Introvertiert? Na und!

Zu leise, zu schüchtern, zu wenig sichtbar – Schule und Gesellschaft wollen in sich gekehrte Kinder ändern. Das ist Blödsinn.

Veronica Bonilla Gurzeler
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Kinder mit nach innen gerichtetem Temperament leiden oft unter verständnislosen Reaktionen des Umfelds. (Bild: Getty)

Kinder mit nach innen gerichtetem Temperament leiden oft unter verständnislosen Reaktionen des Umfelds. (Bild: Getty)

«Annouk* ist sehr gewissenhaft», lobte die Kindergärtnerin im Elterngespräch. Sie könne sich erstaunlich lange in die gestellten Aufgaben vertiefen, halte sich an die Regeln und spiele rücksichtsvoll mit ihren Gspänli. Bloss: «In einer grösseren Gruppe hat sie ein Problem. Sie streckt nie auf, macht kaum mit. Es wäre gut, wenn sie sich mehr melden würde.»

Schon sehr früh zeigten Annouk und ihr jüngerer Bruder Lars eine Vorliebe für ruhige Tätigkeiten. Liebten es zu malen, zu zeichnen, stundenlang Puzzles zu machen. «In einer grösseren Gruppe ist beiden oft sichtbar unwohl», sagt Jasmin, die Mutter der beiden. «Gibt es in den Ferien oder in einem Hotel ein Kinderprogramm, wollen sie sich der Kindergruppe fast nie anschliessen.»

Jasmin weiss: Ihre Kinder sind introvertiert. Genau wie sie selber auch. Introvertierte Menschen neigen in Gruppen oder in grösseren Menschenansammlungen eher zum Beobachten als zum Handeln. Sie ziehen Gespräche zu zweit dem Bad in der Menge vor. Nach einer gewissen Zeit unter Leuten fühlen sie sich erschöpft und haben das Bedürfnis nach Rückzug und einer ruhigen Umgebung.

Extravertierten wird mehr Erfolg zugetraut

Die Begriffe Introversion und Extraversion waren ursprünglich wertfrei. Heute scheint sich aber die Überzeugung durchzusetzen, dass erfolgreicher durchs Leben kommt und glücklicher ist, wer sich extravertiert verhält. Wer sich gut verkaufen kann, kontaktfreudig, schlagfertig und gesellig ist.

Das setze die Zurückhaltenden und Ruhigen unter Druck, vor allem im Kindesalter, sagt Susanne Schild, eine Personalfachfrau und Mutter, die sich die Sensibilisierung für Introversion zur Aufgabe gemacht hat. Introvertierte Kinder bekommen das Gefühl, dass etwas nicht stimmt mit ihnen, dass sie anders sein sollten.

Introvertierte Menschen leiden nicht in erster Linie unter ihrem stillen Temperament, sondern vielmehr unter den verständnislosen, bisweilen verletzenden Reaktionen des Umfelds. Als kleines Mädchen gab Lili fremden Menschen nicht gerne die Hand, beobachtete lieber als zu reden oder versuchte, sich hinter ihrer zwei Jahre älteren Schwester zu verstecken.

«Lili hat halt Hemmungen», gab die Schwester altklug zum Besten; die Lacher der Erwachsenen trieben Lili die Schamröte ins Gesicht. Später, in der Schule, erhielt das Mädchen gute Noten und die Lehrerin rühmte ihr folgsames Verhalten. Im Schulbericht wurde Lilis ruhige, bisweilen schüchterne Art aber negativ bewertet. Lili mied das Reden vor der Klasse, vor allem weil sie immer knallrot anlief. Und lernte, dass nicht nur mit den zu lauten Schülerinnen und Schülern etwas falsch war, sondern auch mit den zu leisen.

Während Introversion und Extraversion Veranlagungen sind, die sich nicht ablegen lassen, weisen Entwicklungspsychologen heute darauf hin, dass Schüchternheit eine erlernte Eigenschaft ist, die auf negativen Erfahrungen basiert und alle betreffen kann: Die Kinder haben Angst vor dem abfälligen Urteil anderer und sind deshalb in sozialen Situationen gehemmt.

Extravertierte und introvertierte Kinder können schüchtern werden, etwa wenn man sie zu etwas drängt, das ihnen nicht entspricht oder weil man ihnen nicht die Zeit lässt, die sie brauchen, um sich an neue Situationen zu gewöhnen.

Lili hätte sich als Kind gewünscht, in ihrem Wesen gesehen und akzeptiert zu werden, wie sie ist. Wie schwierig das sein kann, wurde ihr klar, als sie feststellte, dass ihr erstes Kind ein ebenso zurückhaltender Beobachter war, wie sie es gewesen sein musste. Ihr Sohn brauchte deutlich länger als sein gleichaltriger Freund, bis er sich im Gemeinschaftszentrum traute, alleine die Spielecke zu entdecken.

Unbewusst entwickelte Lili eine subtile Ablehnung gegen ihn, die ihre Beziehung während Jahren belastete. Die Blockade löste sich erst, als ihr bewusst wurde, dass sie im Prinzip mit sich selbst und ihren eigenen Erfahrungen haderte.

Erholungszeit einplanen hilft Eltern und Kindern

Viele Eltern werden auch von Schuldgefühlen geplagt, wenn sie merken, dass ihr Kind die gleichen Schwierigkeiten hat wie sie. Laut Psychologin Brigitte Stirnemann ist es hilfreich, anzunehmen, dass Introversion ein Stück weit genetisch verursacht sei: «Das hilft, das Kind anzunehmen, wie es ist.» Ausserdem seien diese Eltern Spezialisten auf dem Gebiet.

Sie wissen aus eigener Erfahrung, was einem introvertierten Kind guttut. Das ist auch bei Jasmin so: «Ich musste lernen, meine Arbeit und meine Freizeit so zu gestalten, dass ich genügend Ruhe habe und Zeit alleine verbringe, damit es mir gut geht. Das versuche ich den Kindern mitzugeben.»

Kommen die beiden von Schule und Kindergarten heim, sind sie froh, wenn sie sich zuerst eine Weile alleine beschäftigen können und nicht gleich weiter müssen zum nächsten Termin, auf den Spielplatz oder in den Flötenunterricht. Manchmal wartet Jasmin sogar mit dem Mittagessen, um den Kindern genügend Erholungszeit zu gönnen. «Kommen sie dann an den Tisch, ist die Wahrscheinlichkeit grösser, dass es weder Streit noch Drama gibt.»

Trotzdem fragt sie sich immer wieder mal, wie gut es ihnen geht. Beide Kinder erzählen zu Hause wenig, schon gar nicht, was sie bedrückt. «Ich mache mir Sorgen, dass ich nicht mitkriege, wenn sie Hilfe brauchen», sagt Jasmin.

Ruhige Menschen sind oft empathische Zuhörer

Brigitte Stirnemann empfiehlt Eltern stiller Kinder, Problembereiche anzusprechen, jedoch in einem Gesprächsstil, der nicht konfrontativ ist. Sie können fragen: Wie war das für dich? Warst du sehr traurig? Oder: Ich kann mir vorstellen, dass dich das sehr wütend macht.

Mittlerweile gibt es Bücher und Blogs über das Selbstverständnis der Introversion. Die bekannteste Fürsprecherin für Introvertierte ist die amerikanische Anwältin Susan Cain, deren Ted-Talk dazu von einem Millionenpublikum geschaut wurde. Ja, ruhige Kinder und Erwachsene sind nicht nur genaue Beobachter, sondern oft auch empathische Zuhörer und Ratgeber.

Sie sind vertrauenswürdig, haben eine differenzierte Selbstwahrnehmung und orientieren sich mehr an immateriellen Werten als an Statussymbolen. Susan Cain wünscht sich deshalb: «Die nächste Generation der ruhigen Kinder soll und wird mit dem Wissen um ihre Stärken aufwachsen.»

*Alle Namen von Betroffenen und Angehörigen geändert.

Dies ist ein gekürzter Beitrag aus "Wir Eltern". Die aktuelle Ausgabe mit dem vollständigen Artikel ist am Kiosk erhältlich.