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In Bachs Universum lädt das Jüngste Gericht kaum zur Meditation

Ruedi Lutz führt in Trogen Bachs Kantate 105 auf. Chor und Orchester der J.S. Bach-Stiftung musizieren auf hohem Niveau.
Charles Uzor
Bild: J.S.Bach-Stiftung

Bild: J.S.Bach-Stiftung

Alle Kantaten Bachs in Folge aufzuführen, scheint schier unermesslich. Ruedi Lutz’ Strategie folgt dem musikalischen Impuls und dem Sinn für das Besondere der musikalischen Geste. So geht er vom Kleinen zum Grossen und macht den Blick frei für den Zusammenhang, der einem Bachs Kosmos zum Erlebnis macht. Auf dieser Reise sind Chor und Orchester der J.S. Bach-Stiftung kongeniale und zuverlässige Begleiter.

Die 1723 komponierte Kantate «Herr, gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht» handelt von der Angst vor dem jüngsten Gericht und vom Mysterium der Gnade. Bezüge zur Johannespassion sind offensichtlich. Die Eingangschöre ähneln sich im glühenden Kreisen des Orchesters, in den Seufzer-Motiven, sowie in den «Herr»-Rufen des Chors. Bei Lutz werden die Harmonien noch unruhiger, die Musik bekommt noch mehr Bewegung, die Phrasierungsbögen werden noch weiter gespannt. In der Sopranarie wird das ängstliche Zittern greifbar.

Vom Zittern bis zur Ruhe im ewigen Leben

Sibylla Ruben singt die Melismen leicht und in kontrollierter Ekstase und lässt ihre Stimme mit dem Klang der Oboe (Katharina Arfken) verschmelzen. Die Sicherheit aller Solisten ist beeindruckend, und auch das kurze, makellose Altus Rezitativ (Jan Börner) lässt aufhorchen. Ein Wunder ausnotierter Sinnhaftigkeit ereignet sich im Schlusschoral. Bach nimmt hier die Musik seiner Söhne und Haydns vorweg. Die Harmonien fliegen wie im Eingangschor chromatisch durcheinander. Von Sechzehntel zu Triolen, Achtel und zum Viertelpuls schreiten die Streicher vom Zittern bis zur Ruhe im ewigen Leben.

Kritischer verfährt Christian Rutishauser in seiner Reflexion. Geschult in Lebenspraxis und Seelsorge (Rutishauser wirkt als Provinzial der Schweizer Jesuiten und Berater des Papstes) stellt er dem Jüngsten Gericht einen empirischen Sinn für Gerechtigkeit gegenüber. Im Memento mori erkennt er das persönliche Gewissen jenseits der angeblichen Auflösung gesellschaftlicher Moral, wobei die Kantate mehr als nur eine private Seelenruhe thematisiert.

Analyse des Sündenbocksyndroms

Überzeugend wirkt Rutishausers Analyse des Sündenbocksyndroms: Dass «jede Kultur eine Leiche im Keller» hat, wird als anthropologischer Befund plausibel. Jedoch, angesichts der Genesis-Geschichte Schuld von Eva zu Adam, und von Adam zur Schlange im Sinne der Erbsünde fortzusetzen, bedingt eine Frömmigkeit, der Sigmund Freud widersprochen hätte. Jesus als Sündenbock der Welt bietet Vergebung an und fordert gleichzeitig das Schuldeingeständnis.

Dass diese schwierige Logik besser mit musikalischen Mitteln begriffen werden kann, zeigt die zweite Aufführung der Kantate. Sie klingt nun noch beschwingter und noch unglaublicher.

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