Religion & Glaube
Bischof Bonnemain will keinen Exorzismus mehr in Chur

Der Bischof hat entschieden: Im Bistum Chur soll kein Exorzist mehr Menschen in Not behandeln. Eine Präventionsbeauftragte und eine Klinikseelsorgerin begrüssen den «klaren Schlussstrich».

Regula Pfeifer und Raphael Rauch, kath. ch
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Bischof Bonnemain plädiert für medizinische, psychologische und psychotherapeutische Alternativen.

Bischof Bonnemain plädiert für medizinische, psychologische und psychotherapeutische Alternativen.

Bild: PD

Wer mit schwierigen sozialen, beruflichen oder gesundheitlichen Situationen konfrontiert sei, könne sich behandeln lassen, sagte der Bischof gegenüber dem «Regionaljournal Graubünden» von Schweizer Radio und Fernsehen SRF. «Dafür gibt es normale Lösungen: medizinische, psychologische, psychotherapeutische.» Der Bischof von Chur, der im Erstberuf Arzt war, ist überzeugt: «Man braucht keine geheimen Ursachen finden zu wollen.» Bonnemain hat auch jahrelang in der Spitalseelsorge gearbeitet.

Der letzte Exorzist des Bistums Chur, Christoph Casetti, starb im Februar 2020 mit 76 Jahren in Chur. Die Exorzisten-Tätigkeit hatte ihn über die ­Bistumsgrenzen hinaus bekannt gemacht. So nahm er 2008 an einer Exorzismus-Diskussion im «Club» des Schweizer Fernsehens teil. Casetti war ab 1982 für das Bistum Chur tätig, zuletzt als Bischofsvikar für die Glaubensverkündigung und Katechese, Mitglied im Bischofsrat sowie residierender Domherr und Dompropst des Churer Domkapitels.

Keine falschen Heilsversprechen

«Es ist richtig und wichtig, hier als Katholische Kirche einen klaren Schlussstrich unter dieses äusserst dunkle Kapitel zu ziehen und dies auch öffentlich zu tun», sagt Karin Iten gegenüber kath.ch. Die Präventionsbeauftragte des Bistums Chur wertet es als positiv, dass der Bischof in seinen Aussagen «klar und deutlich auf die Grenzen der Seelsorge verweist». Er appelliere, sich bei Krankheiten an Medizinerinnen und Mediziner zu wenden.

«Dies zeugt von Bescheidenheit und Verantwortung anstelle von vermessener Definitionsmacht oder Heilsversprechen.»

Den Exorzismus selbst kritisiert die Präventionsfachfrau scharf: «Teufelsaustreibungen sind entwürdigend und verursachen immenses Leid – sie gehören in keinem Fall in eine Seelsorge, welche die Würde und das Wohl des Menschen im Auge hat.» Das sei auch den meisten Seelsorgenden in der Schweiz klar, sie distanzierten sich deutlich von dieser schädlichen Praxis.

Verängstigung mit Teufel «äusserst manipulativ»

Bereits die ideelle Beeinflussung Hilfesuchender – im Rahmen des Exorzismus – ist für Karin Iten äusserst problematisch: «Menschen mit dem Bild des Teufels und der Hölle zu bevormunden, zu verängstigen, kleinzumachen, zu beschämen und Schuldgefühle zu schüren – all dies ist mit der Prävention von spirituellem Missbrauch nicht kompatibel – es ist äusserst manipulativ.»

Auch Sabine Zgraggen lobt den Entscheid von Bischof ­Joseph Bonnemain. Sie leitet in Zürich die Dienststelle für Spital- und Klinikseelsorge und war selbst über 15 Jahre lang Psychiatrieseelsorgerin. «Drei Mal haben mich Patienten gebeten, einen Exorzisten zu rufen. Für mich war das eine schwierige Situation, weil der damalige Exorzist Christoph Casetti ja nicht einfach in der geschlossenen Psychiatrie aufkreuzen konnte. Das hätte ich seitens meines Auftrages nicht verantworten können.»

Sabine Zgraggen ist überzeugt: «Die Seelsorge muss für die Menschen gerade bei solchen Tabuthemen da sein. Exorzismus ist keine zeitgemässe Form der Seelsorge. Es ist richtig, dass der Bischof das Exorzistenamt im Bistum Chur abgeschafft hat.» Wichtig sei es, den Menschen gut zuzuhören.

«Viele Menschen machen übersinnliche Erfahrungen»,

sagt Sabine Zgraggen gegenüber kath.ch. «Das kann mit Drogen zu tun haben, aber auch mit Hochsensibilität oder mit Psychosen. Leider tabuisiert die Gesellschaft diese Themen, weswegen sie dann in der Esoterik-Ecke landen.»

«Teufelsstimme» als Zeichen für Krise

Wer behaupte, die Stimme des Teufels zu hören, müsse ernst genommen werden, sagt Sabine Zgraggen: «Dahinter steckt oft ein anderes Thema: eine Lebenskrise, Identitätsfragen, ein Minderwertigkeitskomplex oder das Gefühl von Ohnmacht.» Sabine Zgraggen ist überzeugt: «Bei diesen Fragen können Seelsorgerinnen und Seelsorger weiterhelfen – natürlich in ­Zusammenarbeit mit Psychologinnen und Psychiatern.»

Sabine Zgraggen begrüsst es, dass Bischof Joseph Bonnemain «vorwärts macht und alte Zöpfe abschneidet». Zugleich erinnert sie daran, dass der Bischof das Thema Diakonie zum Schwerpunkt seines Episkopats machen wollte. Mehr als eineinhalb Jahre nach seiner Bischofsweihe sei das Diakonie-Ressort im Bischofsrat nach wie vor vakant. «Unsere Dienststellen haben hochkarätige Leute, die sich jeden Tag diakonisch einsetzen. Das ­Bistum Chur hat viele Diakonie-Expertinnen und Experten. Es wird Zeit, dass der Bischof diese Fachkompetenz abholt.»