Interview

«Kein Held, nur ein Wissenschafter»: Der Schweizer Chemie-Nobelpreisträger Jaques Dubochet 

Der 1941 geborene Waadtländer Jacques Dubochet ist der 28. Schweizer, der einen Nobelpreis erhalten hat. Diese Woche war der Molekularbiologe, Umweltaktivist und ehemalige Legastheniker an der Kantonsschule Trogen zu Besuch, wo er einst Schüler war.

Interview: Bruno Knellwolf
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Nobelpreis-Träger Jacques Dubochet vor der Kantonsschule Trogen, wo er einst lernte. (Bild: Benjamin Manser)

Nobelpreis-Träger Jacques Dubochet vor der Kantonsschule Trogen, wo er einst lernte. (Bild: Benjamin Manser)

Vor 60 Jahren war Nobelpreisträger Jacques Dubochet während beinahe zwei Jahren Kantonsschüler in Trogen. Angekommen als Legastheniker und schwacher Schüler, erlebte er dort eine erste Lebenswende wie er offen und fröhlich erzählt. Nun ist er zum ersten Mal wieder Gast am Ausserrhoder Gymnasium. Einen Tag lang besucht der weltoffene Molekularbiologe und politisch engagierte Umweltaktivist die Kanti-Schüler, steht Red und Antwort und freut sich als Mitglied der «grand parents pour le climat» über deren Aktivitäten für den Klimaschutz.

In Ihrem Lebenslauf auf der Webseite Ihrer Universität Lausanne steht am Schluss: «4. Oktober 2017, Ouch! A Nobel Prize». Ouch?

Jacques Dubochet: An diesem Morgen klingelte das Telefon, meine Frau hielt es in der Hand. Und sie sagte mit düsterer Miene: Es ist Stockholm. Wir wussten, dass der Gewinn möglich war, aber es war natürlich geheim und nicht sicher. Am Tag vorher sagt ich zu meiner Familie: Morgen wird der Chemiepreis verliehen, meine Chance liegt bei 10 Prozent. Eigentlich dachte ich sogar 20 Prozent.

Wie hat sich Ihr Leben seit dem Gewinn des Nobelpreises verändert?

Sehr. Die ganze Gesellschaft springt drauf, das ist unglaublich. Hunderte von Leuten wollen plötzlich ein Selfie mit dir machen. Dabei bin ich doch kein Held, sondern ein Wissenschafter – wenn auch politisch aktiv. Es ist erstaunlich, was alles passiert. Es ist eine grosse Anerkennung. Ich könnte jeden Tag 1,5 Mal einen Vortrag halten oder ein Interview geben. Dafür habe ich natürlich keine Zeit. Zu 80 Prozent sage ich nein. Ich habe Hilfe von der Universität Lausanne, die organisiert das für mich. Aber wenn mich eine Gymnasiumsklasse aus Morges treffen will, sage ich nicht nein. Auch hier an der Kantonsschule Trogen zu sein, ist ein Geschenk.

Die Jugend liegt Ihnen am Herzen. Warum?

Die Welt hat ein Problem. Wir erleben eine Klimakrise, die Zukunft muss anders werden. Viele Leute denken, man kann nichts dagegen tun. Das kann man nicht akzeptieren. Wir können uns retten, es wäre technisch möglich, aber der Mensch muss sich ändern. Das fängt bei der Jugend an. Deshalb sage ich ihr: Wenn drei Prozent der Menschen sich für etwas mit Vehemenz einsetzen, erreichen diese eine Wende.

Inwiefern?

Schauen Sie was die Amerikaner 1941 gemacht haben während des Zweiten Weltkriegs. Sie haben sich erst zurückgehalten, die Engländer unterstützt, mehr nicht. Doch dann kam der japanische Angriff auf Pearl Harbour. Von einem Tag auf den anderen war alles anders. Die Amerikaner sagten sich, wir werden diesen Krieg gewinnen. Die ganze Industrie und Politik wurde umgestellt. So etwas wäre auch für das Klima möglich. Die Sonnenenergie ist billig, schnell und einfach. Man könnte in zehn Jahren davon die Energie schöpfen. Das würde 1,5 Prozent des Bruttosozialprodukts kosten. Für das Militär gibt man vielmehr aus. Überzeugen muss man die Jungen. Wenn die Tochter des Migros-Chefs dem Vater auf die Finger klopft, dann nützt das.

Was wird heute mit ihrer Nobelpreis-gewürdigten Entwicklung des Kryo-Elektronenmikroskopie gemacht?

Strukturen von grossen Biomolekülen waren zuvor sehr schwierig zu erkennen. Man konnte diese Moleküle nicht in ihren verschiedenen Zuständen zeigen. Dank der Kyro-Elektronenmikroskopie geht das nun sehr genau, sehr schnell und relativ einfach. Ein Molekül besteht aus Hunderttausenden Atomen, die wechselwirken. Das Verfahren eröffnet Chemikern und Biochemikern viele Möglichkeiten für die Chemie, die Biologie und die Medizin. Um zum Beispiel zu verstehen, wie die Umformungen im Gehirn bei Alzheimer und Parkinson funktionieren. Unsere Methode zeigt nicht, wie man das korrigieren kann. Aber wir erlauben einen Einblick auf molekularer Ebene. Man wird dank unserer Methode zigtausend Moleküle isolieren und deren Struktur entdecken. Die Frage ist dann immer, was der Mensch aus einer technischen Entdeckung macht.

In ihrem Fall neue Medikamente?

Und zwar für alle. Die beste individuelle auf den Patienten zugeschnittene Immuntherapie kostet heute zwei Millionen Franken. Das geht nicht. Deshalb habe ich in Stockholm bei der Nobelpreis-Verleihung gesagt: Wissen muss öffentlich sein. Medizinische Erkenntnisse sollten der Weltgesundheitsorganisation gehören, die diese für alle einsetzt.

Was halten sie von der Entwicklung der Gen-Schere Crispr/Cas9, mit dem ein chinesischer Wissenschafter ins Erbgut von Zwillingen eingegriffen hat?

Die Methode ist nicht das Problem, sondern was man daraus macht. Deshalb macht die Gen-Schere Crispr/Cas9 Sorgen. An der Universität Lausanne haben wir das Fach «Wissenschaft und Gesellschaft» eingeführt. Das Ziel ist, dass unsere Studenten so gute Biologen wie Zivilisten sind. Was China betrifft: Nach dem Nobelpreis habe ich zehn Angebote aus China erhalten, die habe ich alle abgelehnt. Eines Tages kam aber ein Angebot der Universität Shenzhen, woher dieser Wissenschafter stammt. Sie wollten ein «Jacques-Dubochet-Nobel-Institut» gründen mit neuen Forschungsmethoden. Unterricht interessiert mich, habe ich gesagt, aber nur mit einem Ethik-Programm. Die Direktion war zuerst begeistert, aber das wurde dann viel zu kompliziert und versandete schliesslich.

Nimmt China die Ethik nicht ernst?

Die Regierung unternimmt schon seriöse Anstrengungen. Sehr oft kopieren chinesische Wissenschafter. Die Regierung hat strikte Massnahmen getroffen, um das zu stoppen. Aber es ist zwiespältig. China sammelt weltweit am meisten DNA-Analysen seiner Bevölkerung. Vor allem für Menschen unterdrückter Völker in diesem Land ist das sehr problematisch.

Was haben sie mit dem Nobelpreis gemacht, den sie zu dritt gewonnen haben?

Das waren 360000 Franken steuerlos. Ich werde Ihnen nicht sagen, was ich damit gemacht habe. Ein Drittel ist weg.

Geben Sie Asyl-Bewerbern immer noch Mathematik-Unterricht?

Nein, leider habe ich keine Zeit mehr, aber ich treffe diese Leute immer noch.

Wie haben Sie ihre Zeit an der Kantonsschule in Trogen in Erinnerung?

Es war eine Wendezeit für mich. Ich war ein verlorenes Kind, dem es nicht gut ging, ein schlechter Schüler, Legastheniker. Meine Eltern sagten, jetzt’s reicht und schickten mich hierher. Mein Erwachsenenleben hat hier begonnen. Ich wurde hier ins Leben geworfen. Die Umgebung war freundlich und gut für mich.

Chemie-Nobelpreis

Der 1941 geborene Waadtländer Jacques Dubochet hat im Oktober 2017 zusammen mit Joachim Frank und Richard Henderson den Chemienobelpreis erhalten. Die drei haben die Kyro-Elektronenmikroskopie entwickelt, die eine scharfe Abbildung von Biomolekülen ermöglicht. Diese sind essenziell für die Vorgänge in lebenden Organismen. Proteine, Nukleinsäuren oder Hormone vermitteln Signale oder steuern den Stoffwechsel. Dank Dubochets Methode konnte zum Beispiel die Struktur des gefährlichen Zikavirus schnell bestimmt werden, der epidemisch in Brasilien aufgetreten ist. So konnten schnell Angriffspunkte für Therapeutika gefunden werden. (Kn.)