Im Schwitzkasten

An vielen Orten in der Schweiz werden Projekte zur frühen Förderung von benachteiligten Kindern lanciert. Auch in der Stadt St. Gallen will man das Projekt «Spiki» auf weitere Schulhäuser ausdehnen. Diese Woche wurde dem Kredit zugestimmt. Nur, ein Tropfen auf den heissen Stein macht noch keinen Regen. Und: Frühe Förderung und späte Zündung schliessen sich nicht aus.

Drucken
Teilen
Kindergarten-Unterricht in Rorschacherberg. Frühförderung ist gut, aber nicht alles. (Bild: Quelle)

Kindergarten-Unterricht in Rorschacherberg. Frühförderung ist gut, aber nicht alles. (Bild: Quelle)

Eigentlich dürfte es sie gar nicht geben, diese jugoslawische Familie, deren Mutter und Vater in Schichtarbeit in einer Fabrik schufteten und alle ihre fünf Kinder ohne nennenswerte Probleme durch Schule und Ausbildung begleiteten. Die Kinder wurden nicht vorschulisch früh gefördert, ihre Muttersprache ist nicht Deutsch, der kulturelle Graben zwischen Herkunftsland und Wahlheimat wohl tiefer als eine seichte Regenpfütze.

«Ich hatte schon Kinder, die erst mit dem Eintritt in die 5. Klasse in die Schweiz gekommen waren und später den Sprung in die Kantonsschule schafften», erklärt Katharina Stoll-Cavelti, schulische Heilpädagogin im St. Galler Schulhaus Heimat-Buchwald, «also zu einem Zeitpunkt, wo – wie die Wissenschaft sagt – das Zeitfenster für den Zweitspracherwerb schon fast geschlossen ist.» Was die Lehrerin und Mutter damit sagen will: Frühe Förderung und wissenschaftliche Erkenntnisse sind wichtig, aber sie sind nicht alles.

Stoll-Cavelti hat an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik in Zürich eine Diplomarbeit zum Thema «Sprachförderung in der Spielgruppe. Ein Beitrag zur Integration von Kindern mit Migrationshintergrund» geschrieben. Die Lehrerin ist skeptisch. «Selbstverständlich befürworte ich frühe Förderung, aber von zwei bis vier Stunden pro Woche darf man keine Wunder erwarten.» Zudem könnten zu wenig und ungenügend bezahlte Betreuerinnen den Erfolg dieser Projekte schmälern. «Und schlecht gemischte Gruppen können die Sprachentwicklung hemmen.»

Viel investiert – kleiner Nutzen

Stoll-Caveltis Wunsch: mehr als eine gutausgebildete und gutbezahlte Leiterin für jede Spielgruppe, mehr Kinder mit Muttersprache Deutsch und ein sensibler Einbezug der Eltern, wie er da und dort schon gemacht wird.

Eigentlich liegt der Lehrerin aber noch etwas ganz anderes am Herzen. In unseren Schulen gibt es immer mehr Kinder mit unterschiedlichem sprachlich-kulturellem Hintergrund, und die Reaktion des Bildungssystems darauf sind zahlreiche Stütz- und Sondermassnahmen. Nur: Diese Massnahmen sind nur mässig erfolgreich. «Also machen doch auch wir von der Schule etwas falsch», sagt Stoll-Cavelti, die bei Andrea Lanfranchi, Migrationsspezialist und Fachpsychologe für Kinder und Jugendliche in Zürich, studierte und durchaus wie er die Meinung vertritt, dass Kindern mit ausserhäuslicher Betreuung während der Vorschulzeit der Schritt in die Schule deutlich leichter fällt als jenen, die ausschliesslich in der Familie betreut worden sind. Aber die Lehrerin befürchtet, dass zu viel Hoffnung in die Frühförderung gelegt wird und das Bildungssystem als Ganzes aus dem Blickfeld gerät und die Bemühungen um den Nachwuchs unhinterfragt dem Tempodiktat unserer Zeit unterworfen werden. Obwohl in der Frühförderung und beim Schuleinstieg Lernen als Prozess verstanden wird, selektioniert unser Bildungssystem früh. Zu früh für viele benachteiligte Kinder und Migranten.

Da ist die 9jährige Esra, die in einem Vortrag in der Schule über die Ernährungsgewohnheiten des Luchses redet, als hätte sie einen als Haustier zu Hause. Das blitzgescheite Migrantenkind hat aber eine Sprachschwäche. Ihre Aussprache ist ungenügend, ihre Sätze mangelhaft. Esra verzweifelt fast, wenn sie es nicht schafft, längst Gedachtes in Worte zu fassen. Wird sie den Sprung in die Sekundarschule schaffen? Begegnen ihr auf ihrem Ausbildungsweg Personen, die das Potenzial dieses Mädchens richtig einschätzen und deshalb richtig entscheiden? Oder wird die schulische Selektion sie in einer Sackgasse stehen lassen?

Oder da ist Alban, der Rechenmeister. Sein ganzer Stolz sind seine hervorragenden Mathe-Noten, denn im Deutsch läuft es nicht so gut. Was wird aus ihm werden? Wird er irgendwann wie andere Migrantenkinder um eine Lehrstelle bangen müssen?

Benachteiligung auf Oberstufe

«Man soll am Anfang nichts unversucht lassen», sagt Katharina Stoll-Cavelti, «aber Frühförderung darf nur bedeuten, dass Kinder auch später gerecht beurteilt und integrativ gefördert werden.»

Die Wissenschaft hat herausgefunden, dass ein Kind etwa sieben Jahre braucht, um in seiner Zweitsprache schulisch erfolgreich zu sein. Dann sind die Weichen für die Oberstufe aber bereits gestellt, und die Statistiken zeigen eine Übervertretung von Migranten in Realschulen.

Bildung und Erziehung heisse fördern und fordern, meint Stoll-Cavelti, habe aber nichts mit ziehen zu tun. Auch Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Wird also der frühe Einstieg in systematische Bildung den langersehnten Erfolg in der schulischen Integration von Migranten bringen? Viele hoffen es, einiges deutet darauf hin, und doch erinnern wenige daran, dass die Entwicklung von allen Kindern und gerade der Prozess der Integration vielschichtig und komplex ist und vor allem auch Zeit braucht. «Und Zeit», sagt die Heilpädagogin, «ist genau das, was Kindern heute nicht gegeben wird.» Alles muss schnell gehen. So schnell, dass verunsicherte Kinder und ihre verunsicherten Eltern und wohl auch Lehrer sich bisweilen erschöpft stehen bleiben. «Ich kann mich nicht ein einziges Mal erinnern, dass mir meine Eltern bei den Hausaufgaben geholfen hätten», sagt ein besorgter Vater mit Hochschulbildung, «und trotzdem überkommt mich das Gefühl, meinen Kindern die Zukunft zu verbauen, wenn ich sie bei Hausaufgaben und anderem nicht ausgiebig unterstütze.»

Power-Frauen und Power-Babies

Im Schwitzkasten der frühen Förderung – im Rennen nach den Zeitfenstern «sensibler Phasen», jene neurologisch abgesegneten Punktlandungen – befinden sich nicht nur Migrantenkinder. Nach den Power-Frauen sind die Power-Kinder und Turbo-Babies gekommen. Alles möglichst früh, alles gleichzeitig, alles sofort. Nur ja nichts auslassen. Im Kanton Zürich nehmen über die Hälfte der Kinder im Unterstufenalter therapeutische Angebote in Anspruch. Aber nicht etwa weil sie krank wären.

Stoll-Cavelti hat eine vorsichtige Arbeit geschrieben. «Ich habe kein Patentrezept.» Zu früh ist falsch, zu spät auch. Sie hat aber für ihre Arbeit Kindern in Spielgruppen im In- und Ausland zugeschaut und manchmal gesehen, wie sich die Temperatur im Schwitzkasten bisweilen so erhöhte, dass vielen der Schweiss nur so von der Stirn rann. Auch Angstschweiss. Karin Fagetti

Katharina Stoll-Cavelti Schulische Heilpädagogin in St. Gallen (Bild: Quelle)

Katharina Stoll-Cavelti Schulische Heilpädagogin in St. Gallen (Bild: Quelle)

Aktuelle Nachrichten