass die Nordkoreaner damit testen, ist bedrohlich. Denn die Booster-Technologie macht die Bomben leichter. Deshalb kamen die Supermächte im Kalten Krieg auch darauf. (Berstein schreibt, er sei am 31. August 1957 beim ersten Test dabei gewesen.) Denn dann muss man sie nicht mehr aus Flugzeugen abwerfen, sondern kann sie mit Raketen verschiessen.