Frühgeburten
In die Welt gestossen: Wie die Überlebens-Künstler heranreifen

Die Pflege von Frühgeburten oder sehr kranken Neugeborenen lohnt sich finanziell für die Spitäler nicht. Wie aufwendig die sogenannten Frühchen aufgepäppelt werden, zeigt ein Besuch im Kinderspital Basel.

Annika Bangerter
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Bald können Frühchen und kranke Neugeborene sicherer ins Kinderspital der Universität Zürich transportiert werden (Symbolbild).

Bald können Frühchen und kranke Neugeborene sicherer ins Kinderspital der Universität Zürich transportiert werden (Symbolbild).

Keystone

Leo* schläft. Seine winzige Faust streckt er neben seinem Kopf aus, seine dünne Haut ist rötlich-braun, feine Härchen zieren sein Köpfchen. Auf dem Monitor zeichnen seine Herzschläge regelmässige Kurven; die Matratze reguliert seine Körpertemperatur.

Leo liegt in Bauchlage und scheint von dem Geschehen rund um seinen Brutkasten nichts mitzubekommen. Dabei macht Leo heute einen grossen Schritt: Er wird verlegt. Noch muss er in der Intensivstation bleiben, doch innerhalb der Station schiebt ihn die Pflegerin in das Zimmer nebenan, wo stabile Kinder weiter reifen. So nennen die Ärzte der Neonatologie das Heranwachsen ihrer Patienten.

Zwei Intensivstationen gehören zur Neonatologie des Universitäts-Kinderspitals beider Basel (UKBB). Hier werden kranke Neugeborene und vor allem Frühgeburten betreut. Ein sogenanntes Frühchen ist auch Leo. Ihre Zahl nimmt zu: In der Schweiz kommt jedes zwölfte Kind zu früh, das heisst vor der 37. Schwangerschaftswoche, auf die Welt.

Dafür gibt es verschiedene Gründe, sagt Sven Schulzke, Leiter der Neonatologie des UKBB: Die Geburtenzahl nähme allgemein zu, das Alter der Erstgebärenden mit Risikoschwangerschaften steige und es gäbe vermehrt künstliche Befruchtungen. Deshalb komme es auch vermehrt zu Zwillings- oder Mehrlingsgeburten, die häufig verfrüht auf die Welt drängen.

Streit um die Fallpauschale: «Die Neonatologie ist fast immer defizitär»

Rein finanziell rechnet sich die intensive Pflege der kleinsten Patienten nicht. Im Gegenteil. «Die hoch spezialisierte Neonatologie ist defizitär. Acht von neun der entsprechend eingerichteten Kinderspitäler bestätigen dies», sagt Agnes Genewein, Oberärztin und Generalsekretärin von «AllKids», dem Verbund der Schweizer Kinderspitäler. Das Problem sieht sie im Katalog der Fallpauschalen: «Im Bereich der Neonatologie ist dieser noch nicht ausgereift», sagt Genewein. So teile der Katalog die extremen Frühchen nach ihrem Gewicht ein – entscheidend sei hingegen die Schwangerschaftswoche, sagt die Neonatologin: «Diese bildet den Reifegrad viel exakter ab. Ein Frühchen, das in der 32. Woche zur Welt kommt, hat ein weiter entwickeltes Gehirn als ein Kind in der 28. Woche. Das Gewicht ist weniger entscheidend», sagt Genewein. Daneben sei es für die spezialisierten Kinderspitäler problematisch, dass die Kriterien im Katalog kranke und gesunde Neugeborene über 2000 Gramm zu gering unterscheide. Hier muss laut Genewein viel stärker differenziert werden. Gegen diese Kritik wehrt sich Simon Hölzer. Er ist der Geschäftsführer von SwissDRG. Diese erarbeitet in der Schweiz die Fallpauschalen. «Unser System ist differenziert und bildet den Aufwand gerechter ab als alle früheren Modelle. Ein Blick in den Katalog bestätigt das», sagt Hölzer. Das DRG-Modell gibt es in der Schweiz seit 2012. «Seitdem erfassen wir die Patienten kontinuierlich in noch genaueren Kategorien», sagt Hölzer. Die Datenlage sei breit: «Wir berücksichtigen die Ist-Kosten aller Spitäler. Unsere Pauschalen sind ein Abbild der heutigen Kostensituation», sagt Hölzer. Er sieht das Problem auch bei einzelnen Kinderspitälern selbst: «Sie sind im Durchschnitt teurer als andere Kliniken, die neben spezialisierter Kindermedizin auch Erwachsene betreuen.» Mit diesem Vorwurf konfrontiert, sagt die AllKids-Generalsekretärin Agnes Genewein: «Das stimmt so nicht. Wir können aber die Kindermedizin nicht quersubventionieren, wie das bei breiter aufgestellten Häusern möglich ist.»

Das Kleinste wog 340 Gramm

Die Eltern von Leo hielten ihren Sohn fast zehn Wochen vor dem Geburtstermin in den Armen. Er gehört damit zu der Risikogruppe der Frühchen: Sie kommen vor der 32. Schwangerschaftswoche auf die Welt.

In der Schweiz machen sie ungefähr ein Prozent aller Neugeborenen aus. Darunter sind Kinder, die bis in der 24. oder gar 23. Woche zur Welt kommen. Sie verbringen fast die Hälfte der eigentlichen Schwangerschaftsdauer im Brutkasten. Ihre Körper sind so klein, dass sie die Hand eines Erwachsenen ausfüllen.

Der kleinste Patient der Basler Neonatologie, der überlebte, wog bei seiner Geburt 340 Gramm. Winzige Finger, Zehen oder Ohren: Äusserlich ist bei den Frühchen alles in Miniatur ausgebildet. Hingegen sind ihre Lungen, ihr Darm oder das Gehirn noch nicht ausgereift. «Ihre Pflege ist intensiv. Nicht alle können selbstständig atmen oder die Körpertemperatur halten. Deshalb müssen praktisch alle Grundfunktionen des Körpers medizinisch unterstützt werden», sagt Schulzke. Im Basler Kinderspital kommen pro Jahr 100 solche extreme Frühgeborene zur Welt.

Gefahr im Mutterleib

Unmittelbar nach ihrer Geburt untersuchen und versorgen sie die Neonatologen. In dem eigens dafür eingerichteten Raum stehen stets zwei Bettchen, Monitore und Infusionen parat. Hinter der Wand liegt der Kreisssaal. «Frühgeburten neigen zu Hirnblutungen. Deshalb muss der Transportweg so gering wie möglich sein», sagt Schulzke.

Noch hat er Zeit, die Abläufe zu erklären. Einige Stunden später bringen Gynäkologen per Kaiserschnitt Zwillinge drei Monate zu früh zur Welt. Ein Kind wiegt 800 Gramm, das andere 1000 Gramm. Dennoch sind ihre Überlebenschancen im Brutkasten grösser als im Mutterleib. Dort bedroht sie eine lebensgefährliche Schwangerschaftsvergiftung.

Schulzke erwartet sie mit einem siebenköpfigen Team von Ärzten und Pflegenden im kleinen Raum neben dem Kreisssaal. Sie trocknen die beiden Geschwisterchen ab, versorgen sie mit Sauerstoff, legen eine Infusion durch den Bauchnabel. «Damit haben die Kinder einen zentralen Katheter und müssen nicht ständig neu gestochen werden. Jede Störung bedeutet für Frühchen Stress und kann gefährlich sein», sagt Schulzke.

Deshalb tragen die Mitarbeitenden auf der Intensivstation der Neonatologie keine Schuhe mit Absätzen und sprechen gedämpft. Treten sie an einen Brutkasten, führen sie die Untersuchungen gebündelt durch. So können die Kinder dazwischen länger ruhen.

Ende Jahr darf Leo heim

Auf dieser Station mit insgesamt 16 Betten sah Leos Mutter erstmals ihren Sohn. Die Pflegenden schoben ihr Bett direkt aus dem Aufwachraum zu ihm. «Diese erste Begegnung war sehr wichtig für mich – gerade weil ich noch nicht ganz begriff, was passiert ist», sagt die Mutter.

Die frühe Geburt von Leo hat sie überrumpelt, ihre Schwangerschaft lief bis anhin problemlos. Plötzlich sei aber in der 31. Woche das Fruchtwasser abgelaufen, eine Infektion drohte. So begann das Leben zu dritt auf der Intensivstation.

«Die Familien leben dann praktisch bei uns», sagt Stefanie Niederschirp. Sie leitet das Pflegeteam der neonatologischen Intensivstation. Rund um die Uhr können die Eltern ihre Kinder besuchen. Der Kontakt sei nicht nur für sie psychologisch wichtig: «Wir wissen, dass die Kinder schneller genesen, wenn die Eltern bei ihnen sind», sagt die Stationsleiterin. Deshalb stellt sie Sessel auf und legt den Eltern ihre Frühchen auf die nackte Brust. «Kangarooing» nennt sich diese Methode.

«Frühgeburten, die jeden Tag mehrere Stunden so liegen, brauchen weniger Sauerstoff und können die Körpertemperatur besser halten. Auch sind sie weniger anfällig für Infektionen», sagt Schulzke.

Leo bekommt vier Mal täglich Besuch von seinen Eltern: «Wir vermissen ihn zu Hause und möchten ihn gerne zu uns nehmen. Doch wir müssen uns immer wieder vor Augen führen, dass er eigentlich noch im Bauch wäre», sagt seine Mutter.

Sie kann ihn stillen, was nicht selbstverständlich ist. Bei einer Frühgeburt ist der Körper der Frau biologisch häufig nicht sofort für die Milchproduktion bereit, erklärt Schulzke. Bis es so weit ist, bekommen die Frühchen Muttermilch von der Spendenbank im UKBB. «Das hat sich bewährt, die Darmprobleme der Kinder reduzierten sich deutlich im Verhältnis zur industriell hergestellten Frühgeborenenmilch», sagt der Neonatologe.

Weil die Kinder mit Magensonden nicht automatisch trinken, lernen sie dies in einem Schlucktraining mit Logopäden. Sanfte Bewegungen üben die Frühchen in der Physiotherapie – teilweise noch im Brutkasten der Intensivstation.

Diese konnte Leo nun verlassen. Bis etwa Ende des Jahres muss er noch zur Überwachung im UKBB bleiben. Doch er ist auf dem besten Wege, ein reifes Baby zu werden.

*Name geändert.

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