(Jugendstil-)Kuss aus Wien

Klimt-Jubiläum 2012 feiert Wien mit viel Pomp den 150. Geburtstag von Gustav Klimt. Schon jetzt begeben wir uns auf die Spuren des Malers und der Wiener Jugendstilarchitektur – zu Fuss. Marlies Strech

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Die Wiener Secession: Joseph Maria Olbrichs Ausstellungsgebäude für zeitgenössische Kunst, ein Paradebeispiel für den Jugendstil. (Bild: Wien Tourismus/Manfred Horvath)

Die Wiener Secession: Joseph Maria Olbrichs Ausstellungsgebäude für zeitgenössische Kunst, ein Paradebeispiel für den Jugendstil. (Bild: Wien Tourismus/Manfred Horvath)

Überall in Wien stösst man auf Vorzeichen des kommenden Klimt-Jahrs. Die erste von acht grossen Ausstellung läuft bereits (siehe Kasten). Und das berühmteste Gemälde von Gustav Klimt (1862–1918), der «Kuss», prangt nicht nur von vielen Plakaten, sondern goldschimmernd auch von Tragtaschen und Brillenetuis, Aschenbechern und Papiertaschentüchern.

Ein Werk von über 800

Warum man bei Klimt immer zuerst an den Jugendstil-«Kuss» von 1907 denkt, wo er doch über 800 Bilder gemalt hat, scheint nicht so klar. Aber wenn man dann auf Schloss Belvedere nahe den Ringstrassen vor dem Original steht, 180 mal 180 Zentimeter gross, macht es schon Eindruck. Ein Mann mit dunklem Haarschopf, das Gesicht verdeckt, beugt sich über die vor ihm kniende Frau, umfasst sie mit beiden Händen. Ihre Gestalt zeichnet sich durch ihr geblümtes Kleid ab. Den Mann umhüllt ein weiter goldener Umhang mit geometrischen Ornamenten. Noch wendet die Frau das Gesicht schamhaft vom Mann ab, ihr rechter Arm liegt aber bereits an seinem Hals. Wie geht's wohl weiter?

Während sich zwei Fachleute aufgeregt darüber streiten, ob das im «Kuss» verarbeitete Gold noch echtes Blattgold war oder ob es sich nur um billigeres Gelbmetall handle, besichtigen wir weitere Klimt-Gemälde. Dabei stossen wir auf einige Landschaftsbilder. Ja, die gibt es auch. Meist in quadratischer Form, die bunten Ausschnitte wie zufällig aus der Natur gestanzt. Wunderbar.

Unattraktiver Frauenverführer

Das häufigste Motiv des Künstlers sind aber junge Frauen und Mädchen, oft nackt, verführerisch und manchmal durchaus kitschig dargestellt. Der eher hässliche Klimt war auch privat ein Womanizer. Er hatte bis zu zwölf uneheliche Kinder, drei von ihnen anerkannte er. Verheiratet war er nie, aber lebenslang auf etwas unklare Weise verbunden mit der eleganten Modeschöpferin Emilie Flöge. Auch sie hat er gemalt: mit dunklen Locken, einem runden rosigen Gesicht, im kostbaren blauen Kleid. Flöges Porträt hängt im Wien-Museum Karlsplatz, wo auch Hunderte von Klimt-Zeichnungen lagern.

Museumsparadies

Museen überall in Wien. Besonders attraktiv ist das sogenannte Museumsquartier, erst im 21. Jahrhundert vollendet. Den Kern bilden ehemalige kaiserliche Hofstallungen aus dem 18. Jahrhundert, umgebaut und ergänzt mit modernen Gebäuden. Nichts, was es im Museumsquartier nicht gibt: Stätten für Tanz, Musik, Theater, Häuser speziell für Architekten oder Kinder. Dazu Spielflächen und Ruheoasen, Restaurants und Cafés mit Wiener Schmankerln.

Auch Klimt-Bilder haben im Museumsquartier Platz gefunden. Und zwar in der Sammlung Leopold, einem neuen Bau aus weissem Muschelkalk mit blauen Lichtbahnen. So stösst man im Erdgeschoss auf das Symbolbild «Leben und Tod» mit einer in Liebe verbundenen Menschengeneration auf der einen, Gevatter Tod auf der andern Seite. Im gleichen Raum hängt die 13 Quadratmeter grosse Schwarz-Weiss-Kopie von «Medizin», einem Deckengemälde, das Klimt als Staatsauftrag für den Festsaal der Uni Wien entworfen hatte.

Doch dieses Bild erregte damals einen Gesellschaftsskandal, wie auch die weiteren Fakultätsbilder «Philosophie» und «Jurisprudenz». Manche warfen dem Künstler samt Mitarbeitern Pornographie und Wissenschaftsverachtung vor. Die «Medizin» zeigt eben keine Halbgötter in Weiss, sondern ein Konglomerat von Gesunden und Verkrüppelten, blühenden Frauen und tierhaft pelzigen Männern, abgehackten Gliedern und Totenköpfen. Klimt kaufte das Bild zurück. 1945 fiel es einem Atelierbrand zum Opfer.

Umstrittene neue Formen

Doch nicht nur Klimts Malerei, sondern der Jugendstil in Wien überhaupt war umstritten. Schuf er doch einen gewollten Kontrast zur Tradition. Namentlich in der Architektur wandte man sich ab vom üppig wuchernden Historismus des 19. Jahrhunderts, wie er sich an den Ringstrassen entfaltete – Staatsoper, Burgtheater, Rathaus, Parlament, Universität. Statt Neubarock, Neurenaissance, Neoklassik strebten die Jugendstilarchitekten einfachere – wenn auch immer noch höchst dekorative – Formen an.

Auffälligster Bau dieser Epoche ist die 1898 entstandene Wiener Secession am Naschmarkt, das Ausstellungsgebäude der gleichnamigen Vereinigung bildender Künstler Österreichs. Ein aus weissen Kuben zusammengesetztes Gebäude mit einer Metallkuppel aus vergoldeten Lorbeerblättern. Heute beherbergt die Secession auch Klimts 34 Meter langes Beethoven-Fries, eine mehr sinnliche als übersinnliche Illustration zur 9. Sinfonie des Komponisten. Letzten Februar erlaubte sich der Basler Konzeptkünstler Christoph Büchel den Scherz, neben dem Klimt-Fries einen Swingerclub zu installieren, der zumindest nachts in Betrieb war. Erneut gab's Skandal.

Jugendstil als Fotosujet

Zu den mit Klimt eng befreundeten Jugendstilarchitekten gehörten neben dem Secessions-Erbauer Joseph Maria Olbrich auch die berühmteren Josef Hoffmann (1870–1956) und Otto Wagner (1841–1918). Von Wagner stammen nicht nur mehrere schmucke Stationen der einstigen Stadtbahn, eines beliebten Fotosujets, sondern auch zwei Wohnhäuser an der vornehmen Linken Wienzeile, die den Naschmarkt säumt. Die Nummern 40 und 38 stehen da im Jugendstilkleid, das eine mit rosa Blumenmustern übersät, das andere mit vergoldeten Medaillons und Reliefs. Auf besagtem Naschmarkt mit seinen Lebensmittel- und anderen Spezialitäten suche ich nach Jugendstilsouvenirs. Und finde ein entsprechend besticktes Tischtuch, nicht original, aber hübsch. Die Hoffnung, auf dem an den Naschmarkt anschliessenden Flohmarkt vielleicht einen echten Jugendstilschmuck zu entdecken, erfüllt sich dagegen nicht. Fündig werde ich dagegen im Dorotheum, dem jahrhundertealten Pfandhaus, das heute Antiquitäten versteigert oder verkauft.

Gewächse und Schmetterlinge

Ungeahnt viel Jugendstil hat sich auch in Wiens historischen Stadtkern mit Stephansdom und Hofburg eingeschlichen. Etwa das gläserne Palmenhaus am Burggarten, mit einem Café zwischen Gewächs- und Schmetterlingspavillon. Näher beim Zentrum das Haus der Verlagsanstalt Artaria am Kohlmarkt oder die prächtige alte Apotheke an der Bognergasse, wo zwei Engel mit Libellenflügeln das reichverzierte Gebäude zumindest optisch stützen helfen.

Sogar mein Geheimtip, das kleine Hotel Kärntnerhof hinter dem Stephansdom, hat eine Jugendstilvergangenheit. Der Fassade des 1898 gebauten Hauses sieht man das nicht unbedingt an. Im Innern aber finden sich typische Bodenfliesen mit Blumenmuster und ein filigraner, weiss gestrichener Jugendstillift. Er sieht aus wie ein riesiger Vogelkäfig. Und ist kein Museumsstück, sondern über fünf Stockwerke hinweg bis heute in Betrieb.

Jugendstil: Stationsgebäude am Karlsplatz für die einstige Stadtbahn. (Bild: Marlies Strech)

Jugendstil: Stationsgebäude am Karlsplatz für die einstige Stadtbahn. (Bild: Marlies Strech)

Gustav Klimts berühmtes Gemälde eines Liebespaars: «Der Kuss». (Bild: Belvedere, Wien)

Gustav Klimts berühmtes Gemälde eines Liebespaars: «Der Kuss». (Bild: Belvedere, Wien)