Kareem Abdul-Jabbar, erster Sportaktivist der USA: «Die Weissen müssen die Augen öffnen»
Interview

Kareem Abdul-Jabbar, erster Sportaktivist der USA: «Die Weissen müssen die Augen öffnen»

Er warf mehr Körbe als Michael Jordan und kämpfte immer für die Rechte der Schwarzen. Kareem Abdul-Jabba erklärt, warum die Proteste die USA nachhaltig verändern könnten.

Marlène von Arx
Drucken
Teilen

Kareem Abdul-Jabbar setzte im Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung in den USA seine Karriere früh aufs Spiel: Aus Protest verweigerte er 1968 gar die Teilnahme an den Olympia-Try-outs für das amerikanische Basketball-Team.

Im Interview erklärt der 73-jährige Aktivist, welche Rolle Sportler bei gesellschaftlichen Veränderungen spielen, wie Weisse die Black-Lives-Matter-Bewegung am besten unterstützen und was ihm in Hinblick auf die Wahlen im November am meisten Sorgen bereitet.

Seit dem gewaltvollen Tod von George Floyd durch einen weissen Polizisten gehen Amerikanerinnen und Amerikaner auf die Strasse in Massen, wie man es seit der Bürgerrechtsbewegung in den Sechzigerjahren nicht mehr gesehen hat. Warum brachte ausgerechnet dieser Fall das Fass zum Überlaufen?

Kareem Abdul-Jabbar: Was auf dem Video zu sehen war, war klar ein furchtbares Verbrechen. Wie Herr Floyd ermordet wurde, hat allen verdeutlicht, was schwarze Amerikaner schon lange sagen: Wir werden zu stark und zu brutal von der Polizei überwacht. Und das seit 400 Jahren.

Zur Person

Kareem Abdul-Jabbar – Sportler, Autor und Kämpfer

Kareem Abdul-Jabbar – Sportler, Autor und Kämpfer

Er wurde 1947 als Ferdinand Lewis Alcindor jr. in New York geboren. Als Top-College-Basketballspieler boykottierte Jabbal 1968 die Olympischen Spiele und konvertierte im gleichen Jahr zum Islam. Der beste Center-Spieler aller Zeiten spielte danach zwanzig Jahre in der NBA, zuerst für die Milwaukee Bucks, dann für die Los Angeles Lakers.

Der 2-Meter-18-Hüne gewann sechs NBA-Championships und gilt als einer der erfolgreichsten Basketballspieler in der Geschichte der Liga. Noch heute führt der 1989 zurückgetretene Abdul-Jabbar die Punkte-Liste (38,387) an. Seit seinem Rückzug aus dem Aktivsport etablierte er sich als Autor und Beobachter der amerikanischen Gesellschaft, dessen Kolumnen unter anderem in der «Los Angeles Times» veröffentlicht werden.

2012 diente der fünffache Vater als kultureller Botschafter für die USA, und 2016 zeichnete ihn Präsident Barack Obama mit der Freiheitsmedaille, der Presidential Medal of Freedom, aus. (red)

Ist das der Moment, in dem sich wirklich etwas verändert?

Ich bin zwischen Hoffnung und Geschichte hin- und hergerissen. Manchmal denke ich, wir schaffen es nie, und dann hoffe ich trotzdem, dass Amerika sein Potenzial wahrnimmt. Die Geschichte lehrt uns, dass der scharfe Fokus des Moments verblasst und sich nichts verändert. Aber was wir in den letzten paar Wochen gesehen haben, ist bemerkenswert. Vielleicht ist der Moment gekommen, da sich ein politischer Wille zur Veränderung durchsetzt. Ich habe jedenfalls gestaunt, als ich den ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney an einem Protestmarsch sah.

Auch Ihre Jugend war von Protesten gezeichnet. Während der Bürgerrechtsbewegung haben Sie als 21-Jähriger darauf verzichtet, Ihr Land an den Olympischen Spielen zu vertreten. Was war Ihr George-Floyd-Moment?

Bei mir war es die Ermordung von Emmett Till (der 14-Jährige wurde 1955 gelyncht, Anm. d. Red). Ich war damals acht. Ich fragte meine Eltern, wieso er denn ermordet worden sei. Sie konnten es mir nicht erklären. Ich wollte nicht so enden wie er und fing an, mich mit Rassismus und den Feindseligkeiten gegenüber Schwarzen auseinanderzusetzen. Martin Luther King referierte einmal an meiner Highschool. Das war ein wichtiger Tag in meinem Leben. Als King im April 1968 ermordet wurde, hatte ich keine Unze Patriotismus in mir, um an die Olympischen Spiele zu gehen und mein Land zu vertreten.

Kareem Abdul-Jabbar ist einer der populärsten Sportler der USA. Hier spielt er im Dress der LA Lakers.

Kareem Abdul-Jabbar ist einer der populärsten Sportler der USA. Hier spielt er im Dress der LA Lakers.

Bild: Getty

Dafür wurden Sie ebenso kritisiert wie die Leichtathleten Tommie Smith und John Carlos, die bei der Sieger-Ehrung an jenen Olympischen Spielen in Mexico City ihre Faust hoben. Der NFL-Footballspieler Colin Kaepernick ist seit vier Jahren arbeitslos, weil er während der Nationalhymne kniete. Wie sehen Sie die Rolle der Sportler in der Black-Lives-Matter-Bewegung heute?

Schwarze Athleten spielen im Kampf um Bürger- und Menschenrechte eine zentrale Rolle. In meinem Geburtsjahr schrieb der Baseballspieler Jackie Robinson als erster Schwarzer in der Major League Integrations-Geschichte. Muhammad Ali war ein Aktivist und ein guter Freund. Manchmal sind Sportler als Aktivisten erfolgreich, manchmal müssen sie einstecken. Die Leute, die fanden, Colin Kaepernik hätte seine Karriere verschwendet, verstehen nun, was er mit seinem stillen Protest sagen wollte. Wir sollten schätzen, was er geopfert hat.

Der Black-Lives-Matter-Bewegung fehlt eine Führungsfigur. Wäre es nicht wichtig, ein Gesicht der Bewegung zu haben?

Ich glaube nicht, dass das nötig ist. Hauptsache, die Leute verstehen, warum es Black Lives Matter gibt, wie das Justizsystem momentan funktioniert und dass das Leben von Schwarzen aus trivialen Gründen bedroht wird. Und dass das jetzt aufhören muss.

Was halten Sie vom Aufruf, die Mittel der Polizei zu kürzen?

Wir brauchen die Polizei, wir brauchen nur keine schlechte Polizei. Die grosse Mehrheit der Polizisten und Polizistinnen machen einen guten Job und riskieren ihr Leben für unsere Sicherheit. Aber es gibt eben solche, die das Gesetz in ihre eigene Hand nehmen und auch noch gleich den Richter spielen. Wir müssen systematisch über die Bücher und einen zuverlässigen Prozess entwickeln, der solche Cops zur Rechenschaft zieht. Das wäre ein wesentlicher Schritt in die richtige Richtung. An der Erarbeitung dieser Reformen müssen Polizei-Organisationen und -Gewerkschaften beteiligt sein. Denn wenn sie die Reformen nicht unterschreiben können, wird es keine geben.

Viel wird auch von den Präsidentschaftswahlen im November abhängen. Was ist Ihre grösste Sorge bis dahin?

Meine grösste Sorge ist, dass Apathie oder Selbstgefälligkeit die Überhand gewinnt, und die Leute deshalb nicht wählen gehen. Wir müssen auf demokratische Weise ausdrücken, wie wir regiert werden wollen. Ich hoffe, dass alle, die Veränderungen wollen, wählen gehen. Hoffentlich reicht das, denn unser System mit dem Electoral College dient ja nicht der Mehrheit der Wähler, und dass die Mehrheit der Amerikaner in Städten lebt, wird von der Legislative nicht reflektiert.

2016 erhielt Kareem Abdul-Jabbar die «Presidential Medal of Freedom», eine der höchsten Auszeichnungen der USA.

2016 erhielt Kareem Abdul-Jabbar die «Presidential Medal of Freedom», eine der höchsten Auszeichnungen der USA.

Bild: Getty

Viele Schwarze glauben nicht, dass der Staat ihr Leben verbessern wird. Egal, wer regiert. Was halten Sie dem entgegen?

Diese zynische Haltung liegt daran, dass Schwarze immer wieder erleben, dass die Waagschale zu ihrem Nachteil manipuliert wird. Das ermuntert nicht, ans System zu glauben. Aber wir haben nun mal kein anderes. Und es ist auch das System, das uns Präsident Obama brachte. Mit ihm waren wir ja ziemlich zufrieden. Der einzige Grund, warum er nicht mehr erreichte, war der Widerstand im republikanischen Senat. Aber wenn sich jetzt genug Leute hinter die Bewegung stellen, ist sie nicht aufzuhalten.

Was raten Sie Weissen, wie sie Black Lives Matter unterstützen können?

Sie müssen nur ihr Bewusstsein stärken und die Augen gegenüber der Wahrheit öffnen. Wie die junge Dame, die das George-Floyd-Video aufnahm und so der Welt zeigte, was Schwarze längst wissen. Die meisten Weissen sind sich nicht bewusst, wie Rassismus im Alltag abläuft. Mein berühmter College-Coach John Wooden verstand erst, mit welchen Vorurteilen Schwarze zu kämpfen haben, als er mit mir unterwegs war und hörte, was Leute in Hörweite alles über mich sagten.

Zurück zum Basketball. Die NBA will Ende Juli wieder spielen. Nicht alle Spieler sind davon begeistert.

Ich glaube, wir müssen eine bessere Kontrolle über das Coronavirus haben, bevor wieder gespielt werden kann. Es braucht einen Impfstoff, Tests. Das wäre der effizienteste Weg, mit dem Spielen wieder anzufangen und dabei so wenig Menschenleben wie möglich zu opfern.

Weitere Artikel zu den "Black Lives Matter"-Protesten aus der Schweiz am Wochenende finden Sie hier: