Religion
Ökumene: Kardinal Koch treibt die Versöhnung voran

Mit der sogenannten Gemeinsamen Rechtfertigungslehre von 1999 haben Katholiken und Lutheraner einen wichtigen Versöhnungsschritt getan. Ein überarbeitetes und erweitertes Dokument verleiht der Ökumene nun weiteren Schub. Der gebürtige Luzerner Kardinal Kurt Koch übernimmt dabei eine zentrale Rolle.

Andreas Faessler
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Präsidiert den Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen: Kardinal Kurt Koch.

Präsidiert den Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen: Kardinal Kurt Koch.

Bild: keystone/Alexandra Wey

Sie war einer der theologischen Hauptstreitpunkte, welche vor 500 Jahren zur Reformation und somit zur Kirchenspaltung geführt haben: Die sogenannte Rechtfertigung respektive Rechtfertigungslehre wurde von den Katholiken und den Reformierten intensiv disputiert. Vereinfacht zusammengefasst steht hinter der Lehre die für Christen existenzielle Frage, wie der Mensch zum göttlichen Heil kommt und in diesem Heil auch verbleibt.

Die Reformatoren um Martin Luther sagten, man könne dieses Heil nicht erreichen, indem man es sich durch gute ­Taten verdiene oder gar «erkaufe», sondern dies geschehe einzig durch den Glauben und die Gnade («sola gratia») Gottes. Die katholische Kirche aber hielt an ihrer Auffassung fest, dass persönliche religiöse Verdienste wie Wallfahrt, Beten, Beichten, Ablass etc. das einstige Seelenheil beeinflussen könnten. Diese unterschiedliche Auslegung der Rechtfertigung galt seit Mitte des 16. Jahrhunderts als Zankapfel zwischen den Katholiken und den Reformierten.

Heil durch Glaube und Gottes Gnade

Die Kluft voll der Polemik herrschte über Jahrhunderte hinweg weitgehend unvermindert. In den 1960er-Jahren entstand zwischen den Katholiken und den Lutheranern diesbezüglich ein Dialog, welcher mit zunehmender Intensität geführt wurde. Diese sukzessive Annäherung mündete 1999 schliesslich in der «Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre». Das Dokument gilt als einer der wichtigsten Schritte zur ökumenischen Versöhnung zwischen den beiden Konfessionen. Man fand einen differenzierenden Konsens in folgendem gemeinsamem Bekenntnis: «Allein aus Gnade im Glauben an die Heilstat Christi, nicht aufgrund unseres Verdienstes, werden wir von Gott angenommen und empfangen den Heiligen Geist, der unsere Herzen erneuert und uns befähigt und aufruft zu guten Werken.»

Dieses Dokument von 1999 war anfänglich als bilaterale Übereinkunft gedacht, doch stiess es über die beiden beteiligten Konfessionen hinaus auf ein so grosses Interesse wie auch auf Zuspruch, dass sich seine eigentliche wegweisende Eigenschaft erst in der Folge zeigte. Etwa bei der Gemeinschaft der Methodisten, den Anglikanern und der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen erfuhr die Übereinkunft Zustimmung, und sie alle bekräftigten ihr breit abgestütztes Engagement für den Ausbau der Ökumene.

Nun ist eine erweiterte Version dieses einzigartigen Dokuments in einer italienischen Übersetzung veröffentlicht worden, wie vatikanische Medien berichten. Darin enthalten sind auch sämtliche hinzugekommenen Begleittexte zum Thema plus ein gemeinsames ökumenisches Geleitwort von Pfarrer Martin Junge, Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes, und Kardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rats für die Einheit der Christen und gebürtiger Luzerner. Darin verleihen die beiden Geistlichen ihrer gemeinsamen Überzeugung Ausdruck, wie der Kardinal sagt.

Die Veröffentlichung dieser Schrift erfolgte am 3. Januar 2021. Dieses Datum sei bewusst gewählt worden, sagte Kardinal Koch in einem Gespräch mit Radio Vatikan. «Indem wir dieses überarbeitete Dokument an dem Tag zur Verfügung stellen, an dem Katholiken und Lutheraner an den 500. Jahrestag der Exkommunikation Martin Luthers am 3. Januar 1521 erinnern, bekräftigen der Lutherische Weltbund und der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen ihre Verpflichtung, auf dem Weg vom Konflikt zur Gemeinschaft voranzuschreiten», führte der Kardinal aus.

Der Dialog geht weiter

Mit diesem gemeinsamen Dokument könne die Trennungsgeschichte nicht ungeschehen gemacht werden, fügt Kardinal Koch an, «aber sie kann Teil unserer Versöhnungsgeschichte werden». Und man wolle damit auch zeigen, dass man den Weg der Versöhnung unter der Führung des Evangeliums weitergehe, so der Kardinal gegenüber Radio Vatikan. Auch künftig sieht der Luzerner weitere Gelegenheiten, den Dialog zu führen, beispielsweise im Jahr 2030, wenn sich die Confessio Augustana, besser bekannt als das Augsburger Bekenntnis, zum 500. Mal jährt. Damals legten die reformierten Stände ihre zentralen Glaubenspunkte noch einmal dar in der Hoffnung, dass die Katholiken sie gutheissen würden. Diese jedoch lehnten ab, und so besiegelte dieser letzte erfolglose Versuch einer Einigung die Spaltung der Kirche.

Auch in diesem historischen Bekenntnis sieht Kardinal Kurt Koch gemäss Radio Vatikan ein «ökumenisches Potenzial, das Katholiken und Lutheraner neu entdecken können».