Familienmodelle
Jeder Tag ist Papi-Tag: Er Hausmann, sie Ernährerin – das bleibt ein Sonderfall

Hausmänner sind in der Statistik nach wie vor sehr selten. Doch es gibt sie: Wir haben Paare gefunden, die das rare Modell praktizieren. Vier Erfahrungsberichte.

Sabine Kuster
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Melchior Bendel und Susanne Hess schauen in der Mittagspause mit Sohn Tarek die Baustellen rund um Mutters Arbeitsplatz an.

Melchior Bendel und Susanne Hess schauen in der Mittagspause mit Sohn Tarek die Baustellen rund um Mutters Arbeitsplatz an.

DANIEL RIHs/13 Photo

Es hat sich viel getan bezüglich Gleichstellung von Mann und Frau in den letzten Jahrzehnten. Aber wie sieht es in der Familie aus? Dass sie die Ernährerin ist und er den Haushalt schmeisst – das kommt vor. Aber nur im Promille-Bereich.

Zwar wird es in der Schweiz nicht mehr als gottgegeben angesehen, dass eine Frau, wenn sie Kinder bekommt, ihren Beruf aufgibt. Der Blick in die Statistik aber ist ernüchternd: In den letzten 25 Jahren hat sich die Rollenverteilung nur gering verändert (Grafik unten). Und wenn man die kommende Generation fragt, sieht es nicht danach aus, als wollte die das ändern.

Das zeigt auch eine aktuelle Befragung des Bundes von 50'000 Stellungspflichtigen und 1800 durchschnittlich 19-jährigen Frauen: Die überwiegende Mehrheit findet, der Mann solle in einer Familie Vollzeit arbeiten. Rund 40 Prozent sind für ein Modell, in dem der Mann Vollzeit, die Frau Teilzeit arbeitet. Dass beide Teilzeit arbeiten oder beide Vollzeit, ist nicht populär. Nicht einmal eine eigene Kategorie erhalten hat das Familienmodell «Sie Haupternährerin, er Hausmann».

MIA/MTA

Für Melchior Bendel und Susanne Hess aus Bern aber ist diese Rollenaufteilung das Ideal. Und noch für drei weitere Paare, mit denen die «Nordwestschweiz» gesprochen hat. Es gibt sie, diese Sonderlinge. In Bern, Schwamendingen ZH, Emmenbrücke LU und Wettingen AG. Sie haben sich gewundert, dass die Jugendlichen von heute noch denken wie ihre Grosseltern.
Wobei – bewusst geplant hat keines dieser Paare das umgekehrte Modell. Die Begründung ist zuerst nüchtern-finanziell: Es war einfach jeweils so, dass die Frau einen guten Job hatte, als das erste Kind kam, und dass es weniger Sinn gemacht hätte, wenn der Mann Haupternährer wäre.

Sie Abteilungsleiterin 100% – Er Hausmann (40% Informatiker abends), Schwamendingen

Hinzu kommt: Diese vier Männer kommen mit der Rolle als Hausmann gut zurecht. Und die Frauen akzeptieren, dass, wenn nachts ein Kind aus einem schlechten Traum erwacht, es nach dem Papi ruft. «Alles andere wäre ein Hohn für seine investierte Zeit in die Kinderbetreuung», sagt die 37-jährige Abteilungsleiterin einer Privatbank aus Schwamendingen. Ein halbes Jahr lang hat sie nach dem ersten Kind 80 Prozent gearbeitet, aber sie fühlte sich nicht wohl: «Ich hatte immer das Gefühl, ich müsste mich auf der Arbeit entschuldigen, dass ich einen Tag nicht da war. Bei uns läuft das Business immer weiter, ich war ständig am Aufdatieren. Sonst im Kader der Bank arbeitet auch niemand Teilzeit.»

Für ihn, den Informatiker, war die Karriere weniger wichtig. Seit sieben Jahren betreut er die Kinder, heute 2, 5 und 7 Jahre alt. Und er sagt: «Ich musste mich schon umorientieren. Es gibt Tage, an denen erreichst du nichts, da ist um zwei Uhr am Nachmittag der Geschirrspüler noch nicht ausgeräumt, und wir alle sind noch im Pyjama.» Seine Kollegen arbeiten meist Vollzeit. Da sei man «scho chli alleine», sagt er. Es ärgert ihn, wenn Fremde sagen: «Ah, haben Sie heute Papi-Tag.» Dann sagt er: «Jeder Tag ist Papi-Tag» und fragt sich, warum Mütter das nicht gefragt werden. Wenn auf dem Spielplatz lauter Mütter auf einer Bank sitzen und übers Stillen reden, wünscht er sich Geschlechtsgenossen herbei.

Sie Postangestellte 80% – Er Hausmann (40% Kommunikationsberater), Bern

«Ich würde auf dem Spielplatz gerne mal mit ein paar Typen über Fussball reden», sagt auch Melchior Bendel, der, wenn das Kind in der Kita ist, 40 Prozent für eine Kommunikationsagentur arbeitet. Seine Frau hat eine 80- Prozent-Stelle bei der Post. «Wir arbeiten so viel, dass es finanziell reicht», sagt er. Einfach im umgekehrten Modell. Er hört aus dem Umfeld oft Bewunderung – sie wird gefragt, ob 80 Prozent nicht «chli viel» seien. Bendel sagt, die Männer antworteten oft, sie würden auch sehr gerne reduzieren, «dabei haben sie im Büro noch nicht mal gefragt».

Er findet die Rollenverteilung super und dass er sein Kind, zweieinhalb Jahre alt, wachsen sieht. «Es gibt diese Momente, wo es zum ersten Mal etwas macht und ich bin dabei. Das ist cool, das kann man nicht nachholen», sagt Bendel. Seine Frau relativiert: «Es gibt auch ein zweites Mal. Da reut es mich nicht, dass ich beim ersten Mal nicht dabei bin.» Und ausserdem habe das Kind auch etwas davon, wenn es eine glückliche Mutter habe. Nur zwei Tage lang kam es ihr nach dem Mutterschaftsurlaub komisch vor, von zu Hause weg zu sein.

Und der Vater? Ist der genauso glücklich? «Ich verstehe jeden Mann, der nicht Hausmann sein will», sagt er. «Der Job ist bedingt befriedigend. Mein Lebensinhalt sind Kind und Haushalt. Mein Tages-Highlight ist vielleicht die Pampers-Aktion in der Migros. Meine Frau erzählt spannende Geschichten aus dem Kader. Mir fehlt die Bestätigung von aussen. Und Erwachsenengespräche.» Auch der Mann der Abteilungsleiterin bei der Bank sagt: «Abends ist man müde, aber geistig völlig unterfordert.»

Aber diese Zeit mit einem Kind gehe so schnell vorüber, sagen die Männer einhellig. Die Frauen hätten das schon lange verstanden. Die Männer merken es meist zu spät. «Von den älteren Vätern werde ich oft beneidet, dass ich bei meinem Kind live dabei bin», sagt Melchior Bendel. Sowieso habe er es als männlicher Elternteil manchmal einfacher: «Ich kann dem Kind ohne weiteres ein Kägifret geben. Als Mutter müsste ich ein geschältes Rüebli auspacken. Ich werde auch nicht schräg angeschaut, wenn ich das Kind falsch angezogen habe – ich bin halt ein Mann, da spielt die soziale Kontrolle der Mütter weniger.»

Die Männer sagen alle, ihre Rolle sei vorübergehend, später würden sie wohl wieder mehr arbeiten. Jene, die jetzt schon zu einem kleinen Teil bezahlter Arbeit nachgehen, sind froh drum. Sie sagen, diese Stunden oder einzelnen Tage seien wichtig. Auch wenn Melchior Bendel über sich selbst spöttelt: «Ich arbeite 40 Prozent, so wie manche Mütter noch bloggen nebenbei.» Der Schwamendinger Informatiker arbeitet für einen Online-Weinhandel und sieht es als wichtiges Standbein, damit er beruflich up to date bleibe.

Sie 100% Controllerin – Er Hausmann (früher Lagerist), Emmenbrücke

Die Buchers aus Emmenbrücke haben drei Kinder im Alter von zwei bis sieben Jahren. Der Vater, der selbst einen häuslichen Vater als Vorbild hatte, bäckt Zitronenkuchen, wenn ein Kind Geburtstag hat. «Oder jetzt dann wieder Lebkuchen», sagt Sandro Bucher. Wenn seine Frau Olivia gefragt wird, welche Schuhgrösse ein Kind hat, antwortet sie: «Das weiss ich doch nicht, das ist nicht mein Business.» Auch wenn die Kinder nach Papi rufen, wenn sie zum Beispiel auf Klo müssten, verletze sie das nicht. «Nur wenn eins weinte und ich könnte es nicht beruhigen. Dann schon.» Olivia Bucher arbeitet als Controllerin.

Die Leute fragen oft: «Teilzeit?» und sind überrascht, wenn sie antwortet, «nein Vollzeit». Und kritisch, wenn sie auch noch erwähnt, bald noch eine Weiterbildung machen zu wollen. «Wenn ich ein Mann wäre, würde keiner fragen, ob das nicht zu viel ist neben der Familie», sagt sie. «Und keiner würde mich fragen, ob ich nicht heim zu den Kindern wolle, wenn eine Sitzung länger dauert.» Das ärgert sie. Die Unterstellung, dass sie als Mutter weniger flexibel sei. «Das bin ich eben gerade, weil mein Mann 100 Prozent zu Hause ist und die Kinder nicht in der Kita. Mein Mann geht an die Elterninfo und er kocht.»

Für sie war es klar, dass sie trotz Kindern arbeiten wollte. Und doch habe sie bei jedem Kind nach dem Mutterschaftsurlaub Mühe gehabt, wieder einzusteigen. «Aber ich habe in meine Karriere investiert, ich wollte ein Revenue», sagt sie. Sie findet, ihr Job sei der einfachere. Wirklich? Kommt die Frau erschöpft heim, wollen trotzdem alle etwas von ihr. Die Privatbankerin aus Schwamendingen sagt: «Mein Mann schaut mich dann mit dem Blick an: Kannst du mal? Und ich denke: Ich habe doch auch einen Tag lang gearbeitet.» Solche Diskussionen finden heutzutage aber statt, egal ob die Frau oder der Mann Haupternährer ist. Zumindest das hat sich geändert: Keiner kommt mehr heim und lagert die Füsse hoch.

Sie Lehrerin 100% – Er Hausmann (früher Metalldrücker), Wettingen

Wenn Cédric Crettenand manchmal seine Frau darauf hinweist, dass er das ganze Haus geputzt habe, antwortet sie: «Ich mach im Fall auch was!» Aber in die Haare kriegen sich die beiden deswegen nur, wenn beide voll am Anschlag seien, sagt Sheila Crettenand, Vollzeit-Oberstufenlehrerin aus Wettingen. Sie findet, ihr Mann mache es wahrscheinlich besser als sie mit den Kindern. «Ich muss mir wirklich keine Sorgen machen, wenn ich weg bin.» Ein Jahr lang blieb sie nach dem ersten der beiden Kinder zu Hause. Dann kam die Krise in der Metallindustrie mit Kurzarbeit und Lohnkürzungen. Und sie bekam von der Schule das Angebot, ihre alte Klasse wieder zu übernehmen.

Da haben sie die Rollen getauscht. «Nicht nur wegen des Finanziellen, der Lehrerjob ist wirklich meine Berufung», sagt Sheila Crettenand. Früher habe sie sich die Rollenaufteilung auch traditionell vorgestellt, halt so, wie sie es vorgelebt bekommen hatte. Drei Jahre lang hatte sie oft ein schlechtes Gewissen. Erst nach dem Mutterschaftsurlaub mit dem zweiten Kind spürte sie, wie froh sie war, wieder arbeiten gehen zu können. Heute sind die Rabenmutter-Gedanken weg. «Zum Glück ist Cédric keiner, der einen Minderwertigkeitskomplex bekommt, nur weil er die Kohle nicht heimbringt», sagt sie.

Cédric Crettenand ärgert es aber wie die anderen Männer, wenn er gefragt wird: «Was arbeitest du sonst noch?» Oder: «Wann beginnst du wieder zu arbeiten?» «Ich bin doch am Arbeiten!», sagt er dann. Er finde es «den Hammer», zu erleben, wie die Kinder gross werden. Morgen raus, abends rein, das finde er nicht besser.

«Aber es gibt Tage, an denen es mir extrem stinkt. Mein Job und das Private sind verschmolzen, die Bestätigung fehlt. Das ist manchmal ein Problem.» Er glaubt, dass die meisten Männer den Hausmannjob nicht packen würden. «Man muss diszipliniert sein, sich den Tag selber einteilen, aufstehen und machen.

Eigeninitiative ist gefragt.»Die ersten eineinhalb Jahre habe er Mühe gehabt – bis Struktur in seinem neuen Job drin war. «Ich investiere viel, aber es kommt auch viel zurück von den Kindern», sagt er. Sechs und acht Jahre alt sind sie jetzt und finden es komisch, dass andere Papis arbeiten gehen. «Ist dann bei dir niemand zu Hause?», fragen sie ihre Freunde.

Übrigens: Keine der vier Frauen hat sich bewusst einen Mann gesucht, der zu Hause die Stellung hält, damit sie arbeiten gehen können. «Ich war 28, als wir uns kennen lernten», sagt Susanne Hess, die Post-Angestellte aus Bern, «ich suchte nicht den Vater meiner Kinder. Wenn er voll arbeiten hätte wollen, hätten wir vielleicht einfach kein Kind gezeugt.» Die Lehrerin und die Bankerin könnten sich auch vorstellen, dass beide Partner Teilzeit arbeiten. Die Controllerin sagt: «Meinen Job gibts nicht in Teilzeit.»

Und was ist mit der Sexyness? Finden die Frauen ihre Hausmänner attraktiv? Susanne Hess lacht schallend ob der klischeehaften Frage: «Ich finde Melch en hueregeile Siech», sagt sie in breitem Luzerner Dialekt. «Ich habe grossen Respekt vor ihm, dass er es als Mann nicht braucht, den Klotz heimzubringen. Es gibt nicht viele, die so sind.» Dass er nicht dem Klischee entspricht, findet sie gerade attraktiv. Auch die Lehrerin Sheila Crettenand lacht und sagt: «Cédric hat nichts an Männlichkeit eingebüsst.»