Bilderjägerin Rachel Lumsden: «In jedem Paradies wird es Nacht»

«Return of the Huntress» - das Kunst(Zeug)Haus Rapperswil zeigt die bisher grösste Werkschau der St.Galler Künstlerin Rachel Lumsden. Die britisch-schweizerische Bilderjägerin trifft ins Herz.

Ingrid Schindler
Merken
Drucken
Teilen
Rachel Lumsden in ihrem Atelier – für ihr aktuelles Projekt «Hier und Jetzt» haben ihr Pro Helvetia und die Stadt St. Gallen einen Produktions- beziehungsweise den Werkbeitrag 2018 zugesprochen. (Bild: Bilder: Ingrid Schindler)
4 Bilder
Im Hintergrund: «Not my size». Das Bild entstand 2018 auf baumwollbezogenem Pappelholz, mit Schlämmkreide grundiert.
Ein Modell aus Karton und Minikopien ihrer Werke: Im Atelier komponiert die Künstlerin ihre grosse Ausstellung. (Bild: Ingrid Schindler)
«Titanium» - dieses Werk empfängt den Besucher der Ausstellung. (Bild: Stefan Rohner)

Rachel Lumsden in ihrem Atelier – für ihr aktuelles Projekt «Hier und Jetzt» haben ihr Pro Helvetia und die Stadt St. Gallen einen Produktions- beziehungsweise den Werkbeitrag 2018 zugesprochen. (Bild: Bilder: Ingrid Schindler)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Indianer wandern durch den Raum, Gestalten mit Eselsmasken, gesichtslose Frauen, Flugzeuge, Reiter ohne Pferde oder antiquierte Interieurs. Im Atelier von Rachel Lumsden wird zehn Tage vor der Vernissage eine Ausstellung komponiert. Je nachdem, wie die Malerin in einem Pappmodell Minikopien ihrer Werke umherschiebt, trägt sie die grossformatigen Leinwände im Atelier hin und her. Ab diesem Sonntag sind sie zwei Monate lang im Kunst(Zeug)Haus Rapperswil-Jona zu sehen.

«Return of the Huntress» ist die bislang grösste Werkschau der britisch-schweizerischen Künstlerin. Gezeigt werden 32 grossformatige Ölgemälde, 8 Kleinformate und 6 Monotypien aus den letzten fünf Jahren. «Continental Drift» (2018) ist mit den Ausmassen 230 × 380 cm das grösste, ein Brexit-Bild, wie die Künstlerin erklärt. Als Indianer kostümierte junge Männer tauchen aus einer undefinierten, gelb-blauen Palmenlandschaft auf, einer blickt in die Ferne, einer liegt am Boden, ein anderer beugt sich über ihn. Auf der anderen Seite schaut ein weiterer Indianer tatenlos, relaxed und ungerührt zu, das Geschehen scheint ihn kalt zu lassen.

Die dunkle Seite der «vornehmen Jungs»

«Ich suchte nach dem Moment, wo etwas scheinbar Unschuldiges und Schönes in Kürze in etwas Ernstes und Hässliches kippen könnte. Das Bild urteilt nicht; es erlaubt die Schönheit junger männlicher Körper, erlaubt eine romantische Projektion. Es ist das Thema Paradies. Und in jedem Paradies wird es Nacht. Jedes Paradies hat eine zweite, dunkle Seite.» Im Gespräch mit der Malerin ergibt sich, dass dieses Werk im Hinblick auf die «Posh Boys» entstand, «elitären Mitgliedern des be- rüchtigten Bullingdon Clubs mit Typen wie Cameron, Johnson, Farage und anderen Vertretern der Ruling Class, die leichtfertig und verantwortungslos den Verbleib Grossbritanniens in der EU aufs Spiel setzten».

Als 17-Jährige entdeckte die Nordengländerin die Malerei für sich. Bis dahin schien ihr das kein möglicher Beruf zu sein. Auf einem Trip nach London habe sich das geändert, erzählt sie bei einer Tasse Tee mit Milch in ihrem Atelier in Arbon am Bodensee. «Ich begleitete einen Künstler in die Tate und habe erstmals Werke von Francis Bacon, Max Beckmann und Otto Dix gesehen. Vor allem Bacon: Dessen Bildauffassung war für mich komplett neu und hat mich umgehauen.» Sie hat dann in Nottingham Fine Art studiert und an der Royal Academy abgeschlossen – und sofort Erfolg gehabt. Von der ersten Ausstellung an in London erhält sie hervorragende Kritiken und bedeutende Preise für ihre Arbeiten, kleinräumige Interieurs mit irritierenden, altbackenen Möbeln und schrulligen Lampenschirmen auf grossen Formaten.

Von London nach St. Gallen

Auf dem Sprung nach New York, wo sie gerade den Art Award der Pollock-Krasner Foundation bekommt, bleibt sie quasi aus Versehen in der Schweiz hängen. Durch einen Unfall beim Gleitschirmfliegen landet sie im Spital – und verliebt sich in ihren Arzt. Der ist St. Galler. Rosamunde Pilcher hätte die Romanze nicht besser schreiben können. Heirat in Cornwall, Umzug nach St. Gallen, wo sie seit 2002 lebt, erste Ausstellung bei Rauscharts in der Gallusstadt, seitdem verkaufen sich ihre Werke blendend. Sie waren inzwischen bis in China zu sehen und hängen in Museen, Grossbanken und bei privaten Sammlern. Ein halbes Bein in London hat sie immer noch, verheiratet ist sie inzwischen mit dem Schriftsteller Stefan Sprenger, seit 2007 ist sie Dozentin an der Hochschule für Design und Kunst in Luzern – und malt immer noch wie eine Besessene.

Mit dem Campervan am Lido

«Ich mag St. Gallen sehr und habe dem Amt für Kultur und der Stadt viel Anerkennung und Unterstützung zu verdanken», sagt die 50-Jährige, die in der Ostschweizer Kunstszene gut vernetzt ist. Neben zahlreichen internationalen Preisen hat sie mehrfach Förderpreise und Werkbeiträge von Stadt und Kanton St. Gallen sowie dem Thurgau erhalten. Für ihr Gesamtwerk verlieh ihr die Stadt Konstanz in diesem September den Konstanzer Kunstpreis.

An Luzern gefalle ihr der «Swing, den die Stadt hat, eine Stadt am Ende eines Sees, der gleichzeitig der Anfang eines Flusses ist, fast so etwas wie ein kopfstehendes New Orleans». Wenn sie dort unterrichtet, wohnt sie in einem Campervan am Lido. Nach einem langen, intensiven Arbeitstag mit einem Glas Rioja unter Chinesen, Russen, Indern an der Reuss zu sitzen: «Holiday Feeling pur!» Sie mag das Leben auf dem Zeltplatz, die Nähe zum See, das Velofahren entlang der grossen Hotelkästen. Und die Fasnacht: «In einer Altstadtgasse in eine Prozession von 50 Minotauren zu geraten, ist nicht nur ein irres Bild, sondern auch eine Zeitreise in mythisches Denken und Empfinden, das mir immer wieder unter die Haut geht.»

Britische Wurzeln, britischer Humor

Auch Lumsdens Werke gehen unter die Haut. «Sie stehen mitten in unserer Zeit und weisen doch über sie hinaus», sagt Peter Stohler, Direktor des Kunst(Zeug)Hauses und Kurator der aktuellen Werkschau. Zeitgeschehnisse fliessen in Form von Katastrophen, Atom-U-Booten, Cyberkriegselementen, Schwerindustrie oder Trump-Konterfeis in die Bilder ein. Eindeutige Lesarten liefern diese nicht. Die Aussagen bleiben offen und mehrdeutig, aber die Titel sprechen für sich.

Zur Person

Rachel Lumsden 1968 in Newcastle upon Tyne GB geboren, 1998 Postgraduate Master in Painting an der Royal Academy of Arts School of London, seit 2002 wohnhaft in St. Gallen, seit 2007 Dozentur an der Hochschule Luzern Design und Kunst, seit 2013 mit dem Liechtensteiner Schriftsteller und Dramatiker Stefan Sprenger verheiratet.
Zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland. Letzte Einzelausstellungen: Galerie Bernard Jordan, Paris, Kunstraum Kreuzlingen, Kunsthaus Centre d’art Pasquart, Biel, Fondation Fernet-Branca, St. Louis, Galerie Bernard Jordan, Zürich.
Publikationen: «Rachel Lumsden, Return of the Huntress», Verlag für Moderne Kunst, Wien 2017, «Drunk in Charge of a Bicycle, Paintings and Everything between», Schwabe-Verlag, Basel 2013.

Diese sind durch die Bank englisch und besitzen eine geballte Ladung schwarzen, britischen Humors. «Homeland Security» (2002–2003), innere Sicherheit, heisst zum Beispiel eine frühe Werkreihe mit Teacosies, die spiessige, britische Teewärmer zu unbemannten Drohnen oder smarten Bomben werden lässt. «Silent inhabitants» eine andere, in der Krähen und Insektenmonster in fremdes Terrain eindringen. Lumsden, die längst fliessend Deutsch spricht, besuchte damals ihre ersten Deutschkurse in St. Gallen und war betroffen von der Schweizer Sicht auf Ausländer. Der Einbruch des Unheils in die kleinbürgerliche Idylle, komisch, melancholisch, schön und grausam, er zielt ins Herz.

«Nicht ich entwickle die Bilder, sondern die Bilder treiben mich»

Die Betrachter werden durch die gegenständliche Malerei und atmosphärische Farbgebung angelockt und auf seltsam unbeteiligte wie grausame Weise in die tieferen Schichten bürgerlicher Szenen hineingezogen, die ein zutiefst verstörendes, bedrohliches Momentum besitzen. «Die Faszination, die die figürlichen Werke ausstrahlen, auch das Unheimliche und Düstere, das in ihnen steckt, lassen einen nicht mehr los», drückt es Peter Stohler aus.

Lumsdens Werk ist voller zeit- und kunstgeschichtlicher Bezüge. Man entdeckt u. a. Verweise auf Goya, Corot, Bacon, Malcolm Morleys farbstarke Werke oder Walter Sickerts düster-schmuddelige Wohnlandschaften. Ihr Umgang mit Quellen ist unverkrampft. Historische Kostüme, Tapeten- und Naturmuster, Sammlerstücke, Fotos, Träume, Erinnerungen, Literatur, vieles inspiriert sie. Eine Quelle führt sie zur nächsten. Sie sei eine «unermüdliche Jägerin und Sammlerin, die durch ihr Tun zu den Bildern geführt» werde.

Spielfiguren im Farbsumpf

Nicht umsonst heisst das titelgebende Werk der Ausstellung «Return of the Huntress». Dieses bezieht sich auf das Winterstück «Jäger im Schnee» von Pieter Bruegel dem Älteren (1565). Wie bei Bruegel entstehen durch verschiedene Kontexte nicht reale Landschaften, sondern gefühlte. «Das Wilde, Ungeplante, Unvorhersehbare einer Jagd ist auch Teil meines Malprozesses», erläutert sie. «Nicht ich entwickle die Bilder, sondern die Bilder treiben mich.»

Im Laufe der Jahre haben sich die Räume geöffnet und bevölkert. Die Menschen bleiben jedoch schemenhaft und verschwimmen in materiell greifbaren Farbseen aus giftig-schwefeligem Gelb, bedrohlichem Altrosa, tödlich-krankem Schmutzweiss. Häufig wirken sie wie bewegte Gegenstände im Raum, gesichtslose Spielfiguren, hin- und hergeschoben von einer unsichtbaren Hand. In den «Bird Wars»-Werken und Casino- und Pferdesportszenen wie «Cat’s Cradle» (2012) kommt dies besonders zum Ausdruck. Mal tragen die Figuren Eselsmasken, Falkenhauben, Bärenköpfe, mal Licht- und Schattenstreifen im Gesicht, kaum aber ausgearbeitete Gesichtszüge, und man fragt sich, ist das Tier oder Mensch, wer ist Jäger und wer Gejagter?

Rachel Lumsden: Return of the Huntress», 25.11.2018 bis 20.1.2019 im Kunst(Zeug)Haus Rapperswil-Jona.