Kameras statt Aussenspiegel: Der neue Honda e setzt voll auf Technologie

Weniger ist mehr: Der neue Honda e entzieht sich dem Reichweiten-Wettrüsten und will der perfekte Stromflitzer für die Stadt sein. Schafft er das?

Georg Ueding
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Honda präsentiert seinen ersten rein elektrischen Kleinwagen.

Honda präsentiert seinen ersten rein elektrischen Kleinwagen.

Bilder: zvg

«Wenn wir ein kompaktes Smartphone wollen, dann wollen wir natürlich kein grosses Tablet. Zwar würde die Batterie vielleicht länger halten, doch es passt nicht in die Hosen­tasche», sagt Kotaro Yamamoto, technischer Berater bei Honda, anlässlich der Präsentation des ersten E-Autos der Marke.

Der Honda e, ein Smartphone auf Rädern? Der Vergleich ist durchaus angebracht, denn man darf sich vom Retrodesign des ersten rein elektrischen Kleinwagens von Honda nicht täuschen lassen: Hinter den freundlichen Kulleraugen des Wagens verbirgt sich jede Menge moderne Technik.

Spätestens beim Öffnen der Fahrertür offenbart sich der wahre Charakter des Stromers: Man erblickt das Cockpit, das nur aus Bildschirmen zu bestehen scheint. Eine 8,8 Zoll grosse In­strumentenanzeige geht fast nahtlos in zwei LCD-Bildschirme mit jeweils 12,3-Zoll-Bildschirmdiagonale über. Links und rechts sitzen zusätzlich zwei 6-Zoll-Bildschirme, die den Ersatz für die Aussenspiegel darstellen. An ihrer Stelle sind aussen nämlich zwei Kameras montiert, deren Bild gestochen scharf auf die beiden sehr hellen Displays übertragen wird. Selbst bei Sonneneinstrahlung ist das Bild sehr gut zu erkennen.

Beide Bildschirme sitzen an sehr angenehmen Positionen, sodass der Fahrer den Blick kaum von der Strasse abwenden muss. Dadurch kann man sie durchaus als sinnvollen Ersatz für herkömmliche Aussenspiegel bezeichnen. Auch der Innenspiegel ist ein Display, dieser lässt sich auf Wunsch allerdings noch zu einem herkömmlichen Spiegel umwandeln.

Bilder: zvg

Retro trifft Zukunft

Angesichts der grossen Bildschirme im Innenraum kommt die Frage auf, warum Honda den Wagen mit einem Smartphone statt mit einem Tablet vergleicht. Der Vergleich zielt allerdings auf das Grundkonzept des Autos ab: ein kompakter Wagen, der bewusst so designt wurde, dass er gut für die Stadt, allerdings aufgrund seines vergleichsweise kleinen Akkus weniger für Langstrecken auf der Autobahn geeignet ist. So beträgt die Reichweite laut WLTP-Zyklus bis zu 222 Kilometer. Die mittig im Unterboden verbaute Batterie hat eine Kapazität von 35,5 Kilowattstunden. Eine Wallbox mit 7,4kW Wechselstrom lädt den Akku in 4 Stunden voll, an einer Schnellladesäule mit 50 kW Leistung stehen nach 30 Minuten wieder 80 Prozent der Reichweite zur Verfügung. Nach der ersten Testfahrt über 100km durch Stadt, über Land und auf der Autobahn wurden allerdings nur noch 56km Restreichweite angegeben. Die Prognosen des Bordcomputers wirken aber korrekt und verlässlich.

Seine Stärken offenbart der Honda e vor allem in der Innenstadt. Mit 154 PS ist er aber auch mehr als ausreichend motorisiert, durch den Hinterradantrieb können die Räder des Wagens besonders weit einschlagen, was zu einem beeindruckend kleinen Wendekreis von gerade einmal 8,6 Metern führt. Zusammen mit der 360-Grad- Kamera lässt sich das Auto so komfortabel durch überfüllte Innenstädte oder enge Parkhäuser bewegen.

Angenehm ist auch die einfach über Wippen am Lenkrad verstellbare Rekuperation. So verzögert der kleine Stromer mit maximal 0,1 G, sobald man den Fuss vom Fahrpedal nimmt, und gewinnt Energie zurück in den Akku, anstatt die mechanische Bremse zu beanspruchen.

Drückt man dann die Taste für das sogenannte «Einpedalsystem», verstärkt man diese Bremswirkung nochmals. Nun reicht es, den Fuss vom Gaspedal zu nehmen, und das Auto bremst kräftig und bis zum Stillstand herunter; auch hier sind drei Stufen wählbar.

Nach kurzer Eingewöhnung kann man das Auto so in der Stadt nur über das Gaspedal steuern, vorausschauende Fahrweise und einen gefühlvollen Gasfuss vorausgesetzt.

Das äussere Retrodesign setzt sich, mit Ausnahme der erwähnten Bildschirme, im Innenraum fort: Holzimitat und Stoffe in verschiedenen Grautönen, die an Jeansstoff erinnern, sollen eine angenehme «Lounge-Atmosphäre» schaffen. Tatsächlich sitzt es sich vorn durchaus angenehm, während man hinten, wie bei Autos dieser Grösse üblich, etwas weniger Platz hat.

Rekuperieren statt bremsen

Der Kofferraum fällt aufgrund des im Heck verbauten E-Motors eher klein aus, für den Stadtbetrieb mag das aber ausreichen sein. Das Infotainmentsystem wirkt ausgereift, der Inhalt der Bildschirme lässt sich zwischen beiden hin und her wechseln, wodurch der Beifahrer beispielsweise die Musik einstellen kann, während der Fahrer weiterhin das Navi im Blick hat. Viele Apps sowie Apple CarPlay und Android Auto sind natürlich verfügbar.

Eine Herausforderung bei einem rein elektrischen Auto bleibt immer noch das Laden. Hier hat Honda mehrere Lösungsansätze parat. Hier kann man über eine App ausserdem das Laden planen, um zu Zeiten günstiger Strompreise zu laden. Ausserdem hat Honda zusammen mit der Firma Ubitricity eine Ladestation entwickelt, die sich recht einfach in Strassenlaternen integrieren lassen soll. Geladen wird hier zum Haustarif. Sie liefert 7,4kW Leistung und wird derzeit in Berlin, Dortmund und London bereits installiert.

Ein später für Privatkunden verfügbarer «Power Manager» bietet die Möglichkeit, überschüssige Energie aus dem Auto zurück ins Netz zu speisen, für die man dann auch bezahlt wird. Oder man nutzt den Kleinwagen als mobilen Stromspender: An der Front ist eine konventionelle 230-Volt-Steckdose eingebaut, über die man Geräte aller Art versorgen kann.

Wem also das durchaus ungewöhnliche Design gefällt und wer ein agiles Stadtauto sucht, dem bietet Honda e ein sinnvolles Konzept. Der Preis ist mit 43 100 Franken zwar nicht gering, dafür bekommt man ein Auto, das neben ausgereifter Elektrotechnik vom aktiven Spurhalteassistenten über Einparkautomatik bis hin zur Lenkradheizung nahezu alle Wünsche abdeckt. Sofern das Ladenetz also weiterhin wie versprochen ausgeweitet wird, steht einem erfolgreichen Marktstart des Honda e im Sommer dieses Jahres nichts mehr im Wege.

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