Inspiriert vom Tanz der Schwester

Letzten Herbst tanzte John Travolta als übergewichtige Supermutter in «Hairspray» auf der Kinoleinwand. Der Choreograph Dennis Calla- han macht diesem Musical nun für St. Gallen Beine. Er verspricht eine andere, eigenständige Inszenierung.

Andreas Stock
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«Ich bin ein Theatermensch»: Choreograph Dennis Callahan. (Bild: Reto Martin)

«Ich bin ein Theatermensch»: Choreograph Dennis Callahan. (Bild: Reto Martin)

Schrille Turmfrisuren, knallbunte Kleider und beschwingte Musik – alles schön getrennt nach Weiss und Schwarz, und doch ein Beitrag zur Aufweichung der Rassendiskriminierung: Das sind die Zutaten von «Hairspray». Sie sind, mit der Verortung im Baltimore der 1960er-Jahre, dem munteren Anti-Diskriminierungs-Stück trotz seiner Metamorphosen erhalten geblieben.

Der amerikanische Trashfilmer John Waters hatte «Hairspray» geschrieben und mit Drag-Queen Divine in der Rolle der übergewichtigen Hausfrau und Mutter Edna 1988 inszeniert – und einen Kultfilm geschaffen. Am Broadway wurde daraus ein Bühnenmusical, das 2002 seine erfolgreiche Premiere feierte und auch in London die Bühne eroberte. Vergangenes Jahr folgte die Rückkehr ins Kino: In einer bonbonfarbenen Hochglanz-Inszenierung und mit John Travolta in der Rolle von Edna hatte die einst subversive Travestie allerdings ihre letzten Trash-Borsten verloren.

Keine Angst vor Trash

Das Theater St. Gallen präsentiert morgen die (bereits ausverkaufte) deutschsprachige Erstaufführung des Musicals. Choreograph Dennis Callahan verspricht ein «Hairspray», das «nichts damit zu tun hat, was die Leute bisher sehen konnten». Der New Yorker liebt den Waters-Film und kennt die Broadway-Inszenierung, doch als Referenz diente ihm keiner der Vorgänger, sondern seine Schwester: «Sie ist jetzt 62jährig, aber in den 60er-Jahren habe ich gesehen, wie sie vor dem Spiegel Twist tanzt. Das hat sich mir eingeprägt.» Die Travestie Travoltas war dem Choreographen im übrigen zu brav. Ralph Morgenstern, der Edna in St. Gallen spielt, gebe der Rolle etwas von ihrer subversiven Note zurück: «Er macht das toll, da er keine Angst vor dem Trash hat.»

Zusammenarbeit mit Polanski

Als Choreograph gefällt Callahan «Hairspray», weil er unterschiedliche Tanzstile einbinden kann: «Die Weissen tanzen anders als die Schwarzen, und es ist reizvoll, diesen Kontrast zu zeigen.» Die 60er-Jahre geben zwar die Vorlage, doch Choreographie und Kostüme nehmen sich Freiheiten. «Wichtig ist nur, dass man der Musik treu bleibt», sagt Callahan, der an der Radio City Music Hall in New York sowie in Hamburg, Berlin, Budapest, Warschau und Wien bei Musicals wie «Elisabeth», «Grease» und «Tanz der Vampire» beteiligt war. Die «Vampire» entstanden mit Regisseur Roman Polanski, auf dessen Film das Musical beruht. Am Anfang sei die Zusammenarbeit «etwas seltsam» gewesen, weil Polanski zuvor kaum mit Choreographen gearbeitet habe, erzählt Callahan. Doch der humorvolle Regisseur, der sich etwas Kindliches bewahre, habe ihm viel Vertrauen entgegengebracht.

Mit dem St. Galler «Hairspray»-Regisseur Matthias Davids arbeitet Dennis Callahan seit zwölf Jahren zusammen. Ihr Arbeitsverhältnis sei einfach: «Er mischt sich in die Choreographien und ich mich in die szenische Inszenierung ein. Und das ist gut so.»

Der New Yorker sieht es als europäisches Phänomen, dass Musicals zwar auf den Bühnen, nicht aber im Kino erfolgreich sind. In den USA seien Film-Musicals wie «Hairspray» oder jetzt «Sweeney Todd» gut gelaufen. «Das Publikum kann die Energie auf der Bühne besser spüren, was im Kino nicht so unmittelbar funktioniert», erklärt sich Callahan den Unterschied; dazu trage sicher auch die Livemusik bei.

Reduzierte Band und Tänzer

In St. Gallen ist die ursprünglich um die zwanzig Musiker umfassende Band auf eine neunköpfige Formation reduziert. Gesungen wird – bis auf zwei Songs – in Englisch. Verkleinern musste man für St. Gallen auch die Tanzensembles, die sonst zu wenig Platz auf der Bühne gehabt hätten. Die räumliche Einschränkung nahm der Choreograph als Herausforderung, nicht als störendes Handicap: «Das Stück funktioniert hier gut und die Zuschauer werden nicht das Gefühl bekommen, es sei beengt», glaubt er. Zwar seien die Choreographen bei Filmen etwas um ihre räumlichen Möglichkeiten zu beneiden, aber «ich bin ein Theatermensch», sagt Callahan. Er könne während der Aufführungen zudem viel schöner erleben, wie das Publikum reagiere.