Kantige Modezwillinge: Wie zwei Toggenburger den Laufsteg in Paris erobern

In Paris werden gerade die neusten Kleidertrends präsentiert. Die Ostschweizer Maurus und Johannes Krapf liefen dort im Januar für das In-Label Vetements. Nun wollen sie sich in einer Branche etablieren, in der noch immer die Frauen dominieren.

Diana Hagmann-Bula
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Maurus Krapf für Vetements. (Bild: pd)

Maurus Krapf für Vetements. (Bild: pd)

Für ihre Mutter sind sie «ganz normale Buben». Als «Jungs mit kontroversem Gesicht und einem riesigen Potenzial» beschreibt Modelbooker John Walker sie. In beiden Fällen sind Maurus und Johannes Krapf gemeint: kantige Kiefer, volle Lippen, hellgrüne Augen, blond gefärbtes kurzes Haar kennzeichnen die Zwillinge. Die 17-Jährigen haben es vom toggenburgischen Mogelsberg auf den Laufsteg in Paris geschafft. Im Januar haben sie für Vetements, dem angesagten französischen Label mit Sitz in Zürich, die Show eröffnet. «Demna Gvasalia hat die beiden exklusiv gebucht. Das bedeutet, dass sie bis Sommer für kein anderes grosses Label arbeiten dürfen», sagt John Walker. Er klingt aufgeregt.

Mehr Aknecreme und Fitnesstraining

Gelassener geben sich Maurus und Johannes Krapf selber. Sie sind «ganz zufrieden» mit ihrem Aussehen, mögen vor allem ihre Sommersprossen. Seit ihre Karriere als Model lanciert ist, schmieren sie häufiger Aknecreme ein und trainieren «etwas intensiver». Was halten sie von ihrem ersten Auftrag in Paris? «Ein Traum, mal schauen, wie er weitergeht», sagen sie. Diese ­Bodenständigkeit meint Walker wohl, wenn er die jungen Männer «als zurückhaltend und auf eine gute Art nicht ganz da» bezeichnet. Einmal vom Modeln leben können, das wünschen sich Schüler Maurus Krapf und Elektroinstallateurlehrling Johannes Krapf dann doch. Der eine nennt Lucky Blue Smith, eines der erfolgreichsten männlichen Models, als Vorbild. Der andere weiss genau, für welche Marken er gerne arbeiten würde: Prada, Louis Vuitton, Tom Ford.

Mit der ersten Gage leisten sie sich, was sich Teenager halt so kaufen: Kleider, Handy, Fernseher. Laut Booker John Walker – er ist Inhaber der Zürcher Agentur One Time Management – verdienen exklusiv für ein Label gebuchte Männermodels pro Show rund 2000 Franken. Die Gage für Frauen liege mit 4500 bis 5000 Franken deutlich höher. «Männliche Models aber holen auf», sagt Walker. Auch deshalb hat er sich vor gut drei Jahren entschieden, ausschliesslich Männer in seiner Kartei zu führen. Er will keine Schönlinge von nebenan, er sucht Jungs mit Gesichtern, an denen man hängen bleibt. «Edgy» nennt sich das im Fachjargon. «Unser Ziel sind die Fashion Weeks in den Modemetropolen. Vetements, Dior, Givenchy, die Grossen sollen es sein.» Walker ist Maurus Krapf zum ersten Mal auf Instagram begegnet. «Ich sah ihn auf einem Foto, das eine Mitarbeiterin von mir gepostet hatte. Sie kennt den älteren Bruder der Zwillinge», erzählt Walker. Er bittet sie, ihm Maurus Krapf vorzustellen. Und ist begeistert. Als er Monate später ­erfährt, dass der Ostschweizer einen Zwillingsbruder hat, nimmt er auch diesen unter Vertrag. «Von Twins habe ich geträumt, nun habe ich sie gefunden», freut er sich. Schon manche Modelkarriere habe so zufällig begonnen, betont Walker. Er erzählt von Kit Butler. Ein Agent hat ihn auf dem Flugplatz entdeckt, wo er für die Piloten­lizenz übte. Heute posiert der Brite für Polo Ralph Lauren. Julian Schneyder liess sich von einem Modelkollegen überreden. Nun ist der Österreicher in Unter­wäsche-Kampagnen für Calvin Klein zu sehen.

Johannes Krapf für Vetements. (Bild: pd)

Johannes Krapf für Vetements. (Bild: pd)

«Immer mehr Männer auf dem Cover»

Solche Aufnahmen machten in den 1990er-Jahren den Schweden Marcus Schenkenberg berühmt. Neben den Model-Königinnen Linda Evangelista, Claudia Schiffer, Naomi Campbell, Kate Moss, Cindy Crawford und Christy Turlington – den sogenannten Big Six –gab es da plötzlich ein männliches Topmodel. Weitere folgten. Dennoch nahm sich der vor kurzem verstorbene Modezar Karl Lagerfeld mit Baptiste Giabiconi erst viele Jahre später einen Mann als Muse. «Ein wichtiges Statement und ein guter Tag für alle Männermodels», meint der Zürcher Agenturinhaber John Walker. Zwar seien noch immer 80 Prozent der Einkäuferinnen weiblich und die meisten Männer noch lange nicht so modeinteressiert wie Frauen, aber es bewege sich etwas in der Branche, ist er überzeugt. In Modestädten wie London und New York gibt es eine immer grössere Auswahl an Modemagazinen für ihn. «Und damit auch mehr Männer, die aufs Cover kommen.» Und 2016 liess Raf Simons, neu Chefdesigner bei Calvin Klein, als erste Amtshandlung Männer und Frauen gemeinsam über den Laufsteg gehen. Bottega Veneta zog nach. Auch andere Labels spielen mit dem zeitgeistigen Androgynen: Unter all den Frauen sticht ein Mann heraus, der Frauenkleider vorführt. Ein einfaches, cleveres Marketing, um sich abzuheben von anderen Marken.

Gute Zeiten also für Männermodels. Kein Wunder verdienen nun auch Presley Gerber, der Sohn von Ex-Supermodel Cindy Crawford, Anwar Hadid, der Bruder von Bella und Gigi Hadid, und Lennon Gallagher, der Sohn des Oasis-Musikers Liam Gallagher, Geld mit ihrem Aussehen. Einen berühmten Verwandten zu haben, scheint gerade ein Erfolgsgarant zu sein.

Akris-Show in Paris

An der Pariser Fashion Week präsentiert am Sonntag im Grand Palais auch der Schweizer Designer Albert Kriemler seine Herbst- und Winterkollektion 2019.  (red.)