«Jung & Alt»-Kolumne
Selbstdarstellung war früher nicht in Mode – wollt ihr Jungen nicht erlöst werden vom Ichselbersein?

In der «Jung & Alt»-Kolumne schreibt unser Autor Ludwig Hasler, 76, alternierend mit Samantha Zaugg, Journalistin, 26. Diese Woche erklärt Hasler, weshalb der Selbstdarstellungszwang viele Jugendliche unglücklich macht.

Ludwig Hasler
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Auf dem Weg in die Ferien werden heute Selfies gepostet. Jeder soll sehen, das es einem gut geht.

Auf dem Weg in die Ferien werden heute Selfies gepostet. Jeder soll sehen, das es einem gut geht.

Bild: Keystone

Liebe Samantha

Wie ich damals lästige Verehrerinnen loswurde? Ich war doch schon froh, eine zu haben, ehrlich, ich fand mich mässig attraktiv, erotisch schon gar nicht, überdies hemmten mich Pickel. Dass sie zum biografischen Standortvorteil werden können, habe ich erst später bei Harald Schmidt aufgeschnappt, als er sagte, ohne Pickel hätte er keinen Humor ausgebildet. Möglich, dass es bei mir ähnlich lief. Von Natur kein Mädchenschwarm, musste ich kulturell aufrüsten, Wissen, Geist, Humor. Ging irgendwann auf, später.

Wenig zu tun hatte das mit dem Profilierungszwang auf Dating-Plattformen, von dem du erzählst. Selbstdarstellung war nicht gross Mode. Wir waren, wie wir waren, ich will das nicht hoch hängen, es kam oft wenig genug dabei heraus. Sicher waren wir zufriedener. Falls ich mich recht erinnere, sah ich mich kaum je von aussen, auch nicht im Vergleich (erst vergleichen macht ja unglücklich).

Ich sah mich nie als Eigenkreation, ich war so angeliefert, nicht anders, das entlastete. Herkunft war mächtiger als Selbstbestimmung – gleich beim Taufen: Mein Vater hiess Ludwig, also heisse ich, der älteste Sohn, auch so; geboren bin ich am Tag des heiligen Franz von Assisi, also heisse ich zweitens Franz. Ich war mehr Fortsetzung als Innovation, eingereiht in Stammbaum und kosmische Koordinaten.

Bei euch Jungen hab ich den Eindruck, ihr bastelt aufwendig an eurer Marke. Ich, ich, ich. Ziemlich unglücksanfällig. Und volatil – grad beim Dating. Wer existenziell nicht festgelegt ist, kann sich auch nie festlegen, gleitet über den Ozean der Angebote, getrieben vom saisonalen Appetit und Geschmack – und erlebt das Supermarktdilemma: je zahlreicher die Joghurts auf dem Regal, desto mühsamer die Wahl. Desto zweifelhafter schmeckt, was man wählt; weil stets das nebenan, das mit Mocca, noch besser schmecken könnte. So kommt man nie wirklich an, man hat es leicht – und hat es umso schwerer.

Du sagst, du kennst glückliche Paare, die sich online fanden. Ich auch. Unglückliche Singles kenne ich auch, die bewegen sich wie im Spielcasino, sie probieren und degustieren, eine Zeit lang kommen sie auf ihre Kosten, sind selten ein Wochenende allein, alles unter Kontrolle. Nur zwischendurch nagt der Verdacht, selber nichts als Kostprobe zu sein. Wo die Sehnsucht doch insgeheim aufs Unkalkulierbare aus ist – auf Kontrollverlust, Überwältigung, Macht des Schicksals, Erlösung vom Ichselbersein.

Oder projiziere ich – altmodisch – das nur? Wo ich dir zustimme: Am Anstand lag es nicht, falls wir «treuer» waren. Eher an Ökonomie. Alleinerziehend? War finanziell nicht zu schaffen. Also spielten «solide» Aspekte beim Dating ihre Rolle – andernfalls zogen wir es wohl oder übel durch, bis zum bitteren Ende.

Ludwig

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