Juwel im Wattenmeer

Die Insel Schiermonnikoog im Norden ist klein, aber fein. Hier scheinen die Uhren gemächlicher zu laufen, 2007 wurde sie als «Schönster Ort der Niederlande» ausgezeichnet – was nicht erstaunt, denn sie ist ein hierzulande wenig bekanntes Naturparadies.

Daniel Saameli
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«Miniatur-Holland» aus der Vogelperspektive: Auf Schiermonnikoog sind auf kleinstem Raum alle Landschaften vereint. (Bild: Stichting Waddenfederatie)

«Miniatur-Holland» aus der Vogelperspektive: Auf Schiermonnikoog sind auf kleinstem Raum alle Landschaften vereint. (Bild: Stichting Waddenfederatie)

Wie eine Perlenkette reihen sich die Watteninseln zwischen Den Helder (Holland) und Esbjerg (Dänemark) aneinander. Die niederländische Insel Schiermonnikoog ist dabei so etwas wie das Juwel im Wattenmeer. In der Schweiz ist Schiermonnikoog noch ein Geheimtip. Nicht so in Holland: 2007 gewann die Insel bei einer nationalen Ausscheidung den Titel «de mooiste plek van Nederland» («der schönste Ort der Niederlande»). In der Hochsaison im Juli und August empfiehlt es sich denn auch, die Unterkunft bis zu einem Jahr im voraus zu reservieren. Das gilt nicht nur für die Hotels und Ferienwohnungen, sondern auch für den Campingplatz.

Autos nur für Einheimische

Die Schifffahrt vom niederländischen Festland zur Insel dauert nur 45 Minuten, und doch betritt man eine ganz andere Umgebung. Auf Schiermonnikoog scheinen die Uhren gemächlicher zu laufen. Das einzige Dorf – das ebenfalls Schiermonnikoog heisst – ist eine Oase der Ruhe. Baumalleen werden von den charakteristischen Inselhäusern gesäumt. Die Autos sind fast ganz von der Bildfläche verschwunden. Nur die Inselbewohner dürfen sie benutzen; weil in den Dorfstrassen ein striktes Parkierverbot gilt, müssen sie ihre Fahrzeuge aber stets in der eigenen Garage unterbringen.

Schiermonnikoog ist die kleinste Gemeinde der Niederlande. Die 1000 Einwohner verfügen aber über alle notwendigen Einrichtungen samt Supermarkt, Feuerwehr und Polizeiposten. Das Dorf wurde 1760 erbaut. Im selben Jahr wurde das alte Dorf, das weiter westlich lag, vom Meer weggespült. Die ersten Inselbewohner waren Mönche, die sich im Mittelalter hier niederliessen. Die Mönche (niederländisch: Monniken) standen auch Pate für den Namen der Insel. «Schier» ist ein altes Wort für grau, die Farbe der Mönchskutten, und «Oog» bedeutet Insel.

Ruhe- und Brutplatz für Vögel

Die Insel ist 16 Kilometer lang und vier Kilometer breit. Sie bildet sozusagen ein «Miniatur-Holland». Auf kleinstem Raum sind alle typischen Landschaften vereint: Watt, Deiche, Polder, Marschen, Wald, Dünen und Strand. Die ganze Insel bildet einen Nationalpark, nur das Dorf und die Landwirtschaftszone wurden ausgespart. Tausende von Vögeln bevölkern die Insel ganzjährig. Ausserdem kommen zweimal im Jahr Zugvögel vorbei, welche die Insel als Ruhe- und Brutplatz nutzen. Im Besucherzentrum des Nationalparks wird die Naturlandschaft in der Theorie veranschaulicht. Die Praxis ist natürlich durch nichts zu überbieten. Der grosse Stolz der Insel ist der Strand, der breiteste von ganz Europa. Er erstreckt sich entlang der gesamten Nordküste. Platz ist hier im Überfluss vorhanden, die Luft ist frisch.

Eine Fahrt mit dem «Balg-Express», einem Traktor mit angehängtem Passagierwagen, führt bis an den östlichsten Punkt der Insel. Der «Balg» ist eine enorme Sandbank, die ständig weiter nach Osten wächst. Bei guter Sicht ist von hier aus die deutsche Insel Borkum zu erkennen. Mit etwas Glück bekommt man aus nächster Nähe Seehunde zu sehen, die neugierig den Kopf aus dem Wasser strecken und die Touristen beäugen. Schon die Anfahrt mit dem «Balg-Express» ist ein kleines Abenteuer; auf halber Strecke geht plötzlich nichts mehr, der Traktor steckt im Sand fest. Direkt am Meer haben sich nämlich kleine Dünen gebildet, die den Flugsand fangen. Nur dank seiner jahrelangen Erfahrung gelingt es dem Fahrer am Ende, ihn wieder flottzubekommen.

Alle übrigen Gebiete sind problemlos mit dem Velo zu erreichen. Ein dichtes Netz von Radwegen umspannt die ganze westliche Inselhälfte. Ausser an einigen Tagen in der Hochsaison sind stets genügend Mietvelos vorrätig. Auch auf einer Inselrundfahrt vermittelt die Natur starke Eindrücke. Das Wetter kann plötzlich umschlagen, die Rückfahrt bei Gegenwind und Platzregen wird dann zum Härtetest.

Muscheln und Flaschenposten

Bei Regenwetter empfiehlt sich beispielsweise ein Besuch im Muschel-Museum von Thijs de Boer. Der gebürtige Insulaner hat sich damit einen Bubentraum verwirklicht. Alle ausgestellten Muscheln hat er selber gefunden, sei es bei seinen wöchentlichen Spaziergängen am Strand oder auf seinen Reisen in der ganzen Welt. Er stiess auch auf mehr als 100 Flaschenposten, die darin enthaltenen Botschaften können ebenfalls bestaunt werden. De Boer hat übrigens jeden Brief beantwortet.

Das Meer ist allgegenwärtig: Im Dorfzentrum von Schiermonnikoog erinnert ein riesiger Walfisch-Kiefer an vergangene Zeiten, als viele Inselbewohner ihren Lebensunterhalt auf dem Meer verdienten.

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