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Im Salon der Republik - eine Architekturreise durch Tschechien

2018 feiert das Land seinen 100. Geburtstag. Stadtplaner und Architekten verliehen der jungen Ersten Republik eine neues Gesicht und eine eigene Identität. Wir fahren von Prag nach Königgrätz, in den «Salon der Republik», und nach Zlin, in die Modellstadt des Funktionalismus – auf der Suche nach der modernen Stadt.
Text und Bilder: Ingrid Schindler

«Ornamente sind überflüssig. Ein gut konzipiertes Haus braucht keine Dekoration.» Für den Brünner Architekten Adolf Loos, der ausser in Tschechien in Wien und Paris wirkte, war das «Durchdenken eines Hauses weit wichtiger als seine Verzierung». Mit seiner puristischen «Raumplan»-Philosophie wurde er zu einem der bedeutendsten Begründer der modernen Architektur.

«Raumplan» beruht auf einer klaren, rechtwinkligen, zweckmässigen Raumstruktur, edlen Materialien, Absenz jeglichen Dekors und effektivster Raumnutzung. In einer Reihe berühmter Villen hat Loos sein Konzept beispielhaft umgesetzt, wie in der Villa Müller in Prag und Villa Tugendhat in Brünn. Zu den weniger bekannten Meisterwerken zählt eine seiner letzten Arbeiten, die er 1931 für den Prager Anwalt Josef Winternitz in Prag realisierte und die Karel Lhota 1932 fertigstellte. Erst seit April 2017 ist die Villa Winternitz der Öffentlichkeit zugänglich. «Die Planungsphase betrug ein Jahr, die Bauzeit ein halbes und die Baukosten lagen dreieinhalb Mal höher als damals üblich», erzählt Winternitz’ Urenkel David Cysaf.

Freiraum, Stauraum und viel Licht

«Wenn ich einen voll beleuchteten und eingerichteten Raum betrete, dann muss ich ein ‹Oh!› ausrufen.» Dieser Prämisse von Adolf Loos wird die Villa gerecht. Der Eingang ist unscheinbar, Understatement pur – und dann staunt man: grosszügig, lichtdurchflutet, mondän, klar und leicht die Räume. Das Ess- und kleine Wohnzimmer sind über eine Halbtreppe mit dem hohen Salon verbunden, sämtliche Schränke sind Einbauten, der Raum ist maximal genutzt und bietet viel Stau- und Freiraum. Trotz aller nüchternen Zweckmässigkeit wirken die Räume warm und wohnlich.

Die Winternitz’ lebten keine zehn Jahre in der Villa.

1941 wurden sie enteignet und nach Theresienstadt deportiert. Josef Winternitz und sein Sohn Peter wurden in Auschwitz vergast, seine Frau Jenny und Tochter Suzana überlebten das KZ. Nach dem Krieg versuchte Jenny Winternitz den Besitz zurückzuerhalten, konnte aber nicht die immensen Vermögenssteuern auftreiben, die der Staat erhob. Sie und Suzana betraten das Haus nie wieder. Die Villa wurde zum Kinderhort, der Raumschnitt verändert; erst 1997 konnten sie die Erben völlig heruntergekommen im Zug der Restitution zurückerwerben und mit grossem Aufwand in den ursprünglichen Zustand zurückversetzen. Heute kümmert sich Urenkel David um ihre Nutzung als Location für Kulturevents und Führungen. Für rund 300 Euro kann man die Villa als B & B mieten und das «Raumplan»-Konzept eine Nacht auf sich wirken lassen.

Passagen fürs Volk, Paläste für die junge Republik

«Die neusachlichen, oft jüdischen Villen erzählen immer tragische Geschichten», sagt Architekturführerin Milena Vostalova. «Und sie sind ein Lehrstück der modernen Architektur als Reaktion auf den ornamental aufgeladenen Jugendstil, der allmählich vom geometrischen Jugendstil in einen dekorativen Kubismus überging.»

Paris war Vorbild für das Prag der Jahrhundertwende: Breite Prachtstrassen, monumentale Plätze, multifunktionelle Passagen.

Als erste der Passagen wurde 1911 die Lucerna-Passage erbaut, die in die Rokoko-Passage am Wenzelsplatz mündet, den Prager Champs-Elysées.

Der zweite Teil des Komplexes wurde 1921 fertiggestellt. Neuartig war die Verbindung von Glas, Stahl und Beton als stilbildende Elemente und die multifunktionelle Ausrichtung mit Geschäften, Brasserien, Cafés, Ball- und Konzertsaal, Theater und Kino. Der Name geht auf Luxfer, die Kombination von Licht (Oberlicht und Glasbausteine) und Eisen, zurück.

Mit der Ausrufung der 1. Republik 1918 entwickelte sich Prag zur modernen Metropole. Zum 10. Geburtstag der Staatsgründung schenkte sich die Stadt einen multifunktionalen wie monumentalen, nüchternen Messepalast. «Man war stolz und wollte zeigen, was sich der aufblühende Industriestaat leisten konnte», meint die Architekturführerin. Heute ist aus dem Messepalast die Nationalgalerie geworden. Bis Anfang 2019 ist die «Wunderbild»-Installation der deutschen Künstlerin Katharina Grosse in der Haupthalle zu sehen, in den gigantischen Ausmassen von 20 × 51,75 Metern. Wo hat so etwas schon Platz?

Die ideale Stadt Königgrätz

Die funktionalistischen Bauten aus der Blütezeit der Moderne während der 1. Republik fanden enormes Echo im ­ In- und Ausland. Neben Prag wurden Pardubitz, Zlin, Brünn oder Pilsen zu Wegweisern des modernen Städtebaus. Keine andere Kunstform prägte die junge Republik derart stark wie die Architektur. Die Zwischenkriegsjahre wirkten sich besonders auf die ostböhmische Stadt Hradec Kralove aus. Dass Königgrätz, so der deutsche Name, zum «Salon der Republik» wurde, beruhte auf einem fatalen Planungsfehler.

Im 18. Jahrhundert errichtete Joseph II. um die barocke Altstadt eine sternförmige Festungsanlage als Bollwerk gegen die Preussen.

Diese beschränkte die Stadt massiv und erwies sich im Deutschen Krieg als Falle. In der Schlacht bei Königgrätz 1866 unterlag Österreich Preussen. 1893 wurden die Festungsmauern geschliffen und grosse Flächen an zentraler Lage frei.

Grün, grosszügig und zweckmässig

Bürgermeister Frantisek Ulrich erkannte die einmalige Chance, ein neues Stadtbild zu schaffen, und zog Jan Kotera, den führenden tschechischen Stadtplaner, bei. Modern, grün, luftig, grosszügig und zweckmässig sollte das neue Königgrätz sein, Neubauten nicht höher als drei Stockwerke, öffentliche Gebäude multifunktional, der Verkehr auf Ringe verlagert werden, Sichtachsen freibleiben. «Vor allem sollte die Architektur Ausdruck des neuen tschechischen Selbstbewusstseins sein. Die junge Republik wollte beweisen, dass sie etwas Eigenständiges schaffen konnte», erläutert Stadthistoriker Jan Jakl.

Architektur der Moderne

Prag Villa Winternitz, www.loosovavila.cz; Archi-Guide: milena.vostalova@atlas.cz; Camp, «Prag morgen», www.iprpraha.cz; Nationalgalerie: www.ngprague.cz
Königgrätz www.ic-hk.cz, www.hkregion.cz
Pardubice www.ipardubice.cz.
Zlin: www.muzeum-zlin.cz, www.ic-zlin.de. Tschechische Zentrale für Tourismus: www.czechtourism.com

Innerhalb von 30 Jahren veränderten Kotera und sein Schüler Josef Gocar das Bild der Stadt. Wie sich die Baustile dabei vom Jugendstil zum Rondokubismus, dem offiziellen tschechischen Nationalstil, und puristischen Funktionalismus wandelten und ineinander übergingen, macht eine 3,5-km-Tour durch den «Salon der Republik» deutlich.

Die ersten Bauten stammen noch aus dem Ende der K & K-Zeit wie das monumentale Ostböhmische Museum von Kotera (1912) am Elbufer.

Dort entstanden weitere signifikante Werke der Moderne, wie das Wasserkraftwerk von Gocar und F. Sander (1912), das J. K. Tyl-Gymnasium (1927), eines der Hauptwerke Gocars im Stil des Funktionalismus, das funktionalistische Stadtbad von O. Liska (1933) oder der Sokolovna-Bau von M. Babuska (1930) mit Turnhallen, Kino und Konzertsaal.

Ein Krematorium als Inbegriff der neuen Identität

Der populären Volkssportbewegung (Sokolowna) kam beim Aufbau der nationalen Identität eine tragende Rolle zu. Im ganzen Land entstanden Bäder, Sporthallen und Kurhäuser im Stil des Funktionalismus oder nationalen Dekorativismus, den man auch Rondokubismus nennt. Nur in Tschechien fand der Kubismus Eingang in die Architektur. Als Paradebeispiele gelten das Freibad Dachova in Horice von K. Bachura (1925), das Kurhaus von Bad Bohdanec von Gocar (1912) oder das Krematorium von Pavel Janak (1923) in Pardubice.

Letzteres zelebriert in fröhlichem, farbenfrohem Stilmix die Verbundenheit des Menschen mit der Natur. Dazu zitiert es Jugendstilsujets, panslawistische Volkskunst, die Antike, böhmische Bauernhäuser und kubistische Formen.

Auf den ersten Blick lassen sich Bezüge zu Picassos kubistischer Phase nur schwer erkennen, eher Reisen des Architekten nach Italien.

«Revolutionär war nicht nur der Bau selbst, sondern Kremationen an sich, denn in der K & K-Zeit ­waren sie verboten», erklärt der örtliche Architekturguide Matej Bekera. «Mit Ausrufung der Republik traten Millionen von Tschechen aus der katholischen Kirche aus oder wechselten die Konfession. Die Einäscherung wurde als etwas Praktisches, Ursprüngliches und Modernes angesehen und das neue Krematorium Ausdruck der eigenen Kultur und des politischen Triumphes des tschechischen Volkes.» International Schule machte der Rondokubismus jedoch nicht.

Der Funktionalismus dagegen machte weltweit Karriere. Nirgends wurde er derart radikal konsequent umgesetzt wie in der südostmährischen Stadt Zlin, das visionäre Schuhfabrikanten in den ersten drei Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts in eine einzigartige Modellstadt des Funktionalismus verwandelten.

Für Le Corbusier «einer der heissesten Orte der Welt»

1894 gründete Tomas Bat’a mit seinen Geschwistern eine Schuhfabrik in Zlin. Die Produktion von Billigschuhen sowie Militärstiefeln für die Soldaten des Kaisers, tiefe Preise und Fliessbandproduktion à la Ford in Detroit liessen die Firma stetig expandieren. Um die Stadt für die rasant wachsende Belegschaft attraktiv zu machen, engagierte Bat’a die besten Städtebauer des Landes. Jan Kotera, Frantisek L. Gahura, Vladimir Karfik sollten eine funktionelle Gartenstadt mit geraden Strassenzügen und viel Grün nach amerikanischem-englischem Vorbild entwerfen. Die Rechnung ging auf, mit dem Wohl der Arbeiter stieg die Produktivität. Das Unternehmen entwickelte sich zum grössten Schuhproduzenten der Welt und Zlin zum einmaligen Baudenkmal des Funktionalismus, nach ­dessen Muster die Bat’as weitere Städte in aller Welt gründeten.

Bei allen Bauten, ob Werkhalle, Wohnhaus, Schule, Spital, Kunst-, Sporthalle oder Kino, Zlin besass damals das grösste Mitteleuropas, bildeten 6,15 m hohe, lange und tiefe Kuben das Skelett. Als Le Corbusier 1935 Zlin besuchte, war er so begeistert, dass er es als «einen der heissesten Orte der Welt» bezeichnete.

Zum Wahrzeichen wurde Hochhaus Nr. 21, mit 75 Metern damals das zweithöchste, nichtkirchliche Gebäude Europas.

Jan Antonin Bat’a liess es nach dem Tod seines Halbbruders – Tomas stürzte 1932 auf dem Flug nach Basel zur Eröffnung des Bat’aparks Möhlin ab – 1938 errichten. Sein Direktionsbüro im «Wolkenkratzer von Zlin», das sich in einem Aufzug befand, damit er auf jeder Etage präsent sein konnte, sollte er nie betreten – bei Hitlers Einmarsch wurde er ­verhaftet. Heute steht die Stadt vor dem Problem, wie man Tausende von Arbeiterhäusern zeitgemäss saniert, ohne das einzigartige Kulturgut zu zerstören.

Metropolplan für das Prag von Morgen

Die boomende 1,3-Millionen-Stadt Prag knüpft an die grosse Zeit der Urbanisten an, um den Herausforderungen an eine moderne Kapitale gerecht zu werden. «Wenn die Hauptstadt in der ersten Liga der westlichen Metropolen mitspielen will, braucht es exzellente Planung», so Monika Uhlenbruch vom Prager Zentrum für Architektur und Metropol­planung Camp. «Wohnungsmangel, unkontrolliertes Wachstum, Aufkauf der Innenstadt durch ausländische Investoren (u. a. durch Umwandlung von Altbauwohnungen in B & B), die Ansiedlung internationaler Firmen, demografische Entwicklung und Zwänge des Denkmalschutzes (rund 40 % der Altstadt stehen unter Unesco-Schutz)», fasst Uhlenbruch die Herausforderungen zusammen. Das Stadtplanungsinstitut entwickelt diesbezüglich in Zusammenarbeit mit Wien, Amsterdam und der EU Konzepte für die Zukunft.

Der Prager Metropolplan soll das Wuchern der Stadt aufs Land verhindern, klare Grenzen zwischen Stadt und Land ziehen, die Zugänglichkeit öffentlicher Plätze stärken, unsichtbare Parkplätze schaffen, Wohnviertel lebendiger gestalten, Stadtteile für Senioren entwickeln u. v. m. In den Räumen des Camp werden die Bürger über die Projekte informiert und in die Prozesse einbezogen. Die Ausstellung «Prag morgen» ist Touristen und ausländischen Stadtplanern zugänglich. Ein Ort, um sich zu inspirieren, wie man lebenswerte Räume mit moderner Infrastruktur schafft, ohne alte Menschen und Autos auszugrenzen.

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