Insulin
Plötzlich kein Todesurteil mehr: Wie die Wissenschaft vor 100 Jahren Diabetes besiegte

Vor hundert Jahren, im Frühling 1921, begannen Frederick Banting und Charles Best die Experimente an Hunden, die zu der Fabrikation von medizinisch verwertbarem Insulin führten. Die Zuckerkrankheit hatte ihren Schrecken verloren.

Christoph Bopp
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Charles Best (links) und Frederick Banting (rechts) mit einem künstlich diabetisch gemachten Hund, den sie mit dem Insulin, das sie einem anderen Hund entnommen hatten, behandelt hatten. Von Eli Lilly & Company hergestelltes Insulin (Insulin Lilly), wie es 1923 in den USA verkauft wurde.

Charles Best (links) und Frederick Banting (rechts) mit einem künstlich diabetisch gemachten Hund, den sie mit dem Insulin, das sie einem anderen Hund entnommen hatten, behandelt hatten. Von Eli Lilly & Company hergestelltes Insulin (Insulin Lilly), wie es 1923 in den USA verkauft wurde.

Bild: Getty Images (Toronto, 1921)

Insulin war eine grosse Sache. Damals wie heute immer noch. Vor 100 Jahren, im Mai 1921, begannen die ersten Experimente. 1923 folgte schon der ­Nobelpreis. Er wurde vergeben an Frederick Banting (1841–1941), einen bis anhin recht erfolglosen kanadischen Arzt, und John James Rickard Macleod (1876–1935), Professor für Physiologie an der Universität von Toronto, Kanada.

Sie erhielten den Preis, weil es Banting und seinem Assistenten, dem Medizinstudenten Charles Best, und noch ein paar anderen gelungen war, einen an schwerem Diabetes leidenden Patienten über längere Zeit am Leben zu erhalten. Der damals 13-jährige Leonard Thomp­son wies nach nur ein paar Tagen Behandlung mit Rinderinsulin fast wieder normale Blutwerte auf und starb erst 14 Jahre später an einer Lungenentzündung, nicht am Diabetes.

Die Nobelpreisverleihung illustriert schon, dass die Geschichte keinesfalls einfach war. Von einer «Ent­deckung des Insulins» konnte keine Rede sein; dass das der Stoff war, der Diabetes heilen konnte, war schon längere Zeit bekannt. Und warum bekam der schottisch-stämmige Professor Macleod die Hälfte des Preisgelds? Weil er den Sommer 1921 über Banting und Best ein Labor und ein paar Hunde überlassen hatte?

Offenbar war es den Preisträgern auch nicht recht wohl bei der Sache. Banting besonders. Er teilte sofort seine Hälfte des Preisgeldes mit Best und fast gleichzeitig heftig gegen Macleod aus. Und der gab unmittelbar die Hälfte seines Preisgeldes an den Biochemiker James Collip (1892–1965) weiter.

Insulin ist auch heute noch eine der wichtigsten Waffen der Medizin.

Insulin ist auch heute noch eine der wichtigsten Waffen der Medizin.

Gif: Wikimedia/Ayacop

«Entdeckt» war Insulin eigentlich schon lange

Was war geschehen? Die Geschichte ist noch weit verwickelter. Der rumänische Physiologe Nicolae Paulescu hatte bereits 1916 einen Hund mit einem Bauchspeicheldrüsenextrakt behandelt, das er Pancrein nannte. Und er hatte im Frühling/Sommer 1921 seine Ergebnisse veröffentlicht. Wenn jemand den Titel «Entdecker des Insulins» tragen darf, dann er. Allerdings ist der Titel selbst nicht unumstritten, denn «entdecken» oder «finden» musste man eigentlich nichts mehr. Es ging eher drum – um im Bild zu bleiben–, es richtig aufzulesen.

Diabetes oder Zuckerkrankheit ist eine Stoffwechselstörung. Das Hormon Insulin bringt die Zellen dazu, Kohlenhydrate aus der Nahrung aus dem Blut aufzunehmen. Ohne Insulin steigt der Blutzuckerspiegel, und das schädigt den Körper. Bis ins 20. Jahrhundert war Diabetes mellitus eine Krankheit, an der man früher oder später starb. Die Ärzte waren hilflos.

Als Therapie gab es nur extreme Formen von Diäten. Dafür war der amerikanische Arzt Frederick Allen (1879–1964) bekannt. Er setzte seine Patienten auf extreme Hungerdiäten mit 1000 Kalorien am Tag oder noch weniger (und einem Tag Fasten in der Woche). Immerhin blieben sie so vorläufig am Leben.

Eine schlaflose Nacht und die Geburt einer Idee

Frederick Banting war ein Bauernsohn, der Medizin studiert hatte, aber 1917 praktisch mitten aus dem Studium nach Europa an die Front geschickt wurde. In Cambrai erhielt er einen Splitter in den Arm, operierte aber ungerührt weiter und versorgte Verwundete. Eine gewisse Sturheit zeigte sich da schon.

Frederick BantingArzt und Physiologe

Frederick Banting
Arzt und Physiologe

Bild: Arthur Goss / Library of Congress

Nach seiner Rückkehr versuchte er erfolglos, als praktizierender Arzt Fuss zu fassen. Um sich etwas dazuzuverdienen, half er einem Kollegen bei der Ausbildung von jungen Medizinern. Am Sonntagabend, 31. Oktober 1920, werkelte er an einer Vorlesung über den Kohlehydrate-Stoffwechsel. Er hatte wenig Ahnung vom Thema. Dann las er in einem Journal einen Artikel eines gewissen Moses Barron. Der berichtete über den seltenen Fall eines Steins der Bauchspeicheldrüse. Der Stein war so gross, dass er den Ausfluss der Bauchspeicheldrüse völlig verstopft hatte, was das Organ verkümmern liess.

Banting war elektrisiert. Er wusste jetzt – und die Forschung schon länger–, dass in der Bauchspeicheldrüse zwei Sorten von Zellen waren. Die «normalen», welche Verdauungssekrete produzierten, und die geheimnisvollen «Langerhans’schen Inseln», von denen man vermutete, dass sie das diabetesverhindernde Hormon bildeten. Bisher war es nicht gelungen, diesen Stoff zu isolieren. Mit Pancreas-Extrakten hatte man schon oft experimentiert, auch an Menschen, aber ohne grossen Erfolg. Schwere Nebenwirkungen bei wahrnehmbarer Senkung des Blut­zuckerspiegels deuteten darauf hin, dass die Substanz verunreinigt war.

Warum nicht den Pancreas-Ausgang abbinden, abwarten und aus dem Pancreas-Rest die Substanz gewinnen? Das war Bantings Idee. Und damit marschierte er zu Macleod. Der fuhr nicht gerade darauf ab. Derartiges hatte man schon oft erfolglos versucht, aber er lenkte schliesslich ein.

Sie starben, damit kranke Menschen überlebten

Banting und Best operierten Hunde. Bei den einen unterbanden sie den Pancreas-Ausgang und warteten, bis nur noch die Langerhans’schen Inseln arbeiteten. Bei anderen entfernten sie die Bauchspeicheldrüse ganz, um sie zu Diabetikern zu machen. Man muss sagen, dass der Chirurg Banting seit Cambrai 1918 nicht viel besser geworden war. Die Hunde litten und starben.

Aber am Samstag 30. Juli 1921 – Macleod war mittlerweile in den Ferien in Schottland – entfernten Banting und Best «Hund 391» die verkümmerte Bauchspeicheldrüse, extrahierten sie und spritzten die Lösung dem künstlich diabetisch gemachten «Dog 410». Seine Blutwerte wurden fast augenblicklich besser. Ohne den Biochemiker ­Collip und die Expertise von Macleod wäre allerdings nie etwas daraus geworden. Banting hatte keine Ahnung von Biochemie oder Blutzucker-Tests und Best auch nicht viel mehr. Aber das Team war schnell, und bis zum medizinisch verwertbaren Insulin war es dann nicht mehr weit.

Von Eli Lilly & Company hergestelltes Insulin (Insulin Lilly), wie es 1923 in den USA verkauft wurde.

Von Eli Lilly & Company hergestelltes Insulin (Insulin Lilly), wie es 1923 in den USA verkauft wurde.

Bild: Getty Images

Macleod ging verärgert zurück nach Schottland, von Collip hörte man erstaunlich wenig in Sachen Insulin, von Best dafür umso mehr. Beide hatten eine lange erfolgreiche Karriere in der wissenschaftlichen Forschung. Banting stürzte am 20. Februar 1941 auf dem Weg nach England in einem Hudson-Bomber ab. Ein mysteriöser Tod.

Michael Bliss: The Discovery of Insulin. 1982; Jubiläumsausgabe 2007; Toronto University Press London.

Michael Bliss: The Discovery of Insulin. 1982; Jubiläumsausgabe 2007; Toronto University Press London.

zvg