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Umstrittene Überbauungen:
Kampfzone Bahnhofsquartier

Grundstücke im Besitz der SBB sind in vielen Städten die letzten Baulandreserven, die noch grossflächig umgenutzt werden können. Deshalb wird um sie immer wieder heftig gestritten. Verschiedene Interessengruppen erheben Ansprüche.
Urs Bader
Das Gebiet St .Gallen Bahnhof Nord mit der Lokremise im Vorder- und der Fachhochschule im Hintergrund. (Bild: Urs Bucher (13. Februar 2019))Das Gebiet St .Gallen Bahnhof Nord mit der Lokremise im Vorder- und der Fachhochschule im Hintergrund. (Bild: Urs Bucher (13. Februar 2019))
Hinter den Gleisen in Luzern: das Tribschenquartier. (Bild: Niklaus Waechter/Reportair.ch)Hinter den Gleisen in Luzern: das Tribschenquartier. (Bild: Niklaus Waechter/Reportair.ch)
Grossbaustelle Europaallee beim Zürcher Hauptbahnhof. (Bild: KEY)Grossbaustelle Europaallee beim Zürcher Hauptbahnhof. (Bild: KEY)
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Kampfzone Bahnhofsquartier

Jahrzehnte lang war es so etwas wie Niemandsland, heute sind es Toplagen: Quartiere oder Grundstücke hinter den Bahnhöfen oder entlang von Bahngleisen. Da waren Rangieranlagen, standen Güterschuppen, Werkstätten, Depots. Da gab es einfache Wohnsiedlungen mit kleinen Handwerksbetrieben und viel Brachland. In vielen Städten interessierte man sich nur für die Vorderseite des Bahnhofs, wo die Leute aus den Zügen ausstiegen und die Stadt betraten.

Das hat sich verändert. Seit gut zwei Jahrzehnten streiten sich verschiedene Akteure immer wieder aufs Neue um das einstige Niemandsland. Der städtebauliche Druck ist stetig gestiegen, parallel zum Bevölkerungswachstum. Dieser Entwicklung ist ein neues, facettenreiches Buch gewidmet: «Hinter den Gleisen».

Co-Herausgeber Niklaus Reichle schreibt in der Einführung zum Buch, diese Hinterbahnhofsquartiere mit ihren Industrieflächen und ausgedienten Bahninfrastrukturen gehörten «vielerorts zu den letzten innerstädtischen Reserven, die noch grossflächig umgenutzt werden können. Das macht sie ökonomisch wie auch aus städtebaulicher Perspektive interessant.»

Die SBB als Grossgrundbesitzerin

Die SBB spielen dabei eine besondere Rolle – sie sind aus historischen Gründen eine der grössten Grundbesitzerinnen der Schweiz. Allein im Portfolio von SBB Immobilien, einer eigenen Division des Bundesbetriebs, sind laut eigenen Angaben 3600 Grundstücke und 3500 Gebäude. Sie ist vom Bundesrat aber auch verpflichtet worden, pro Jahr 150 Millionen Franken für die ­Infrastruktur der Bahn und für die Sanierung der Pensionskasse abzuliefern. Die Entwicklung von Bahnarealen und Bahnhöfen – ebenfalls eine Zielvorgabe des Bundesrates – unterliegt des- halb gewissen wirtschaftlichen Zwängen.

Aufsehenerregendstes Projekt der SBB ist die Überbauung beim Zürcher Hauptbahnhof, die Europaallee – für die einen ein städtebaulicher Traum, für andere ein Albtraum. Die SBB treten hier als Bauherrin auf und schaffen Raum für 8000 Arbeitsplätze, 400 Wohnungen, 170 Hotelbetten und viele Läden, Restaurants und Bars, die mithelfen sollen, «die Europaallee zum Leben zu erwecken», wie es im Buch heisst, wo von der «Cashcow» der SBB die Rede ist.

Von St. Gallen bis Luzern

Aber auch andernorts wurden und werden bahnnahe Grundstücke und Quartiere umgenutzt oder weiterentwickelt, von St. Gallen über Basel bis Luzern. In St. Gallen, bei der Entwicklung des Gebiets Bahnhof Nord, hat «Hinter den Gleisen» auch seinen Ursprung. Die beiden Herausgeber Katharina Graf und Niklaus Reichle waren Mitinitianten des Diskussionsforums «Tisch hinter den Gleisen».

Die im Buch referierten Projekte und Entwicklungen zeigen, dass die Gemengelage stets sehr komplex ist. Verschiedene Akteure stossen aufeinander: Eigentümer, Investoren, Planer, Architekten und eine heterogene Bevölkerung, die mit divergierenden Motiven mitreden will und fallweise Widerstand leistet. Gestritten wird um Rendite, urbane Lebensqualität, Mobilität, günstige Wohnungen, Raum für Kultur, Shopping.

Bahnhöfe haben Stadtentwicklung geprägt

Bahn und Bahnhöfe, die ursprünglich meist fern bestehender Zentren gebaut wurden, haben die Stadtentwicklung schon immer geprägt. In Luzern beispielsweise wurde der erste Bahnhof 1856 abseits der Altstadt auf der anderen Seite der Reuss gebaut. Damit wurde eine städtebauliche Eigendynamik angestossen. Im Buch heisst es: «Seit der Planung des ersten Bahnhofs (…) verschob sich das städtische Zentrum Luzerns langsam von den Marktplätzen der Altstadt hin zum heutigen Bahnhofsareal.» Dessen Vorderseite ist heute auch Aushängeschild der Tourismus- und Kulturstadt.

Konfliktreicher verlief die Entwicklung hinter den Gleisen, im Tribschenquartier, wo in den 1980er-Jahren insbesondere die alternative Kultur ihre Ansprüche anmeldete.

Im Beitrag über St. Gallen arbeitet Co-Herausgeberin Katharina Graf Strategien heraus, wie verschiedene Akteure produktiv in eine Planung eingebunden werden könnten, indem zunächst Schritt für Schritt deren Bedürfnisse und «Denklogiken» identifiziert werden. Der Beitrag mutet etwas theoretisch an. Aber im Kontext des Buches zeigt er interessante Lösungsansätze für Interessenkonflikte, die sich wie automatisch einstellen, wenn es um die Entwicklung von Bahnhofsquartieren oder auch Industriebrachen geht.

Der Sammelband «Hinter den Gleisen. Die Entwicklung der Bahnhofsquartiere in Schweizer Städten» (Seismo Verlag) führt in acht Städte – mit drei Zwischenhalten in Form von Essays und einem einführenden und einem resümierenden Kapitel. Attraktiv illustriert ist das Buch durch «Fensterblicke» des Fotografen Sebastian Stadler. (ub)

Buchvernissage, heute Freitag, 18 Uhr, Monti-Bar, St. Gallen

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