In der Bücher-Heimat

Solothurner Literaturtage Die Literaturtage sind weiter im Aufwind – trotz kalten Wetters und trotz oder wegen der Treue zur Form der moderierten Lesung erlebte die 32. Auflage des Festivals mit 11 000 Besuchern einen Publikumsrekord. Bernadette Conrad

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Wo das Buch zum Volk kommt: Pedro Lenz bei der Open-Air-Lesung aus «Dr Goalie bin ig» in Solothurn. (Bild: ky/Peter Klaunzer)

Wo das Buch zum Volk kommt: Pedro Lenz bei der Open-Air-Lesung aus «Dr Goalie bin ig» in Solothurn. (Bild: ky/Peter Klaunzer)

«Wenn man versteht, was in einer Familie vor sich geht, versteht man, was in der Welt vor sich geht.» Das sagt einer, dem man nicht vorwerfen kann, über den heimischen Tellerrand nicht hinausgeblickt zu haben. Spätestens mit David Albahari, dem nach Kanada emigrierten serbischen Autor, ist am Freitagnachmittag die weite Welt nach Solothurn gekommen. In der feinen Ironie seiner Texte, auch seiner Rede, begegnen sich Schmerz und Witz oft auf demselben Punkt.

Familienschuld, Familienlust

Familie zur Sprache bringen; diesen kritischen Ort, an dem oft so viel mehr Missverstehen als Verstehen wohnt: Dies zentrale Thema der Literatur konnte in Solothurn 2010 in ganz unterschiedlichen Tonlagen gehört werden. Die junge Isabelle Stamm wagt sich auf spannende, nicht immer das Klischee umschiffende Weise an die Schuld, die im Schweigen wächst.

Schuld und Geschwistertod grundieren auch das Verhältnis von Vater und Sohn beim Holländer Gerbrand Bakken, aber – «Ist es ein Gesetz, dass man seine Eltern nicht hassen darf?», fragt Bakken. Davon weiss auch Ulla Hahn, die von sich sagt: «Ich sässe hier nicht ohne meine Lehrer.» Wie sich ihre eigene schwere Familiengeschichte einschreibt in ihre erfolgreichen Bücher über die junge Hilla, wurde spannend von Moderator Michael Guggenheimer erfragt.

Hörvergnügen mit ihren Familiengeschichten boten – eher heiter – die grosse englische Autorin Antonia Byatt, und, beklemmend, Alissa Walser, die von einem Therapieversuch und seinen Grenzen im 18. Jahrhundert erzählt.

Die ganz vollen Säle waren den Schweizer Autoren vorbehalten. Um Martin Suters suggestiven Text «Der Koch» hören zu können, setzten sich Leute in Fensternischen; für Pedro Lenz drängten sie sich schon die Treppe hoch. Und generell fiel diesmal das überaus aufmerksame Publikum positiv auf.

Ob das kalte Wetter dazu beitrug? Gemütliches Sitzen und Reden vor dem «Kreuz» fiel, bis auf kurze halbe Stunden, flach. Tatsächlich aber waren die Moderationen durchgängig besser als auch schon; gelang es Michael Guggenheimer, Thomas Feitknecht, Eva Bachmann, über gute Fragen die Zuhörer zu packen.

Krankheit und Buchmarkt

Aufmerksam folgte das Publikum Urs Faes, der an der Krebserkrankung einer früheren Freundin seinen Ich-Erzähler (und Arzt) die Frage

durchdeklinieren lässt, welche Sprache alle die finden müssen, die vom Ausbruch einer Krankheit (mit)betroffen sind. Ein Höhepunkt in diesem Kontext sicher Klagenfurt-Gewinner Jens Petersen, der nach seinem überaus dichten Text über das Zusammengehen der «Lebensform Schreiben» und der spannungsvollen Vielfalt des Arztberufs sprach und so auf überzeugende Weise den Raum auf aktuelle Fragen von Medizin und Sterbehilfe öffnete.

«Es geht um Autonomie», sagte Petersen, «da könnte sich Deutschland von der Schweiz eine Scheibe abschneiden.»

Kann sie das auch, was die Situation der Verlage angeht? Die bald vom Publikum lebhaft mitgeführte Debatte mit den drei sehr unterschiedlichen Verlegern Gstettenhofer, Michalski und Schulz machte am Sonntagmorgen deutlich, wie angespannt die Lage ist; wie polarisiert die Standpunkte. Ein anderes Podium war der Frage nach Europa und seiner grössten Wunde Ex-Jugoslawien gewidmet.

Andreas Breitenstein befragte Übersetzer(innen) aus Staaten, die einst Jugoslawien gewesen waren, nach ihrer Nähe untereinander – um die es oft schwieriger steht als um die Nähe zur deutschsprachigen Literatur.

Alles andere: Desaster

Auch Schweizer zieht es ja traditionell in die Ferne; so finden sich – zufällig, wie sie beteuern – David Signer, Daniel Goetsch und Lukas Barfuss in der Schlussveranstaltung zusammen in ihrer Faszination

für Afrika, das sie bereisen und zum Gegenstand von Artikeln und (insgesamt fünf!) Romanen machen. «Auch ein Roman ist eine Forschungsexpedition – nicht anders als eine ethnologische Recherche», sagt David Signer, «vielleicht sogar eine tiefere.»

Am Samstagabend gehörte die Bühne Ruth Schweikert, Peter Weber, Kilian Ziegler, Raphael Urweider und Jörg Steiner, die Peter Bichsel ehrten. Die Feier zu dessen 75.

im restlos überfüllten Landhaussaal wurde zum literarischen Moment, umso persönlicher, als sie ohne Sentimentalität auskam. Wie Bichsel selbst, der dann auf seine Solothurner Jahre zurückblickte, dankbar, dass eine oft unfreundliche Aufnahme ihm erlaubt habe, trotzig zu werden. «Sie haben mir beigebracht, dass Qualität immer etwas ist für einen selbst und nicht für die anderen.»

Nein, kein Solothurner sei er, sondern einer, der Heimat in Büchern habe. Freundschaft – dies der Gewinn der letzten 25 Jahre. Alles andere: Desaster. «Wenn Sie mir etwas schenken wollen, lesen Sie Jörg Steiner», sagt Bichsel zum Schluss. «Und jetzt gehen wir ins <Kreuz>.»