Auf Coronavirus immun? Solche Bescheinigungen sind gefährlich – denn nicht immer stimmen die Testresultate

Hinter der Qualität der Antikörpertests gibt es viele Fragezeichen. Die Resultate stimmen oft nicht.

Katja Fischer De Santi
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Ein Mann wird im Libanon auf das Coronavirus getestet.

Ein Mann wird im Libanon auf das Coronavirus getestet.

Keystone

Die Coronakrise ist nicht nur voller Chaos und Tragik, sondern auch voller Paradoxien und Absurditäten. Etwa die, dass sich eigentlich niemand infizieren will, aber eigentlich alle gern infiziert gewesen sein möchten. Denn, so die Hoffnung, wer einmal an Covid-19 erkrankt, der ist später immun gegen die Lungenkrankheit. Doch so einfach ist es nicht.

Ein Virus-Experte der «New York Times», der bislang in seinen Prognosen fast schon erschreckend richtig lag, entwarf kürzlich in einem Podcast ein Szenario, in dem gegen das Virus immune Personen zu Stützen der Gesellschaft würden, spezielle Jobangebote bekämen, ohne Schutzkleider Erkrankte versorgen könnten, grössere Bewegungsfreiheit geniessen würden – eine Art dystopische Zweiklassengesellschaft von privilegierten Immunen und weggeschlossenen Gefährdeten.

Nur wenige Tage später schlugen einige Regierungen, darunter Chile, tatsächlich vor, Menschen mit Corona-Antikörpern im Blut eine Art Covid-Pass auszustellen, damit sie früher zurück zur Arbeit können. Und in den Kommentarforen von Schweizer Zeitungen muss man nicht lange suchen, bis man Personen findet, die schreiben, sie würden sich gerne absichtlich anstecken lassen, um dann mit ihrem positiven Antikörpertest in die Ferien fliegen zu können.

WHO warnt vor trügerischer Immunsicherheit

Doch davon sind wir noch weit entfernt. Am Samstag sah sich die Weltgesundheitsorganisation WHO gezwungen, eine Warnung vor sogenannten Immunitätsnachweisen auszusprechen.

Es gebe keinen Nachweis darüber, dass bereits erkrankte Menschen wirklich immun gegen eine erneute Infektion seien. Die Ausgabe von Immunitätsbescheinigungen könne sogar eine weitere Ausbreitung der Pandemie begünstigen, warnte die Organisation.

Auch Milo Puhan, Institutsleiter Epidemiologie der Universität Zürich, warnt vor einem Szenario, in dem sich Menschen absichtlich anstecken, um immun zu werden. «Erstens ist Covid-19 eine gefährliche Krankheit, die immer wieder auch gesunde Menschen stark betrifft, sich absichtlich damit anzustecken ist mehr als grob fahrlässig.»

Zweites seien die nun eingesetzten Antikörpertests noch immer nicht zuverlässig genug, als dass man das Resultat den Teilnehmern einfach so in die Hand drücken könne. «Es gibt derzeit, wo noch wenige Menschen die Infektion hatten, mehr falsch positive als richtig positive Resultate.» Zwar würden die Tests von Woche zu Woche besser, aber Freifahrtscheine, um Schutzmassnahmen zu umgehen, seien das sicher nicht.

Puhan warnt denn auch vor kommerziellen Schnelltests, wie sie einige Apotheken und Gesundheitszentren bereits bewerben. Er versteht, dass sich die Leute mit einem Immuntest Gewissheit verschaffen wollten. Doch es sei zu früh. Die ersten vernünftigen HIV-Selbsttests seien auch erst über dreissig Jahre nach der Entdeckung des Virus auf den Markt gekommen, gibt er zu Bedenken.

Bereits infizierte Personen erkranken erneut

Kommt hinzu, dass sich Meldungen, etwa aus dem chinesischen Wuhan oder Südkorea häufen, wo berichtet wird, dass bereits einmal an Covid-19 erkrankte Personen, durch den Virus ein zweites Mal infiziert wurden. «Da spielen sehr viele unbekannte Faktoren, wie eben die Zuverlässigkeit der Tests eine Rolle», sagt Milo Puhan zu diesen Meldungen.

Auch bei Menschen, die nie mit dem neuen Virus Sars-CoV-2 infiziert waren, könnten fälschlicherweise Antikörper nachgewiesen werden. Das liege etwa daran, dass Tests womöglich auf eines der anderen Coronaviren wie SARS oder MERS oder auch harmloseren Varianten reagieren, die bereits seit Längerem bekannt sind. Auch wäre es möglich, dass bei einmal erkrankten Personen das Virus erneut ausschlug.

Milo Puhan und die meisten Wissenschafter gehen deshalb weiterhin von einer möglichen Immunität gegen Sars-CoV-2 aus, wie lange diese jedoch dauert und ob sie auch bei sehr milden Verläufen vollständig ist, ist noch nicht bekannt.

Um solche Fragen zu klären, haben zwölf Schweizer Hochschulen kürzlich das Forschungsprojekt «Corona Immunitas» gestartet. Milo Puhan koordiniert die Beobachtungsstudien in verschiedenen Kantonen, welche vom BAG, Kantonen und Privatunternehmen unterstützt werden. In verschiedenen Regionen der Schweiz beginnen in den nächsten Wochen Studien, um die Seroprävalenz von Sars-CoV-2 in der Schweizer Bevölkerung genau zu untersuchen.

Über Monate werden die Teilnehmer dann über das Auftreten von Coronainfektionen und der Einfluss der Lockerungsmassnahmen befragt. Denn solange kein Impfstoff bereitsteht, können allein solche Studien den Weg durch diese Pandemie zeigen.

«Die schweizweite Bestimmung der Corona-Ausbreitung und des Einflusses der Lockerungsmassnahmen bringt Gewissheit. Und Gewissheit ist die Grundlage für zielführende politische Entscheide in Zusammenhang mit COVID-19», sagt Puhan. «Wir müssen eine gesicherte Datenlage darüber erhalten, wie viel Prozent der Schweizer Bevölkerung bereits eine Ansteckung durchlaufen hat.

Wie viele davon mit einem milden Verlauf oder gar keinen Symptomen.» Auch wolle man herausfinden, in welchen Alters- und Berufsgruppen besonderes viele Ansteckungen vorkommen und wie sich die Pandemie generell auf die Gesundheit auswirkt. «Nun wird es Zeit, dass wir das ganze Bild zu sehen bekommen, auch wenn das noch etwas dauern wird.»