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Inselfieber

Geschichten von den Äusseren Hebriden. Die verschiedenen Fälle von Inselfieber ergründen, warum Schottlands traumhaft schöne Vorposten im Atlantik seit Jahrhunderten faszinieren. Trotz Heavy-Weather-Ausrüstung im Gepäck.
Text und Bilder: Ingrid Schindler
Kaninchenbumps vor dem Scarista House, dem besten B&B der Inseln.
Die Plätze in den Propellermaschinen sind rar – und es gibt keine Piste auf der Insel Barra: Die Flieger starten und landen bei Ebbe im nassen Sand.
Gin – gefragt wie nie: das heisseste Wasser der Äusseren Hebriden.
Patricia Martin, Scarista House: Im Oktober macht sie zu und geht jagen.
Fels, Moos, Heidekraut und Wasser: Das karge Land gehört den Schafen.
Frisch gestochener Torf: Getrocknet ist er der Brennstoff der Inseln.
Luskentyre Beach auf South Harris: offiziell schönster Strand unter vielen.
7 Bilder

Inselfieber zwei

Auf eine Insel zu kommen, ist nicht immer leicht. Auf die Äusseren Hebriden schon gar nicht. Was weiss man überhaupt über den äussersten schottischen Vorposten im Atlantik? Wenig. Sagen wir Harris Tweed, nickt man, bei Harris Gin vielleicht auch, aber eigentlich weiss kaum einer, wo das wirklich liegt.

Die Outer Hebrides oder Western Isles befinden sich im Norden und Westen der Ile of Skye und sind am besten über Glasgow mit Logan Air zu erreichen. Die kleinen Maschinen landen in Stornoway auf Lewis, Benbecula oder Barra, dem einzigen Gezeitenflugfeld der Welt. Je nachdem, ob man die 200 km lange Inselkette von Nord nach Süd durchfährt oder umgekehrt. Aber nicht, dass Sie meinen, das entscheiden Sie! Das entscheiden Logan Air und die Autovermieter, denn Plätze in den Propellermaschinen und Minijets sind so begehrt wie Mietwägen rar.

Mit dem Velo werden Sie ja wohl kaum fahren. Das ginge auf dem 252 km langen Hebridean Way zwar auch, wäre aber so hirnrissig, um nicht zu sagen bemitleidenswert, wie mit der Fähre von Oban, Ullapool oder Uig/Skye überzusetzen – wer hat schon sein Auto dabei? Die neue Velo- und Wanderroute Hebridean Way führt von Stornoway nach Vatersay über Berg, Wasser und Moor und ist eine echte Herausforderung. Denn Sturmwind hat es immer. Womit wir beim Wetter wären. Ja, jetzt haben Sie’s! Die Hebriden sind das Gebilde auf der Wetterkarte, wo feuchtes, nasskaltes Wetter über dem Atlantik hängt. Sie wissen nun, was in den Koffer gehört: Regenzeug, Windstopper, wasserdichte Boots, Windwolle, Merinowäsche, das volle Outdoor-Outfit für jede Jahreszeit.

Schatzinseln für Lords und Ladys

Es gibt Leute, für die sind die westlichen Inseln ein Paradies. Sehnsuchtsorte, wo man nicht bloss die Ferien, sondern das restliche Leben verbringt. Menschen, die ihr Glück in der Einsamkeit einer wie ein Sieb durchlöcherten Wasserlandschaft finden, zwischen Torf, Heide und Moor, Sand und Stein, Fjorden, Hochland und Mondlandschaften. Man muss es mögen: Wasser von allen Seiten und das Kreischen von Seevögeln und Blöken von Lämmern ohne urbanen, menschlichen Lärm. Dazu bescheren Lage und Klima klarste Sternenhimmel, Nordlicht im Winter und dramatischste Stimmungen, wenn Wind und Wolken Szenerien von scharfgezeichneter Schönheit in trist-­nebulöses Einheitsgrau tauchen. Menschen, die das lieben, finden sich auf den Hebrides en masse, wobei Masse relativ zu nehmen ist.

In der britischen Oberschicht sind Privatinseln chic. Das war schon im 19. Jahrhundert so, als ein ausgeprägtes Island fever im Adel grassierte. Es griff auch auf Sir James Matheson über, der seine Fortüne im Opiumhandel in China gemacht hatte. Um sein Vermögen anzulegen, suchte er ein geeignetes Objekt. Er fand es in Lewis, dem flacheren Teil der Doppelinsel Lewis and Harris, der grössten (2178 km2) und nördlichsten der Äusseren Hebriden, und sah darin so grosses Entwicklungspotenzial, dass er 1844 ganz Lewis kaufte. Damals lebten die Menschen von Schafen, Tweed, Fisch, Langusten, Jakobsmuscheln und Torf, heute kommen in verträglichem Mass Tourismus und Lachsfarmen dazu. Die Behausungen waren einfachst: kleine Bauernkaten (Crofts) und Blackhouses mit winzigen Fenstern, Naturboden, Strohdach und offener Feuerstelle, aber ohne Kamin. Das Torffeuer machte warm und das Innere schwarz, Russ und Rauch imprägnierten das Dach. Auf Lewis sind etliche Blackhouses erhalten, nicht weit von den prähistorischen Callanish Standing Stones entfernt, die imposanter als die Steinkreise von Stonehenge sind. Für sich und Lady Mary Jane baute Matheson ein Castle bei Stornoway und schüttete, damit sich die Lady nicht am Anblick ärmlicher Katen störte, Unmengen fruchtbarer Erde vom Festland davor auf. So schuf er einen gewaltigen Landschaftspark, in dem Ginster, Lilien, Bluebells und Rhododendron blühen, während ringsum das weite Moorland karg und baumlos ist.

«The world is not enough»

1918 erwarb Seifenfabrikant Lord Leverhulme den Besitz. Der Lord, Gründer von Unilever und ein grosser Sozialreformer, hatte ebenfalls Ambitiöses mit Lewis im Sinn. Er wollte eine blühende Fischindustrie, Bahntrassen und Strassen aufbauen. Fünf Jahre später gab er auf, schenkte Schloss und Ländereien der Gemeinde und hinterliess eine Brücke nach Nirgendwo am Butt of Lewis, dem windigsten Punkt Grossbritanniens. Dennoch wollte er von den Hebriden nicht lassen und kaufte Harris, die gebirgige Hälfte der Insel. Lews Castle ist heute das beste Hotel der Isles. In der Bar gehen skurrile Geschichten und torfige Whiskeys runter wie Wasser. Barmann Tim aus Stornoway und Markus Riebicke-Carrington, der Hotelmanager aus Berlin, scharen die Gäste, Lachsproduzenten aus Glasgow, ein Paar aus London, Erdölbusiness und Bremer Immobilienmakler um sich. Die Makler suchen Land, auf Great Bernera, 21 km2, «Super-Geheimtipp, unberührt», lokal für Kaltwasser-Hummer bekannt.

Den früheren Besitzer der kleinen Insel bei Lewis kennt die ganze Welt. Count Robin de la Lanne-Mirrless, geboren in Kairo, aufgewachsen in Paris, Oxford und Indien, führte ein so actionreiches Leben, dass er seinen Freund Ian Fleming zu James Bond inspirierte. Mit 45 Jahren heiratete der Gentleman-Verführer eine halb so alte Krankenschwester, die Ehe hielt keine Woche. Der echte 007 liebte ausser Frauen Adelstitel. Als Prinz von Coronata, einer dalmatinischen Inselgruppe, jettete er zwischen Residenzen in Paris, London, der Schweiz und Schlössern in Frankreich und Österreich hin und her und lebte doch am liebsten in einem Croft auf ­Great Bernera, wo er für die anderen Crofters einfach nur Robin war, und schenkte ihnen zuletzt das Land.

Für Leute, die sich alles leisten können, meinen die Makler, seien die Äusseren Hebriden perfekt, ihre Exklusivität ihr wahrer Schatz. Der Hotelier stimmt zu: «Von Mai bis September könnten wir viel mehr Touristen haben, aber Bettenzahl und Flüge sind eben beschränkt.» Deshalb suchen immer mehr Inselliebhaber Land für neue Häuser. Besonders an der Westküste von South Harris seien luxuriöse Felsen- und Erdhäuser als Feriendomizile gefragt.

Karibische Strände – einfach ohne Palmen

Das hat seinen Grund. Denn, obwohl es auf allen Inseln Traumstrände in leuchtendsten Karibikfarben gibt, gelten Luskentyre und Scarista Beach als die schönsten. Sie bieten alles, was Inselfans lieben: feinsten, weissen Sand, hohe Dünen, flache Lagunen, grüne Salzwiesen, kilometerlange Sandzungen im kitschig-türkisen Meer vor blauer Hochland-Kulisse, Einsamkeit garantiert, was will man mehr? Nur Palmen fehlen. «Wenn es so warm wie in der Karibik wäre, wäre hier ein Hotel neben dem anderen», ist Riebicke-Carrington überzeugt. Scarista Beach ist vielleicht sogar noch ein Quantum schöner: Hinter dem weiten Watt der Northton Bay erhebt sich der 368 m hohe Aussichtskegel des Ceapabhal, von dem man an klaren Tagen bis nach Uist, Skye und St. Kilda blickt.

Auf der anderen Seite der Insel verläuft die Golden Road durch bizarres Niemandsland. Sie heisst nicht etwa so, weil sie so pittoresk ist, das ist sie auch, sondern weil sie so teuer war. Gegen Ende der Fahrt durch die menschenleere Mondlandschaft aus Lochs, Bog und Stein kommt man an einem kleinen Laden vorbei. Hier verkauft Annie the Granny Tweed für Ladys und Lords. Die Sozialarbeiterin aus Bristol zog vor fünf Jahren nach Harris und ist glücklich hier. Zum Abschied ruft sie uns «nobody comes only once!» hinterher. Das kann gut sein, dachten wir, aber erst einmal müssen wir wieder weg. Gar nicht so leicht auf Inseln wie diesen. Wegen Sturm wurden die Flüge von Barra gestrichen, und so traten wir eine lange Reise über den Minch, die See zwischen dem Festland und den Hebriden, an. Am übernächsten Tag waren wir in der Schweiz. Die zweite Reise ist bereits geplant, denn schon allein wegen des verpassten Starts auf nassem Sand bei Ebbe im Meer müssen wir ja in Bälde wiederkommen.

Inselhüpfen

Die Outer Hebrids sind die am weitesten im Atlantik vorgelagerte schottische Inselgruppe. Die grössten sind Lewis and Harris, North Uist und South Uist.
Empfehlenswerte Hotels, B&Bs: Lews Castle, Lewis; Scarista House, South Harris; Langass Lodge und Hamersay House, North Uist; Polochar Inn, South Uist;
Barra Island Hotel, Barra. Kontiki, der Spezialist für den Norden, bietet eine 8-tägige Mietwagen-Rundreise an und hat die Reise organisiert und unterstützt. www.kontiki.ch
Tipp: Auf dem Flug Barra–Glasgow sind 15 kg Gepäck erlaubt, auf dem Flug Stornoway–Glasgow 20 kg, weshalb man besser von Süd nach Nord reist.

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