Interview
Sexologin: «Im sexuellen Bereich sind wir viel verletzlicher»

Sexologin Gabriela Kirschbaum spricht über das Schattensein des weiblichen Geschlechts, die Vulva-Verunsicherung und was Betroffene dagegen tun können.

Sandra Meier
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Befassen wir uns heute mehr mit unserer Scham als früher?

Gabriela Kirschbaum: Nicht mehr, aber anders. Schönheitsideale haben auch hier Einzug gehalten. Und wir vergewissern uns, ob unsere Genitalien diesen Idealen entsprechen.

Sexologin Gabriela Kirschbaum führt eine Praxis in Brugg (AG).

Sexologin Gabriela Kirschbaum führt eine Praxis in Brugg (AG).

zVg

Was bedeutet das für uns?

Der Leistungsdruck ist ganz klar gestiegen. Und damit verbunden ebenfalls die Verunsicherung, sie greift um sich, vor allem bei Jüngeren. Ältere sind anders aufgewachsen: Sie haben sich mehr auf eigene Fantasien konzentriert. Heute bleiben Fantasien aus. Stattdessen werden Pornos konsumiert. Das schafft eine gewisse Norm. Vielfältigkeit wird nirgends grossgeschrieben.

Schätzen Sie diese Verunsicherung im Intimbereich als belastender ein?

Überhaupt ist es so in der Sexualität und im Umgang mit dem eigenen Geschlecht, dass wir viel verletzlicher sind als in anderen Bereichen. Wenn jemandem die Frisur seines Gegenübers nicht gefällt, kann dieser das eher wegstecken, als wenn er oder sie in ihrem intimsten Bereich kritisiert wird. Das weckt Versagensängste. Die Verunsicherung kann so gross werden, dass Betroffene sich nicht mehr auf andere Menschen einlassen.

Bei Männern gibt es den «Penis-Stolz» – warum gibt es kein Äquivalent dazu für Frauen?

Bei den alten Ägyptern oder in der Anti­ke wurde die Vulva als «Wiege des Lebens» verehrt. Danach kehrte es sich in Abwertung. Das weibliche Geschlecht, die Weiblichkeit fristete über Jahrhunderte ein Schattendasein. Das merkt man noch heute in der Sprache: Es gibt viel mehr Wörter für Penis. Das männliche Geschlecht wird besser honoriert; Frauen haben mehr Mühe damit, ihr eigenes Geschlecht zu würdigen und mit Stolz zu tragen. So stören sich viele an ihrem Geruch oder Ausfluss.

Was raten Sie diesen Frauen?

Man müsste generell offener über die Intimzone reden. Es sollte bekannter werden, wie man sich mit seinem eigenen Geschlecht auseinandersetzen und ein positives Bild entwickeln kann. Es kursieren auch Bilder, die die Realität abbilden und die zeigen, wie vielfältig wir Frauen sind.

Wir können lernen, wie wir das eigene Geschlecht erotisieren und positiv sinnliche Erlebnisse damit erfahren können. Der Weg über die Operation löst das nicht. Hier sind Lernschritte notwendig, die Mann und Frau zu machen haben. Eine gute Aufklärung reicht dafür nicht, unsere Empfindungen sind deswegen nicht wacher. Ich propagiere das «Wachstreicheln und -berühren», um die Sinnesempfindungen zu wecken.

Die 69er Generation behauptet immer wieder, die heutige Jugend sei viel verkrampfter als früher. Warum?

Junge stehen heute unter einem grösseren Leistungsdruck als früher. Es scheint klar zu sein, was sexuell gefordert wird, auch hinsichtlich der Praktiken. Wer es nicht macht, gilt als prüde und verkrampft.

Eine ehrliche Kommunikation mit dem Sexualpartner über Unsicherheiten, was man mag und was (im Moment) weniger, was tolle Gefühle hervorruft oder was körperlich erregend ist, wäre sinnbringender und entspannter als sich mit einem Leistungskatalog zu vergleichen.

Heute suchen viele in Internetforen nach Antworten. Aber hier finden sich wieder sehr einseitige Antworten, so dass die Verunsicherung bleibt oder gar noch steigert.