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Tourismusbranche: «Jetzt wird das Bewusstsein geschärft»

Zuerst waren da die Proteste gegen den Massentourismus, jüngst kamen jene für das Klima hinzu: Verkennt die Tourismusbranche die Zeichen der Zeit? Ein Gespräch mit der Spitze des Schweizer Reise-Verbands (SRV).
Interview: Dominik Buholzer
Die griechische Insel Santorini versucht der Touristenflut mit hohen Gebühren Herr zu werden. (Bild: Athanasios Gioumpasis/Getty 16. Juli 2018)

Die griechische Insel Santorini versucht der Touristenflut mit hohen Gebühren Herr zu werden. (Bild: Athanasios Gioumpasis/Getty 16. Juli 2018)

Herr Kunz, Herr Schmid, ein Tourismusort nach dem anderen erhebt eine Eintrittsgebühr. Was läuft schief?

Walter Kunz: Es läuft gar nichts schief. Es gibt auch nicht einen einzigen Grund, der zur heutigen Situation geführt hat, sondern es ist eine Kumulation von verschiedenen Faktoren.

Walter Kunz und Roland Schmid vom Schweizer Reise-Verband (SRV). (Bild: PD)

Walter Kunz und Roland Schmid vom Schweizer Reise-Verband (SRV). (Bild: PD)

Roland Schmid: Die Destinationen sind über ihre Attraktivität in den Massentourismus gestolpert. Das Aufkommen von Plattformen wie Airbnb führte zusätzlich dazu, dass Privatwohnungen auf einmal unkontrolliert vermietet werden. Dadurch kommen zusätzliche Touristen an die neuralgischen Punkte. Dort wird das Gedränge noch grösser, der Ärger bei der lokalen Bevölkerung ebenso.

In Barcelona kam es gar zu Demonstrationen. Haben Sie Verständnis für diesen Unmut?

Kunz: Selbstverständlich. Deshalb versuchen wir dieser Entwicklung mit alternativen Destinationen Gegensteuer zu geben. Letzten Endes ist es der Kunde, der entscheidet, wohin er will. Wenn er seinen Trip nicht im Reisebüro bekommt, bucht er ihn eben selbst. Da müssen wir uns nichts vormachen. Wir können die Kunden auf die Problematik des Massentourismus hinweisen, und das tun wir auch.

Schmid: Das Reiseverhalten hat sich in den vergangenen Jahren entscheidend verändert. Den Reisenden steht für längere Reisen kaum mehr Zeit zur Verfügung, ergo fahren sie zu den Hotspots. Gefördert wird diese Entwicklung durch die sozialen Medien, vor allem Instagram.

Die Touristen wollen nicht mehr in die lokale Kultur eintauchen, sondern ein «heisses Bild» schiessen, das sie im Netz posten können.

Schön und gut: Müssten Sie als Tourismusvertreter aber nicht auch ein wenig selbstkritischer sein? Die Branche hat sich jahrelang kaum um die lokale Bevölkerung gekümmert.

Kunz: Da muss ich widersprechen. Wir sägen doch nicht am eigenen Ast: Menschen und Natur sind für uns Touristiker die Grundlage unserer Angebote, von denen wir leben. Dieser Hype entstand erst mit Social Media. Dies ist eine Feststellung, keine Schuldzuweisung.

Schmid: Es ist die Aufgabe der lokalen Behörden mit der Bevölkerung festzulegen, wie man ökologische Ziele mit den Wünschen der Gäste in Einklang bringen will.

Können Gebühren eine Lösung sein?

Kunz: Das kann es. Wenn dies jedoch zu einer Zweiklassengesellschaft führt, habe ich ein Problem damit.

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Kunz: Sie täuschen sich. In Santorini zahlt eine vierköpfige Familie bis zu 300 Euro pro Tag am Privatstrand für Tüchlein und Liegestuhl. Mit den Gebühren wird zum Teil bereits wieder überbordet.

Schmid: Zudem: Der Preis ist nur ein mögliches Steuerungsmittel. Die Kontingentierung ein anderes: In Lech am Arlberg wurden Tageskontingente für den Privatverkehr eingeführt. Wenn diese ausgeschöpft sind, können Gäste nur noch mit dem öffentlichen Verkehr anreisen. Bussen hingegen bleibt die Zufahrt verwehrt.

In Amsterdam dürfen Wohnungen noch an 30 Tagen im Jahr über Airbnb vermietet werden.

Ist nicht die Gefahr gross, dass die Gebühren von den Reiseanbietern übernommen werden und Kunden gar nichts mitbekommen?

Kunz: Man muss es anders sehen. Wenn ausländische Reisegruppen in jeder Schweizer Stadt zusätzlich 15 Franken zahlen müssten, damit sie diese besuchen könnten, wäre unser Land schnell unattraktiv. Wenn jedoch nur einmal zehn Franken an Gebühren anfallen, würde sich dies kaum auswirken.

Schmid: Man darf jedoch Tagesgäste und Gäste mit Übernachtungen nicht in den gleichen Topf werfen. Was ist mit jenen, die zwei, drei oder mehr Tage an einem Ort verbringen? Und vergessen wir nicht: Der Tourismus ist auch in der Schweiz ein Wirtschaftsfaktor. Etwa vier Prozent aller Beschäftigten leben im arbeitsintensiven Tourismus. Es ist deshalb nicht einfach, eine ausgewogene Lösung zu finden.

Wird sich das Problem des Massentourismus weiter verschärfen?

Schmid: Da bin ich mir nicht so sicher. Es gibt tendenziell mehr attraktive Orte. Wir zählen heute mehr besuchenswerte Destinationen und Sehenswürdigkeiten als vor zehn Jahren.

Kunz: Die Tourismusindustrie kann schnell reagieren und zusätzliche Kapazitäten schaffen. Dies hat sie beispielsweise bei der Türkei-Krise vor drei Jahren gezeigt. Die Kapverdischen Inseln wurden auf einmal als Alternative entdeckt und forciert.

Wie ernst nehmen Sie Klimaproteste?

Kunz: Sehr ernst, das ist mehr als ein Hype.

Schmid: Der Schweizer Reise-Verband nimmt das Thema Klimaschutz seit 15 Jahren ernst. 2004 haben wir einen Workshop organisiert zum Thema «Abheben zu Tiefstpreisen – bleibt der Klimaschutz am Boden?». Sie sehen: Wir setzen uns schon sehr lange mit dem Klimaschutz auseinander.

Trotzdem ist es Ihnen nicht gelungen, dass die Branche hier besser dasteht. Dass Flüge kompensiert werden, nahm erst durch die Proteste zu.

Schmid: Solche Verhaltensänderungen benötigen Zeit. Bereits 2007 führte die Softwarefirma Umbrella in Kooperation mit der Stiftung Myclimate in den Reisebüros eine einfache Lösung ein. Für die Flüge wurde der CO2-Ausstoss berechnet, die Emissionen konnten kompensiert werden. Lange Zeit wollten die Kunden kaum etwas von klimaneutralem Fliegen oder Reisen wissen. Und dies, obwohl die CO2-Kompensation von den Steuern abgesetzt werden kann.

Kunz: Wenn die Kunden im Reisebüro auf diese Möglichkeit hingewiesen wurden, hörten viele interessiert zu. Wenn es aber darum ging, das Portemonnaie zu zücken, war schnell Schluss.

Wenn es ums Zahlen geht, hört noch immer für zu viele der Umweltschutz auf – nicht nur beim Reisen.

Müssten die Reiseanbieter das Thema offensiver angehen?

Kunz: Das tun sie. Aber wir wollen nicht missionieren, sondern sensibilisieren.

Schmid: Am Ende der Beratung steht der Kunde in der Pflicht. Wir können ihm die Möglichkeiten aufzeigen, wie man die Reise umweltverträglicher gestaltet: vermeiden, reduzieren und kompensieren. Den Entscheid fällt der Kunde aber selber.

Besteht denn überhaupt eine Nachfrage nach nachhaltigen Reisen?

Schmid: Unser Verband hat vor vier Jahren eine Umfrage gemacht. Damals antworteten rund 30 Prozent der Reisebüros, dass die Kunden nur oder teilweise nach nachhaltigen Angeboten fragen würden. Heute ist der Anteil spürbar höher.

Welches Potenzial steckt noch im nachhaltigen Reisen? Wird Flugscham ein Thema?

Kunz: Dies ist schwierig abzuschätzen. Die Proteste zeigen: Die Menschen machen sich über die Zukunft Gedanken. Entscheidend wird nun sein, wie sich dies auf ihr Handeln auswirkt. Von Flugscham spüren wir in der Schweiz noch wenig. Dies mag in Skandinavien ein Thema sein.

Schmid: Jetzt wird das Bewusstsein geschärft. Die Leute zum Handeln zu bewegen, wird künftig wohl einfacher sein.

Was macht Sie da so sicher?

Schmid: Umweltzertifizierte Hotels werden deutlich besser gebucht als herkömmliche – sowohl online wie auch im Reisebüro. Sie weisen zudem einen höheren Anteil an Stammkunden auf.

Bei der Wahl von Kreuzfahrten wird das Kreuzfahrten-Ranking des Naturschutzbundes Deutschland vermehrt beachtet.

Also kommt ein Wandel ins Rollen?

Schmid: Ein Anfang ist gemacht. Das genügt nicht. Egal, welche Anstrengungen weiter unternommen werden: Die Kompensation alleine löst das Umweltproblem nicht. Wir müssen insgesamt weniger CO2 ausstossen.

Also braucht es im Flugverkehr beispielsweise eine CO2-Abgabe?

Kunz: Ich hätte kein Problem damit. Es darf einfach keine neue Bürokratie hochgezogen werden. Es muss für die Airlines einfach zu handhaben sein. Die Abgabe muss im Flugpreis integriert sein.

Teilen Sie, Herr Kunz, die Ansicht, dass Fliegen heute zu billig ist?

Kunz: Wenn man bei einem Flugticket alle Taxen vom Endpreis abzieht, kann man nur den Kopf schütteln und staunen, wie wenig man am Ende effektiv für den eigentlichen Flug bezahlt. Der Preis kreiert die Nachfrage. Dies lässt sich nicht wegdiskutieren.

Schmid: Das Kerosin gehört besteuert.

Was braucht’s: Kerosin- oder Umweltabgabe?

Kunz: Eine Kerosinabgabe wäre mir lieber, weil damit vor allem jene Anbieter zur Kasse gebeten werden, die zu wenig in technische Neuerungen investieren und mit «Dreckschleudern» unterwegs sind. Welche Abgabe kommt, spielt keine Rolle. Entscheidend ist, dass etwas getan wird.

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