Kalte Lieder über die Liebe

Es war zu erwarten: Scarlett Johansson, Hollywoods zurzeit meistgeliebte Schauspielerin, kann alles – und deshalb auch singen. Das beweist sie, zweifelsfrei und mit enormer Nonchalance, auf ihrem ersten Album «Anywhere I Lay My Head».

Marc Peschke
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Viel ist im Vorfeld über das nach einem 1985 erschienenen Song von Tom Waits benannte Werk gemunkelt worden. Und die Frage, warum Schauspieler eigentlich so oft den Drang verspüren, ins musikalische Fach wechseln zu müssen, sei mal erlaubt. Schliesslich ist das Ergebnis oft vollkommen missraten. Doch nicht, wir ahnen es bereits, bei Scarlett Johansson: Jetzt ist das Album da, die Welt darf sich freuen.

Kindfrau singt Blueskauz

Johansson singt Waits – das ist die reichlich gewagte Grundidee des ganzen Unternehmens. Die Kindfrau interpretiert Stücke des alten, bösen Blueskauzes, das muss man sich erstmal trauen. Doch es dauert einige Zeit, bis die Stimme auf diesem Album auch tatsächlich zu hören ist. Doch dann, nach einem ersten Instrumentalstück aus Orgeln und Bläsern, setzt ihr Timbre bei «Town With No Cheer» ein: dunkel, tief, abwesend stets, nicht ganz von dieser Welt.

Es steckt eine Kühle in dieser Stimme, vor der man sich fürchten kann. Sie umgarnt, immer etwas neben dem Ton, karge Elektro-Chansons – mit düsteren Gitarren unterlegte kalte Lieder über die Liebe, die so gar nicht mehr an die Waits'schen Fassungen aus Alben wie «Swordfishtrombones» oder «Big Time» denken lassen. Wenn die Musik von Tom Waits ihren Reiz aus dem Autobiographischen holt, aus den Sphären von Gosse, Bars und rüdem Alltag, so ist «Anywhere I Lay My Head» ein Album, das mit der Welt von Waits so gar nichts zu tun hat.

Schön unfassbar

Doch auch nicht mit der von Johansson: Sie singt es wie eine Schauspielerin – ganz so, als sei sie mal eben in eine neue Rolle geschlüpft. Paradoxerweise macht genau das, das Nichtfassenkönnen, «Anywhere I Lay My Head» zu etwas Besonderem, zu einem freien Stück Musik, das sich wenig um das Diktat der Eindeutigkeit kümmert. Dass David Bowie dieses Album mit seinem Gast-Gesang adelt – zudem ist Nick Zinner von den Yeah Yeah Yeahs zu hören – zeigt dennoch, wie ernst dieses Début genommen werden will. Mit «Song For Jo» ist auch eine Eigenkomposition auf dem Album, das man als eine Hommage an Waits verstehen kann, aber auch als Beginn einer zweiten Karriere der Johansson. «Meine Stimme ist weder sanft noch gefühlvoll», sagt sie – und das ist just das Originelle an ihr. Waits jedenfalls gefällt sie. «Ich hatte ständig im Hinterkopf, dass Tom Waits mich mit einem Hammer jagen würde, wenn wir etwas täten, was ihm nicht gefiele», so der Filmstar. Dieser Hammer dürfte an Johansson vorübergehen.

Scarlett Johansson: «Anywhere I Lay My Head», Rhino/Warner.

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